Samstag, Januar 21, 2012

Gedanken zum Stuhlgang

Nie ist es so ruhig, wie wenn es schneit. Geräusche werden gedämpft, Aktivitäten entschleunigt. Ab und zu donnert es aus der Ferne, wenn mit Sprengstoff eine Lawine ausgelöst wurde, damit Skifahrer und Snowboarder nicht zuviel Schnee in die Nase ziehen.
Die Lopien ruhen noch unter einem halben Meter Neuschnee und warten auf die Raupenfahrzeuge, die aus dem Pulver eine harte Unterlage machen.
Hund Jack ist zufrieden, pflügt sich durch das weisse Hinderniss und findet auch unter der tiefsten Schneedecke noch Pferdescheisse, die es zu beschnuppern lohnt.

In der Zwischenzeit sind wir vom ersten Spaziergang zurück und ich löse mein Versprechen ein, Wünsche von Leserinnen und Lesern zu tastatieren.

Heute kommt "nightyhawk" zu Zug. Obwohl er sich in den Kommentaren etwas ausfällig über mitreisende Damen auf dem Jumpseat äusserte, erfülle ich ihm seinen Wunsch, über spezielle oder gar sonderbare SOPs zu berichten.

Keine Angst, der Begriff SOP wird gleich erklärt. SOPs sind nichts anderes als Vorschriften, wie ein Flugzeug bewegt, geflogen und behandelt werden will und soll. Wenn ich mich nicht täusche, heisst SOP nichts anderes als "standard operation procedures" oder so ähnlich.

Diese SOPs füllen ganze Büchergestelle und werden laufen ergänzt und aufdatiert. Was mit einer Vorschrift begann (have fun and come back safe), ist in der Zwischenzeit auf eine stattliche Bibliothek angewachsen. Die Entwicklung der Vorschriften erinnert ein wenig an die Sage des Weizenkorns und des Schachbretts. Mit dem ersten Flug gab es die eine Vorschrift und mit jedem weiteren wurden diese verdoppelt. Vielleicht steht das S in SOP auch für Sissa ibn Dahir…
Doch zur Verteidigung der SOP muss man sagen, dass wir Piloten diese wirklich schätzen. Ohne verbindliche Vorgaben wäre ein Verkehrsflugzeug moderner Art kaum mehr in die Luft zu bringen und letztendlich sind viele dieser Gesetzesparagrafen nach tragischen Vorfällen in das Buch der Bücher aufgenommen worden. Sie helfen uns, richtige Entscheidungen zu treffen und die Situation nicht noch bedrohlicher zu machen.

Und das wichtigste aller Gesetze? Es ist immer noch das gleiche wie vor über hundert Jahren: "Have fun and come back safe!" Dennoch erstaunt es immer wieder, dass sich einige Piloten nicht mehr daran erinnern und den Spass am ganzen gänzlich verloren haben. Die vielen Bücher, über die ich geschrieben habe, heissen OMs. OM steht für Operational Manual. Im OM A wimmelt es von Regeln der Luftfahrt, Beschreibungen von Idealvorstellungen von Kapitänen und den Subalternen, Beschreibungen von gefährlichen Gütern und Hinweise, wie man mit gefährlichen Menschen umgehen soll.
Das OM B ist ganz für das Flugzeug da. Im Band 1 werden die technischen Systeme rudimentär erklärt und im Band 2 finden sich die Betriebsanleitung und die Grenzen der Einsatzmöglichkeiten. Das OM C ist voll mit Vorschriften bezüglich Planung des Flugs und Erklärungen, welche Pistenmarkierungen weltweit so existieren. Zwischen den Buchdeckeln von OM D stehen Wegleitungen zum Training der Crews und was wann überprüft werden muss und wie das vonstatten zu gehen hat.
Alles klar? Hoffentlich nicht, sonst wäre ich frustriert, denn selbst nach 20 Jahren blickt man da nicht immer durch.

Zurück zum Tastatierauftrag. Nightyhawk sucht nach SOPs, über die es sich zu berichten lohnt. Da grabe ich tief und suche nach einer Vorschrift, die auch den Lesern zunutze kommt, die nicht im aviatischen Bereich tätig sind.
Nach langem Recherchieren bin ich im OM A fündig geworden. Das ganze Kapitel 6 in diesem Buch sorgt sich um die Gesundheit der Piloten. Es steht ob wir tauchen dürfen, ob Blutspenden sinnvoll ist, welche Medis wir nehmen können und warum Speiseeisessen in Mumbay Russischem Roulett gleich kommt. Natürlich ist auch erwähnt, wie lange wir nach einer Operation pausieren müssen und wo Typhus vorkommt.

Wir lesen nicht nur abenteuerliche Krankheiten auf, sondern erkranken auch einmal an einem normalen Durchfall. Um fachmännisch einen solchen zu diagnostizieren, hilft der Paragraf 6.5.7:

Any crew member with persisting diarrhoea (i.e. unhabituel, more than 4 unformed bowel movements during the day) should usually refrain from work, whatever the cause of the diarrhoea may be. 

Also, liebe Leserinnen und Leser. Wenn am Montagmorgen der Pulverschnee und die Sonne lockt, rufen sie ihren Chef an und beschreiben sie das, über das man sonst nicht spricht. Three unformed bowel movements during the day liegen noch drin, bei vier ist Schluss.

Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen!

Kommentare:

  1. Hallo!

    Der Passus mit dem Tauchen den du grade erwähnt hast würde mich interessieren,
    könntest du das vielleicht näher erklären?
    Gruß und Danke

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  2. OK,ok... aber:
    What if five movements during the night ?!?

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  3. ...das ist es wieder-das Thaifood von (vor)gestern!

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  4. Chemtrails wären auch eine interessante Sache.

    Ps: ich hoffe man wird auch die nächsten "schreibfreien" Tage wieder was Aus der Praxis zu lesen bekommen. Das macht einem Die graue Theorie erträglicher !;)

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  5. @Anonym:
    24h Stunden vor Antritt des Fluges ist es uns verboten Tauchgänge zu unternehmen. Der Grund für diese eher lange Zeit ist ein möglicher Druckabfall beim nächsten Flug, der auch abgedeckt werden muss. Dies berücksichtigen Tauchcomputer nicht.

    @Clavadisch:
    … then you're homebound from India…

    @Anonym 2:
    … jetzt muss ich zuerst googeln, was Chemtrails sind…
    Ohalätz, Verschwörungstheorien. Wenn selbst Greenpeace zu wissen weiss, dass es sich bei diesem Thema um Mumpitz handelt, muss der nff nichts dazu schreiben.

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  6. Gut gesprochen ! Da man damit immer häufiger in Berührung kommt dachte ich, dass Ihnen auch hierfür vielleicht eine Geschichte aus dem Alltag einfällt.
    Gruß Anonym 2

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  7. ich bin anonym2-du bist anonym3!

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  8. Danke für die Info ;)
    Gruß Anonym1 ;)

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  9. Amüsante Formulierung ;-)

    Kurz zurück zum Tauchen - 24h Stunden vor einem Flug soll man generell nicht Tauchen, auch wenn man nur drin sitzt. Wird bereits in den Grundlagenkursen für Taucher gelehrt.

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