Donnerstag, Februar 09, 2012

45 Minuten Pause

Zeitungen werden immer schlechter, hört man in der Schweiz immer öfters. Das mag sein. Die möglichen Gründe dafür sind zahlreich.

Doch was dem Leser bleibt ist die tägliche Enttäuschung.

Nur noch selten lese ich am Morgen wirkliche Neuigkeiten, die nicht schon in einer Form auf mich niederprasselten. Alles ist aufgewärmt, sowohl in der Kantine, als auch auf den dünnen Papierseiten, die jeden Morgen den Weg in den Briefkasten finden.

Schade! Denn ich will nicht lesen, dass ein Basler Fussballer in München zum Arzt ging, sondern ich will Interessantes aus der Welt erfahren, Geschichten lesen, den Alltag miterleben.

Beim Tagi war das früher die Seite 2, bei der NZZ lange Reportagen von ausgewiesenen Schreiberlingen verteilt auf die verschiedenen Ressorts. Geblieben sind die Geschichten im Lokalteil. Wer diese authentisch und spannend erzählt, macht Reportagen, ist ein Reporter und kein Journalist.

Reportagen, das ist das Schlagwort.

Man findet sie noch, die grossen Reportagen aus aller Welt. So zum Beispiel in den Deutschen Zeitungen. Sei es DIE ZEIT, die FAZ oder die Süddeutsche, Journalisten entführen mich regelmässig in entlegenste Ecken der Welt oder in unbekannte Strassen meiner Stadt und öffnen mir die Augen, erweitern meinen Horizont.

Und in der Schweiz?

Obwohl sie fast verschwunden sind, haben sie eine neue Heimat bekommen. Achtung, jetzt kommt Werbung! Eine kleine Redaktion mit grossen Schreibern hat sich die Aufgabe gestellt, Reportagen wieder aufleben zu lassen. Es ist ihnen gelungen – und wie!

Wer wie ich eintauchen möchte in Geschichten aus aller Welt, dem empfehle ich das im Rhythmus von zwei Monaten erscheinenden Reportagen-Magazin. Die zehn Franken pro Ausgabe lohnen sich.

Gönnen sie sich eine 45-minütige Pause. So lange dauert es, eine der sechs Reportagen im Heft zu lesen.

Aus dem Editorial im Heft 3 (von Daniel B. Peterlunger)



Schreiben heisst noch einmal leben. Im Augenblick, wenn sich etwas ereignet, haben wir gar nicht die Zeit, alles genau wahrzunehmen. Das Schöne am Schreiben ist, die Zeit zurückzudrehen. Dinge entdecken, Bilder und Gefühle wahrnehmen, etwas noch einmal durchleben – vieles wird klarer. Martin Walser brachte es auf den Punkt: «Schreiben ist das Denken verlangsamen.»
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Kommentare:

  1. Danke für den Tipp. Die (gratis) Zeitungen von heute bestrafe ich schon seit einiger Zeit mit Nichtbeachtung. Die kurzen News lese ich lieber auf dem iPhone und die Tropenwälder freuen sich.
    Falls du ein iPad hast, empfehle ich dir "longform". Eine kleine App, welche nach dem Motto "Stop browsing, start reading" redaktionell ausgewählte Reportagen in ansprechender Form darstellt und offline verfügbar macht.

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  2. Reportagen sind ja selten direkt an die Tagesaktualität gebunden. So kann man von den Tageszeitungen auch gut zu Magazinen ausweichen. Zum Beispiel zu mare, auch für all die Aerophilen hier wohl etwas vom Schönsten und Gescheitesten, was es am Kiosk zu kaufen gibt.

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  3. @Flavio & Christoph:
    … besten Dank für die Tipps. Ich werde mir das genauer ansehen!

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  4. Eine wirklich vielversprechende Schreiber-Clique. Ich bleibe dran. Danke für den Tipp.

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