Montag, Februar 06, 2012

flotter Vierer



Das Leben ist kurz, weniger wegen der kurzen Zeit, die es dauert, sondern weil uns von 
dieser kurzen Zeit fast keine bleibt, es zu geniessen

Jean-Jacques Rousseau




Miami! Endlich wieder einmal Miami! 


Was habe ich mich früher geärgert, als ich Miami im Einsatz stehen hatte. Zu zweit über den Nordatlantik fliegen, eine Flugzeit von über 10 Stunden. Gut, es gab einen freien Tag an der Southbeach als Kompensation und der Arbeitgeber sorgte mit dem Start am Mittag dafür, dass man gesittet ausschlafen konnte. Auch die Verpflegung war nicht schlecht. Erste Klasse mit vier Gängen, dazu Espresso – leider keinen Wein, schon gar keinen Schnaps. Geschlafen habe ich auch jedesmal im Pilotensitz, denn wer will schon unausgeruht am Ziel ankommen und EINE Landung machen?


Heute war es zum zweiten Mal innerhalb drei Tagen soweit, dass ich nach Miami durfte. Nicht so richtig, aber fast. Die Arbeitszeit war genauso lang wie beim Flug an die Southbeach, doch leider klingelte der Wecker bereits kurz nach vier Uhr in der Früh. Ein flotter Vierer stand auf dem Programm und wie es die flotten Vierer so in sich haben, muss jederzeit mit Komplikationen gerechnet werden. So auch heute.


Amsterdam kam als erstes dran. Das Flugzeug vertrug die nächtliche Kälte besser als die Nacht zuvor in Nürnberg und machte zu unserem Erstaunen kaum Probleme. Gut, nach dem Motorenstart reklamierte der Ölfilter er sei verstopft. Foppen konnte er uns aber nicht. Das Öl war wegen der Kälte so dickflüssig, dass die Warnung kurzzeitig erschien und sich mit steigender Motorentemperatur wieder verabschiedete. Zügig rollten wir zum Deicing-Pad Charlie und liessen eine rotfarbige Dusche über unser Flugzeug laufen. Es sollte das letzte Mal an diesem Tag sein, wo wir die Flügel vom Frost befreien mussten. Die Kälte ist im Moment so trocken, dass sich während des Tages kaum Eis auf den Flügeln festsetzt.
Grossartige Arbeit der Kollegen in ihren Elefanten. Sechs Minuten hat das Procedere gedauert und wenige Minuten später stiegen wir mit Vollgas gegen den Himmel.


Ein klarer Himmel über Europa und ein dünner Filterkaffee begleiteten uns bis über Amsterdam. Der Flughafen "Schkipooool" ist so gross, wie der Kanton Appenzell Innerrhoden, aber weniger hügelig. Landet man auf der 18R, dann ist die Rollzeit zum Gate fast so lang, wie die Flugzeit von Zürich nach Amsterdam. Der Turm hat Erbarmen und lässt uns auf der 18C landen. Zeit gespart und dennoch zu spät. Statt 35 Minuten Bodenzeit bleiben uns noch deren 23. Die Kabinenbesatzung treibt das Putzpersonal an, bereitet die Kabine für den Rückflug vor und begrüsst bereits wieder die ersten Gäste, als ich vom Rundgang um Flugzeug zurückkomme. Das Kerosin ist im Tank, die Koffer im Bauch verstaut. Es geht wieder los. Flugzeit nach Zürich: 1:10h.


Im Reiseflug wird das nächste Teilstück vorbereitet. Flugplanung, Treibstoffmenge bestimmen, defekte Flugplatzsysteme studieren, Standplatz in Zürich einholen und eventuelle Startbeschränkungen (SLOTS) überprüfen. Es gibt einen Slot – und was für einen. Eine Stunde und zehn Minuten später als geplant. Statt nach Miami geht es also jetzt nach San Francisco – zumindest bezüglich Duty-Zeit. Das ohne Mittagspause und ohne einmal die Augen zu zu machen. Unmöglich! Wir informieren die Besatzungsplanung, dass wir diesen Einsatz nicht akzeptieren. Zwanzig Minuten später die Meldung aus Zürich. Kopenhagen statt Manchester. Neue Flugplanung, Flugzeugwechsel, weitere Infos einholen.
Wir landen pünktlich. Rollen zum Standplatz und versuchen die Passagiere anzutreiben. 


So gut wie möglich bereiten wir das Flugzeug für die nächste Besatzung vor und hoffen, dass dies die Kollegen auf "unserem" Flugzeug auch machen. Der Bus kommt nicht gleich, wir warten bei -15°C in der Uniform in der Kälte. 


Noch vierzig Minuten bis zum Start nach Kopenhagen. Der Copilot studiert die Unterlagen und ich hole eine Runde Cappuccino für die gesamte Besatzung im Terminalgebäude. Die Kollegen und Kolleginnen der Kabine hatten bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Minute Pause. Ich kam etwas knapp und um 36 Franken ärmer aufs Flugzeug. Der Copilot fluchte wie ein Rohrspatz. Der Vorgänger hatte einen Line-Check und agierte etwas übermotiviert. Er machte den ganzen Flieger stromlos und verstaute alle Planungscomputer im Safe, obwohl wir nur fünf Minuten nach ihrer Abfahrt am Flugzeug ankamen. Ein Flugzeug stromlos machen – so ein Schwachsinn! Es kam wie es kommen musste: die Systeme spielten verrückt. Das kostete wertvolle Minuten und viele Nerven. Diverse Systeme starteten nicht so auf, wie sie sollten. Mit der einen Hand hielt ich das Handy ans Ohr und mit der anderen zog ich unter Anleitung der Mechaniker Sicherungen und versuchte die Systeme so wieder flugfähig zu machen. Es klappte, zumindest vorläufig.


Mit leichter Verspätung hoben wir ab. Mit uns 155 Passagiere. Zusammengerechnet schon fast 400 an diesem Tag. Flugzeit nach Kopenhagen 1:25h. Zeit genug um den nächsten Flug zu planen, die Flugdaten zu überprüfen und vielleicht etwas zu essen. Kurz vor dem Sinkflug meldet sich mein Navigationscomputer ab. Wir versuchen ihn neu zu starten – vergeblich. Eine Folge des stromlosen Zustands in Zürich? Vielleicht. 
Das Tablett mit dem Essen stellte ich auf den Boden, den Computer mit den elektronischen Handbüchern auf meine Knie. Könnten wir da noch etwas verbessern? Könnten wir so zurück nach Zürich fliegen? Während ich letztere Frage mit Ja beantwortete, fand ich bei ersteren keine Lösung. 
Mittlerweile waren wir auf 7000ft, der Copilot flog die Maschine gekonnt, schnell und ruhig Richtung Piste 22L. Ich bestellte zwischendurch per Funk einen Mechaniker an das Flugzeug und suchte meine ILS-Anzeige vergeblich auf meinem Bildschirm. Kurz vor der Landung stieg noch ein weiteres Teil des Flugcomputers aus, was uns kurz absorbierte, aber nicht beunruhigte. Rund sechshundert Meter vor dem Boden meldete die Druckkabine Probleme und ich schaltete auf manuellen Betrieb um. Die Landung weich wie gewohnt und abgebremst wie im Lehrbuch. Der Copi hat seine Arbeit gut gemacht und wir rollten zum Standplatz, wo uns der Mechaniker erwartete. 
Er runzelte die Stirn, zog einige Sicherungen, startete ein Analyseprogramm und meldete nach drei Minuten, dass alle Systeme wieder einwandfrei arbeiteten. 
Ich erledigte den Papierkram, lief um das Flugzeug herum, gab dem Tanker Instruktionen und beendete meine Arbeiten im Cockpit. 
Als es im Drucker ratterte die nächste Überraschung. Wir hatten eine Startzeit zugewiesen bekommen und sollten in 15 Minuten in der Luft sein. 100 der 130 Passagiere waren an Bord. Es könnte klappen. Ich ermunterte die Passagiere schnell abzusitzen und der Copilot versuchte den Turm bei Laune zu halten.
Alle waren bereit, nur das Ladeblatt fehlte noch. Der Computer sei abgestürzt, so die Bodenchefin. Drei Minuten später die Erlösung. Der Drucker ratterte, die Türen wurden geschlossen. Wir schafften es pünktlich, wir waren endlich in der Luft.


Wir gaben Gas, wir flogen so schnell wie möglich. Jede Minute zählte, das Flugzeug musste ohne uns 35 Minuten nach der Landung wieder nach Hannover weiter. 
Pünktlich dockten wir am A13 an und verliessen nach 10:30h Arbeitszeit müde und hungrig unser Arbeitsgerät. Die Kabinenbesatzung war ununterbrochen auf den Beinen, hat zu viert über 500 Passagiere verköstigt und nie eine Pause gemacht.
Ein flotter Vierer mit vier flotten Kollegen ging zu Ende!


Wäre ich in dieser Zeit nach Miami geflogen, hätte ich jetzt 48 Stunden Zeit mich am Strand zu erholen… 



Kommentare:

  1. Wieviel Jahre werden es als Cpt. auf den kleinen Bussen voraussichtlich noch werden, bevor es als Dickschiff-Kommandant wieder in die weite Welt geht?

    Wenn man das so liest dann ahnt man, wozu die Selektion zusätzlich dient: Um Burnout-Gefährdete auszusieben - denn das Managen der eigenen Stressreaktionen und -Hormone scheint eine immer wichtigere Voraussetzung für Piloten zu werden!

    Piloten nehmen zwar keine Arbeit mit nach Hause, aber es stellt sich mir als Außenstehenden die Frage, wie man nach solchen Tagen wieder "runterkommt".
    Stresshormone bauen sich ja bekanntlich kurzfristig nur durch körperliche Betätigung ab (Sport nach Feierabend).
    Deshalb würde mich interessieren: Habt Ihr an solchen Tagen, wo es dauernd um Minuten geht und man immer nebenbei die Zukunft (next leg) plant und zusätzliche Erschwernisse hinzukommen, keinen Stress, weil ihr bereits als Charaktere "cool" seid, oder baut sich da schon oft Spannung auf, die man dann daheim am Sofa noch spührt?

    Entspannenden Feierabend!

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  2. ...die Suche scheint erfolgreich gewesen zu sein...

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  3. Pilotenleben at its best ;-)
    Tolle Eindrücke in deinen Alltag gibst du uns da!

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  4. @Anonym:
    … ich komme voraussichtlich am Donnerstag auf die Langstrecke. Nur leider ist das Jahr noch nicht bekannt... Gute Voraussagen gibt es in der Aviatik jeweils Freitags, weil die Büros bis Montags nicht arbeiten. Ich nehme es wie es kommt. Im Moment will ich ehrlich gesagt gar nicht auf die Langstrecke. Auch wenn so ein Tag wie Gestern knüppelhart ist, macht es doch Spass und man liegt am Abend zu Hause im eigenen Bett. Schlaf hat nach 15 Jahren Langstrecke eine Wichtigkeit in meinem Leben bekommen, die ich nie für möglich gehalten hätte.

    Stress haben wir nicht, ausser wir machen ihn uns selber. Klar drückt der Flugplan, aber darum Risiken einzugehen ist dumm und gefährlich. Es gilt der Spruch: Wenn es pressiert, dann muss man langsam machen! Funktioniert übrigens auch ausserhalb der Fliegerei :-)

    @TWRMädel:
    … ich habe auch lange gesucht! Hast Du weitere Ideen für Quotenfängertitel?

    @Michael:
    …Danke!

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  5. Immerhin kommst Du auf die Langstrecke und stehst heute lohnmässig schon auf der erfreulichen Swisshansa-Seite. Deine 'Kollegen' auf dem Jumbolino können davon nur träumen.

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  6. ... brauchst Kollegen gar nicht in Anführungszeichen zu setzen, wir verstehen uns bestens!

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  7. Mann, und ich dachte immer, bei mir in der Werbung sei es hektisch... :-)

    Danke!

    Claudia


    PS: Quotenfängertitel? Wie wärs mit "Auf und nieder, immer wieder" ;-)

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  8. @nff: tnx für den Einblick! Das mit dem "sich selbst keinen Stress machen" lassen ist wohl das Geheimnis.

    Viel Spass weiterhin - es wird eh noch früh genug Donnerstag ;o)

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