Samstag, Januar 07, 2012

Bartstoppeln

Vorschriften gehören zum Leben. Das Wort Vorschrift kommt vom Verb vorschreiben und bedeutet nichts anderes, dass jemand etwas vor jemand anderem aufgeschrieben hat. Eine Plausibilitätsprüfung ist nicht zwingend notwendig, sonst würde es ja Richtigschrift oder ähnlich heissen.

Wer Vorschriften in Frage stellt, stellt also nicht die Richtigkeit in Frage, sondern den Vorschreiber – und das kann ziemlich risikoreich sein. Wer in so einer Branche wie der Aviatik arbeitet, kennt Berge von Vorschriften. Verfasst wurden diese nicht selten von studierten Juristen. Ich kenne viele dieser Rechtsgelehrten privat und bin begeistert von ihrer Scharfsinnigkeit, ihrem Humor und ihrem Schalk.

Wenn ein Jurist einen Gesetzestext entwirft, macht er das pure Gegenteil vom Vorschreiben. In der Regel sind Paragrafen so formuliert, damit sie ausgelegt, geknuddelt, verformt, interpretiert und neu verpackt werden können. Das geschieht nicht mit bösen Hintergedanken, sondern aus reinem Spieltrieb. Wer in einer Studentenverbindung Mitglied ist, kennt dies bestens. Den ganzen Abend geht es nur darum zu wachen, ob der Komment eingehalten wird. Sünder werden verpfiffen, Fehlbare an den Pranger gestellt. Doch nie geschieht dies ohne Verteidigungsrede des Angeklagten. Und darum sind an diesem Verbindungsabend schliesslich alle anwesend, darum hat ein Vorschreiber diese Vorschriften verfasst, deren Sinn niemand hinterfragt.

Dies die eine Seite der Medaille, die andere ist trauriger.

Vorschriften ziehen auch andere Gesellen in ihren Bann. Dankbar, dass ihnen jemand Leitplanken vorgibt, folgen sie diesen blind.
Wären zum Beispiel die Sicherheitsbeamten an diesen Röntgenapparaten in einer Studentenverbindung, könnte man sich vor dem Flug stundenlang Bierduelle liefern und im besten Fall erreichen, dass der Nagel-Clip trotzdem auf das Flugzeug darf, da man mit der Axt, die im Cockpit montiert ist, so schlecht den Daumennagel kürzen kann.

Das gäbe Verspätung und Annullierungen.

Doch leider zieht die Aviatik diese Spezies an wie der Speck die Maden. Die Berge von Vorschriften scheinen eine grosse Faszination auf gewisse Kreise auszuüben. Da gibt es Limiten, Grenzen, Vorschriften (man erinnere sich: von Vorschreiben verfasst), Gesetze (von bierseligen Juristen kreiert) und No-Go-Items. Immens wichtig ist es, die Buchstabenreihe, die sich nicht selten hinter einer Nummer versteckt, in die richtige Kategorie einzuordnen.

Passieren hier Fehler, muss im besten Fall eine Firma Konkurs anmelden, im schlimmsten Fall steht ganz Aviatik-Europa still (Stichwort Vulkanasche).

Nehmen wir ein Beispiel: Die Rückenwindlimite. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es handle sich dabei um eine Vorschrift. Ein Vorschreiber hat definiert, dass mit > 10 Knoten nicht gelandet und gestartet werden darf. Leider ein Irrtum!
Es handelt sich eindeutig um ein Gesetz! Warum? Lassen sie mich das kurz erklären.
Wie sich der Leser dieser Zeilen erinnern kann, verfassen bierselige Juristen Gesetze. Bierselige Juristen haben gefallen am Reden, am Leben und am Genuss. Genuss kostet Batzeli und Batzeli müssen jemandem aus der Tasche geklaubt werden. Was hat dies mit dem Rückenwind zu tun? Ganz einfach: gegen ein kleines Entgelt kann das Flugzeug beim Start von 10 auf 15 Knoten zertifiziert werden. Soll mal einer sagen, dass hier kein Jurist seine Hände im Spiel hatte!

Doch das Geld ist nicht das einzige Argument. Ein weiterer Beweis ist die verbindliche Tabelle aus dem Hause Airbus. Wer während der Mathematik-Stunden statt der Banknachbarin in den Ausschnitt auf die Tafel geschaut hat, kann mit wenigen trigonometrischen Klimmzügen die Rücken- und Seitenwindkomponenten auf vier Stellen nach dem Komma berechnen. Und wie macht er das? Mit dem Taschenrechner oder dem iPhone. Und an dieser Stelle danke ich den pastisseligen Juristen aus dem Hause Airbus für den Steilpass. Weder Taschenrechner noch iPhone sind legale Unterlagen, die Tabelle in der Checkliste aber schon.

Wenn man die Pistenrichtung rundet, den Wind auch und den günstigsten Teil der Strichdicke nimmt, kriegt man die fünf Zusatzknoten ohne extra Geld. 

Ohalätz, jetzt muss ich aufpassen. Vorschreiber, die hier mitlesen könnten interpretieren, dass der Schreiberling die Vorschriften nicht kennt, bzw. diese nicht anwendet. Ich kann die Vorschreiber beruhigen, ich kenne die Gesetze genau!

Doch jetzt zu meinem eigentlichen Problem: den Bartstoppeln. Diese Stoppeln sind eine ganz heikle Angelegenheit. Gesetz oder Vorschrift? Ich erkenne das nicht auf den ersten Blick. 
Nach längerem nachdenken wird mir aber klar, es kann sich hierbei nur um ein Gesetz handeln. Bei einem leichtem Vergehen (eben meinen Stoppeln) ist die Busse sicher, bei schwerem Vergehen (Vollbart) wird aber Straffreiheit garantiert. Eigentlich hochpolitisch – oder nicht? Dies ist übrigens so niedergeschrieben im Uniformreglement auf einer der vordersten Seiten. 
Was soll ich jetzt mit meinen Bartstoppeln machen? Ich könnte mich rasieren, doch die Auseinandersetzung mit den Vorschreiben oder Juristen reizt mich halt doch. Ob der Gillette mit seinen vielen Messern seine Arbeit auf meiner Wange vollbracht hat, bleibt mein Geheimnis. Sie liebe Leser, die Vorschreiber und die bierseligen Juristen werden morgen noch schlafen, wenn ich um 5 Uhr das Haus verlassen werde. Gute Nacht!



Kommentare:

  1. Als humorvoller, (nicht mehr ganz) am Anfang des Studiums stehender Vorbschreiber aka bierseliger Jurist, hat mir der Beitrag gefallen. Selten habe ich in einem so kurzen Text so viele Definitionen für unsere Berufsgruppe gesehen. Meinem Scharfsinn sei dank werde ich die meisten davon für später merken. Dir wünsche ich morgen viel Erfolg beim Aufstehen, ich werde da noch schlafen.

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  2. Du bist nicht zufällig heute nach Berlin geflogen? War in Tegel vorhin und sah da einen A320 von Swiss und musst an dich und deinen Blog denken
    Gruß Sebastian

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  3. Bei Studenten spriesst im Moment der Bart, nicht etwa weil dies so vorgeschrieben wäre, schlicht weil das Brünneli in der bescheidenen WG zu klein und die Zeit während der Lernphase zu kostbar ist um Gilette die Kassen zu füllen. Andernorts ist der Bartwuchs jedoch vorgeschrieben, bei der ZHAW zum Beispiel. Bleibt kein Bleistifft hängen nach 3 Monaten, gilt das als Vertragsbruch... üble Sache.
    Mögen die Stoppeln Morgen im Winde wehen, Gruess, Severin

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  4. iPhone? Taschenrechner? Trigonometrie? Crosswind Table?

    Braucht es alles nicht!

    Winkeldifferenz (zwischen Wind und Pistenachse) + 20 in Prozent multipliziert mit der Windgeschwindigkeit ist gleich der Seitenwindkomponente.

    110 minus Winkeldifferenz (ebenfalls zwischen Pistenachse und Windrichtung) in Prozent multipliziert mit Wingeschwindigkeit ist gleich der Rückenwindkomponente.

    Mit etwas Köpfchen kann man das noch im turbulenten Short Final rechnen - dort wo iPhone und Taschenrechner verstaut sein müssen, die Tabelle unlesbar und die Trigo zu kompliziert ist, der Jurist zur Kotztüte greift und der Vorschreiber abgeschrieben ist...

    Natürlich funktioniert das nur so lange Vorschreiber, Juristen und iDinger das Denken noch nicht verboten haben... ;-)

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