Montag, Februar 13, 2012

Effizienzdemonstration

Keine Angst, ich schreibe nicht über neue Kostensenkungsprogramme oder ähnlich sitzungsintensive Kostentreiber, sondern über meinen Ausblick aus Zimmer 2007.

Vorbei am Starbucks-Becher und einer Union Jack schaue ich auf die Piste 27R des Flughafens in Heathrow und kann genaustes beurteilen, welche Airline wie landet.



Aha, Lufthansa A321, etwas zu lang Kollegen!
Ein Jumbo, was für eine Landung!
Pffff, ein A319 der partout nicht den Boden berühren will.

Zwei Pisten, laut Wikipedia je 500'000 Starts und Landungen pro Jahr und eine Mischung von Effizienz und Chaos, wie man es nur im Englischen Königreich beobachten kann.

Jeder Anflug aus der Schweiz beginnt in Biggin Hill im Süden von London. Über dem gleichnamigen Flughafen befindet sich der Warteraum, der genutzt wird, um die Flugzeuge geordnet Richtung Heathrow zu bringen. Am Ende der Warterei werden die Flugzeuge Biggin auf 8000ft und einem Heading von 275° verlassen. Je höher man in das Holding einfliegt, je länger die Wartezeit. Pro 1000ft fünf Minuten, das ist kein schlechter Richtwert.
Man merke, Wartezeiten unter 20 Minuten sind laut Flughafen Heathrow nicht erwähnenswert, also normal.

Nach einer S-Kurve, bei der man durch die Lotsen geführt wird und sowohl Geschwindigkeits- und Richtungsbefehle peinlichst genau befolgen muss, werden die Flugzeuge mit knappstem Abstand auf die ILS geführt. Heathrow gewinnt keine Effizienzpreise bezüglich Ökologie, dafür bezüglich Leistungsfähigkeit. Von den Piloten wird nach der Landung eine Vollbremsung verlangt. Kein Zögern, keine Kosmetik – von der Piste sollen sie weg und zwar hurtig!
Hinten lauert der nächste Pilot in einem so geringen Abstand, dass in Paris Grossalarm ausgelöst würde.

Keine Seltenheit, dass man die Freigabe zur Landung erst gut hundert Meter über der Pistenschwelle bekommt. Ruhig Blut, schliesslich sind wir im Empire.

Am Parkplatz angekommen, wird man mit der chaotischen und – falls man nicht Passagier ist – sympathischen Art des Flughafens konfrontiert. Eines wird einem jetzt klar. Heathrow ist kein Flugplatz, sondern die besterschlossene Baustelle der Welt.

Crews werden direkt am Flughafen abgeholt. So auch gestern Nacht. Sechs Personen waren wir. Ein Bus so gross stand bereit, der eine ganze Fussballmannschaft inklusive Anhängerschaft aufnehmen konnte. Das Manövrieren mit einem so imposanten Vehikel auf einem Flugfeld so unübersichtlich wie Heathrow, ist schon bei Tag eine Herausforderung, bei Nacht absolut unmöglich.
Drei Blechschäden später stehen wir am bestbewachten (?) Flughafen der Welt an einer Schranke, die an mittelalterliche Ritterfilme erinnert. Der Schrankenmeister übrigens ganz abenteuerlich aus. Er wäre im zu König Arthurs Zeit durchaus als Lumpensammler durchgegangen.

Tja so ein Pech. Jetzt habe sie das Regime geändert in Heathrow. Die 27R ist jetzt Startpiste. Die Scheiben vibrieren zwar lauter, aber zu sehen gibt es nichts mehr.

Ich gehe jetzt einen neuen Ventil Latte holen.



Kommentare:

  1. "Wartezeiten unter 20 Minuten sind laut Flughafen Heathrow nicht erwähnenswert, also normal"

    ...Mann und bei uns wird schon gejammert, wenn es denn statt einmal zweimal im Kreis rumgeht...

    Oder könnte es eventuell sein, dass wir euch ganz einfach viel zu fest verwöhnen?

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  2. … ZRH hat eine Piste mehr, also ist weniger Delay doch normal – oder?

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  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  4. Da sieht man wieder einmal, wozu Royalisten fähig sind: Ohne mit der Wimper zu zucken, wird das "Regime" geändert - aber die Queen hält sich jahrzentelang auf dem Thron...

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  5. So schlimm sind 20min ja nun auch nicht. Die hat man auch wo anders mal.

    Die bestbewachten Flughäfen sind erfahrungsgemäß (Passagier) noch ein ganzes Stüchcken weiter richtung Ural zu suchen :)

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