Donnerstag, Februar 16, 2012

Flug- oder Fahrzeug?

Flugzeuge fliegen, das weiss doch jedes Kind. Doch Flugzeuge fahren auch, das erfahren vor allem Passagiere nach Frankfurt. Gut, vielleicht ist das Datum schlecht gewählt, um über Frankfurt zu schreiben, aber das ist die mir einzig bekannte Flugstrecke, wo der Pilot länger rollt als er fliegt.

Frankfurt kann ein unbarmherziger Flughafen sein. Mal links, mal rechts – man ist der Lust und Laune des Bodenkontrollers ausgesetzt. Grosse Flugzeuge wollen starten und haben für uns Kleine wenig übrig.

«Weg da Winzling!», morsen sie uns mit ihren grossen Scheinwerfern ins Cockpit. «Ätsch, wir machen keinen Platz», unsere Antwort. Der Bodenkontroller sorgt für Ordnung und oft noch längere Wege.

Tja, das Manövrieren mit Flugzeugen ist gar nicht so einfach wie es aussieht, darum darf das der Kapitän machen. Also er macht es nicht nur weil es so anspruchsvoll ist, sondern in erster Linie, weil es auch Spass macht.

Die Räder drehen leer und die beiden Triebwerke liefern auch im Leerlauf genügend Power, sodass wir schneller beschleunigen als manch ein japanisches Auto. Muss  noch die Motorenheizung eingeschaltet werden, sind die Leerlaufdrehzahlen noch höher und die Leistung dementsprechend auch. Kommt dann noch ein schwach besetztes Flugzeug dazu, kann jeder Ferrari einpacken.

Die Distanz von einem abgelegenen Standplatz – nehmen wir als Beispiel die D8 in Zürich – bis zur Startpiste 28 ist schätzungsweise so um die vier Kilometer. Viktor Röthlin (für Nicht-Schweizer: unser Marathonheld) braucht dazu vielleicht  zwölf Minuten, eine A320 am Morgen hoffentlich weniger.

Rolle ich mit 10 Knoten (18,5 km/h) dann benötige ich – Moment, wo ist der Taschenrechner...? – etwa solange wie Viktor Röthlin. Rolle ich mit 30 Knoten, kleben mir die Passagiere in den Kurven an den Scheiben – ich spare aber fast acht Minuten Rollzeit.

Drücken oder gedrückt werden,
das ist hier die Frage!
Acht Minuten im Flug aufzuholen ist selbst auf einem langen Kurzstreckenflug (es gibt auch kurze Langstreckenflüge) unmöglich, oder nur unter Einsatz von sehr viel Kerosin machbar. Das ist, wie wir aus dem interessanten Bericht Fuelmanship wissen, weder im Sinne der Natur, noch im Sinne meines Chefs.

Passagiere sind sensible Wesen und das gilt es vor allem in den frühen Morgenstunden zu beachten. Darum ist überlegter Gas- und Bremseinsatz während der Bodenphase unumgänglich. Mensch und Maschine wollen geschont werden, trotzdem will niemand Zeit verlieren.

So ist es die ehrenvolle Aufgabe eines jeden Kapitäns, ein gesundes Mittel zwischen Achterbahnfahrt, Schlendrian, Ökonomie, Ökologie und Zeitmanagement zu finden. Viele der wichtigen Entscheidungen werden vor dem Start gefällt. Eine charmante Stimme am Morgen hilft sehr, auch wenn sie sich ab und zu wundert, wie schnell wir über den Asphalt donnern.

Kommentare:

  1. Nunja, Frankfurt hat erst mit jahrelanger Verspätung an Amsterdam aufgeschlossen, und man könnte sagen dass die Rollstrecke in Amsterdam sogar immer noch länger ist.

    Und was is denn nu ein langer Kurzstreckenflug? Ist das definiert durch die Flugzeit? Strecke? Oder das eingesetzte Muster? Zum Beispiel fliegen wir aus Preussen nach Tel Aviv als Kurzstrecke, auf Kurzstreckengerät und ergo auch hin und zurück mit einer Crew. Sind ca. 5 Stunden eine Strecke und man erreicht mal wieder das europäische Dienstzeitlimit ohne Anstrengung. Die Swiss-Mama fliegt das ganze mit Langstreckengerät und folgerichtig darf auch die Besatzung die schöne Strandpromenade geniessen, und ist meilenweit von Limit entfernt.

    Ähnlich sieht es mit Dubai, Ägypten und den Kanaren aus, wobei Dubai eine Ausnahme darstellt da man dort die Besatzung wechseln muss, das geht hin und zurück nicht mal mehr nach europäischen Regeln.

    AntwortenLöschen
  2. Immer wieder spannend zu beobachten wie unterschiedlich auf dem Tarmac rumgerollt wird - fast wie im Strassenverkehr - mit dem feinen Unterschied dass es bei uns für Piloten keine Geschwindigkeitsbussen gibt...

    AntwortenLöschen
  3. @Denti:
    … ob lang oder kurz ist geografisch definiert. Wenn wir Kleinen nach TLV fliegen, müssen wir auch wieder zurück – die Grossen sind einfach etwas …

    @TWRMädel:
    … wer privat einen Prius hat, muss beruflich kompensieren :-)

    AntwortenLöschen
  4. Es sei mir erlaubt, ohne überheblich zu wirken, diesen, wie immer augenzwinkernd verfassten nff-post fachtechnisch zu ergänzen (er selber weiss es natürlich, das ist mir schon klar):

    Flugzeuge ROLLEN, sie FAHREN nicht. Warum? Der Schub wird von den Triebwerken erzeugt, dh der Antrieb erfolgt nicht über die Räder.

    Mit (augenzwinkerndem) Gruss

    AntwortenLöschen
  5. @Dide:
    …Rollzeug klingt nicht so gut wie Fahrzeug und bringt all die Kiffer auf meine Seite. Was soll da bloss die Behörde von mir denken?

    AntwortenLöschen
  6. Wo du recht hast, hast du recht. Taktik ist das halbe Leben.

    AntwortenLöschen
  7. und wer bremst, verliert. Solange man den Taxiway noch zur Front- und nicht den Seitenscheiben raus sieht, hat man zuwenig drift...

    G! (nur in Ausnahmefällen am Rollen...)

    AntwortenLöschen
  8. Immerhin wird grade kräftig daran gearbeitet, das Rollzeug zum Fahrzeug zu machen. Ein paar nette E-Motoren an die Radnaben, Brennstoffzelle ins Heck, und schon ist der E-Bus fertig :-.

    Schluß mit rasanter Beschleunigung, Krach und Gestank, der neue A320X wird der Krankenfahrstuhl der Lüfte mit riesigen Rückspiegeln und ich bin gespannt, ob Frauen dann noch Pushbacks machen dürfen (mit dem rückwärts Parken ist das ja so eine Sache ;-)) OK, Spässle :-)

    AntwortenLöschen
  9. War da nicht was mit Vmax beim Rollen von 15kt? Und von der Piste auf den Taxiway bitte nur Schritt fahren. ^^

    AntwortenLöschen
  10. Apropos Bodenbeschaffenheit:
    Sind eigentlich die Rollwege der von dir angeflogenen Flugplätze alle gleich beschaffen?
    Oder anders gefragt:
    rollt ihr nicht nur - rockt ihr ab und zu auch?
    Richi

    AntwortenLöschen
  11. V max beim Rollen ist (bei uns) 30kts. Die Pisten darf man auch mit wesentlich mehr verlassen, wenn es sich um sog. high speed exits handelt.

    Löcher, Unebenheiten und andere Hindernisse, die den Komfort beeinträchtigen, gehören leider zur Tagesordnung. Man kennt diese aber mit der Zeit.

    AntwortenLöschen
  12. Rollen oder Fahren spielt doch keine Rolle (hah...) denkt sich der kühle Skandinavier und macht's wie die österreichischen Nachbarn gestern am Opernball..:

    "Alles Walzer"
    http://www.youtube.com/watch?v=iEJFC5AM3_o

    AntwortenLöschen