Sonntag, Januar 15, 2012

…vom Älterwerden


"Weisst Du wie man merkt, dass man älter wird?", fragte mich heute der Instruktor während des Pinkelns am Pissoir. Ich wollte mir an meinem Check natürlich keine Blösse geben, zielte konzentriert in die Mitte der Porzellanschale und verneinte seine Frage. "Alt bist Du, wenn die automatische Spülung zu laufen beginnt und Du immer noch am Urinieren bist."

In diesem Moment fluteten mehrere Liter Trinkwasser das Pissoir aus dem Hause Geberit und die Herren Kapitäne zielten weiter…

Nun hat das Leben für die älteren Herren unter uns nicht nur Nachteiliges auf Lager. Etwas Gutes ist die Erfahrung und davon profitiert man an einem Check gleich doppelt. Erstens sagt einem die Erfahrung, dass die jungen Copiloten viel besser fliegen als der alter Herr mit zittriger Hand und zweitens weiss der ältere Kapitän mit zittriger Hand, dass das Schulungsgebäude an Wochenenden eine Servicewüste sondergleich ist. Zwei Kaffeeautomaten mit Getränken sonderbarer Qualität und Konsistenz werden zu Preisen angeboten, zu denen man am Gold-Souk in Dubai Halsketten für die ganze Familie kaufen kann. Geniessbar sind die Getränke nur, weil fettbildender Zucker in rauen Mengen beigemischt wird und dadurch im Gaumen Rezeptoren getäuscht und verarscht werden. Ein grosses Problem wenn man bedenkt, dass der letzte Tag des zweitägigen Simulator-Monster-Programms von 06:15 Uhr bis 14:15 Uhr dauert.

Jetzt kommt die Erfahrung ins Spiel und die Erfahrung sagt, dass als Checkvorbereitung eine Nespresso-Maschine, 30 Kapseln verschiedener Stärke, je eine kleine und grosse Tasse, drei Löffel, etwas Zucker für die, die die (haben sie es schon einmal geschafft, drei "die" nacheinander in einem Satz zu platzieren?) ursprüngliche Schönheit der Bohne nicht schätzen und etwas Milch, falls einer unbedingt einen Latte Macchiato will (Achtung, jetzt geht der Nebensatz weiter, der zum Anfang gehört), besser und wichtiger sind, als das auswendiglernen von Toleranzen einem unbekannter Systeme (dies ist einer dieser Sätze, die man nur zustande bringt, wenn man entweder aus dem Simulator gekrochen ist, Drogen konsumiert hat oder James Joyces Werk Ulysses kopieren will…). Mit ein paar frisch aufgewärmten Brötchen von der Tankstelle gleich über die Strasse, ist in Kombination mit dem Nespresso der Tag schon fast gerettet.

Die Folge dieser guten Checkvorbereitung zeigen sich unmittelbar danach. Die Herren Kapitäne verschwinden öfters als geplant auf dem stillen Örtchen und werden wiederholt von der Geberit-Spülung blamiert. Der Herr Copilot fragt sich Minuten später im Simulator zurecht, ob das Ausnützen der Toleranzen beim Anflug des Herrn Flugkapitäns dem erhöhten Koffeinkonsum, dem Alter oder der Unfähigkeit zuzuschreiben ist?

Und genau dies ist etwas, das ich bis zur Pensionierung für mich behalten werde...