Montag, Januar 30, 2012

Pechsträhnen

Der Arbeitsbeginn nach den Ferien ist immer ein Spezieller.
Unglaublich wie schnell es das Hirn schafft, Sachen zu vergessen, Probleme zu verdrängen. Nicht allen gelingt das gleich schnell, ich bin darin ein Weltmeister.

Kommt man so hirnleer zum Arbeitsplatz, ist man über Hilfe mehr als froh. Frau Holle hatte Erbarmen mit mir und lies die Himmelspforten just in diesem Moment öffnen, als ich mir überlegte, ob ich wohl die Flügel abspritzen solle.
Drei Zentimeter Nassschnee befreiten uns von weiteren Überlegungen und wir reihten uns in der Warteschlaufe vor dem Alkoholausschank ein.

Es dauerte etwas länger, was meinem Arbeitstempo nach den Ferien etwas entgegen kam. Nach genau einer Stunde und acht Minuten wurde die heisse Brühe, bestehend aus grüner Flüssigkeit mit einem alkoholischen Gehalt, die den Jugendlichen an den Fensterplätzen die Tränen in die Augen jagen, über unsere Flügel ergossen.

Bald darauf stiegen wir in die Luft. Man könnte sich über die Verspätung ärgern, Sinn macht das nicht. Vor allem wenn man an diesem Samstagmorgen Richtung Barcelona fliegt, wo seit ein paar Stunden die Flugzeuge der Spanair am Boden blieben. Etwas, das niemand erleben möchte...

Beim Rückflug war unsere Kiste zum Bersten voll. Unter den vielen Personen mit einer Pechsträhne gab es auch ein paar Glückliche, die in unserer A320 Platz fanden. Wir rasten Richtung Zürich, wo wir mit leichter Verspätung zu landen hofften.
Das WEF machte uns einen Strich durch die Rechnung. Die ach so wichtigen Herren, die eine Privatveranstaltung in Davos besuchten, machten sich auf dem Flughafen dermassen breit, dass alles viel langsamer ging. Da ich weder für den Anlass, noch für die teilnehmenden Personen viel übrig habe, ärgerte ich mich offensichtlich viel zu viel. Pechsträhne Nummer zwei am Samstag voriger Woche. Doch was soll ich mich aufregen, es gibt weit Schlimmeres.

Heute Montag Morgen, Start in Fuimicino. "Proceeeede däirecte Elba", sagte der Kontroller im typisch italienischen Dialekt. Direkt Elba war nicht nur eine willkommene Abkürzung, sondern brachte uns auch genau über die Insel Giglio. Da lag sie nun, die Costa was auch immer. Wie ein toter weisser Wal, hell beleuchtet von Scheinwerfern lag sie im Hafen der kleinen Insel auf der Seite. Das Cockpit war zum Bersten voll. Jeder wollte einen Blick erhaschen. "Ob das nicht moralisch bedenklich sei, wenn wir auf das Unglück hinunter gaffen?", fragte eine Kollegin. "Vielleicht", meine Antwort. Aber wie hat das ein Tagi Journalist letzte Woche in einem Kommentar erklärt: In der Geschichte der Menschheit gab es mehr Unglück, weil die Leute wegschauten, als weil sie hinschauten. Wie Recht er doch hat!

Wir haben hingeschaut, und zwar auf den Star des Tages! Sorry, aber das ist auf der Kurzstrecke "must to know"!
Josephine heisst die Glückliche vom heutigen Tag und sie sorgt dafür, dass ihr Chef wohl heute die Pechsträhne seines Lebens hat.

Lesen sie selber (zitiert aus dem Interview):


Josephine (21) aus Gretzenbach SO ist Assistentin der Geschäftsleitung. Der Star des Tages (1,70 m, 60 kg, Jungfrau) lebt mit Freund und zwei Katzen zusammen. (…)

(…)
Sex nicht im Bett, sondern...
nach Arbeitsschluss im Büro auf dem Schreibtisch.


Dienstag, Januar 24, 2012

Kindergeburtstag


Du warst kein Wunschkind! Gezeugt unter eher undurchsichten Umständen, erblicktest Du die Welt am 31. März 2002. Ein Uneheliches, ein Bastard – ganz und gar kein «Love Child»! Im Gegenteil, kaum geboren verliess Dich Dein Umfeld und legte Dich in ein Babyfenster im Baselbiet. Ausgerechnet die, die beim Geburtsakt am lautesten schrien, verabschiedeten sich im Rekordtempo aus der Verantwortung. Es fehlte Dir ein richtiger Vater, eine Mutter, Geborgenheit.

Du seist zu gross, zu dick, zu fett, zu unbeweglich, zu schwach, um auf dieser Welt zu bestehen. Aus allen Ecken gaben sie Tipps und kritisierten, doch zahlen wollte niemand. Nur dank grosszügigen Sozialleistungen überlebtest Du die ersten Monate. Dein Vormund gab unnötigerweise Unmengen von Geld aus und kaufte Dinge, die ein Neugeborenes nie und nimmer braucht, viele Verkäufer und Nutzniesser aber unglaublich glücklich und reicht machte.

Du bekamst einen holländischen Pflegegrossvater. Er hatte schon ein Kind, das kurz vor der Heirat mit einer Fränzösin stand. Er nahm sich Zeit für Dich, aber viel zu wenig. Fünfzig Prozent seien genug, meinte der Dutchman und überliess dem Vormund viel zu viele Freiheiten.

Du hattest eine schwere Kindheit. Niemand wollte mit Dir spielen und keiner mochte Dich richtig. Da hatte der holländische Pflegegrossvater eine Idee und suchte bei den Engländern einen Spielkameraden für Dich. Es gab da einen mit einer grossen Clique. Doch wer in diese Clique wollte, musste ein Aufnahmeverfahren bestehen und etwas Tafelsilber mitbringen. Der holländische Pflegegrossvater und der Baselbieter Vormund liessen das Tafelsilber im Keller und brachten stattdessen reines Gold in die Nähe von Windsor. Dankend nahm der Engländer das Geschenk an, heftete Dir das Cliquenzeichen an die Windeln, liess Dich aber weiterhin alleine und einsam zurück.
Das ging Dir so nahe, dass Du fast das Zeitliche gesegnet hast. Nein ganz ehrlich, wir hatten wirklich Angst um Dich.

Doch wie in Deinem Lieblingsbuch «Heidi», kam ein Fräulein Rottenmeier aus Frankfurt und nahm Dich unter Deine Fittiche. Die alte Jungfer führte ein hartes Zepter, schaute aber viel besser zu Dir, als der Baselbieter Vormund und der holländische Pflegegrossvater.
Du bist prächtig gewachsen, bekamst rote Bäckchen und riskiertest hie und da auch eine freche Lippe. Fräulein Rottenmeier hatte ihre Freude an Dir und Du bekamst mit jeder Woche neue Freundinnen und Freunde.

Was Fräulein Rottenmeier aber erstaunte und erfreute, war Dein ungebremster Arbeitswille. Du hast weit mehr als Deine Freundinnen und Freunde geschuftet, obwohl Du als Kleinste am wenigsten vom Suppentopf bekamst.

Nun wirst Du zehn mein Lieber. Ich bin so stolz auf Dich. All diejenige, die nach Deiner Geburt über Dich gelästert haben, sind entweder ruhig geworden, oder sonnen sich in Deinen Erfolgen. Fräulein Rottenmeier warnt unaufhörlich, dass schwierige Jahre auf Dich zukommen werden. Ich weiss gar nicht, was die Alte bloss hat. Ist doch logisch, dass es schwieriger wird, schliesslich steht Dir die Pubertät bevor. Doch was die alte Jungfer nicht wissen kann oder will, nach den pubertären Schwierigkeiten wird es richtig spassig und Du wirst sehen, anfänglich kannst Du gar nicht genug von diesem Spass bekommen.

Doch das ist Zukunftsmusik. Erst feiern wir Deinen zehnten Geburtstag und zwar mit einem unvergesslichen Kindergeburtstag. Fräulein Rottenmeier darf auch kommen, soll aber die Käsebrettli zu Hause lassen. Gratuliere liebe Swiss, ich bin stolz auf Dich!

Montag, Januar 23, 2012

Voice-Recorder

Leserin oder Leser Majorityreport möchte wissen, über was wir uns im Cockpit so unterhalten.
Das ist gar nicht so eine einfache Frage, darum antworte ich juristisch korrekt:

Es kommt darauf an!

Also, auf der Langstrecke ist die Kommunikation zwischen den zwei Piloten wichtig. Auch ganz einfache Themen haben Potential, eine längere Diskussion auszulösen, was wiederum, die Wachsamkeit erhöht und die Gefahr des Einschlafens reduziert. Wie das etwas so vonstatten geht, zeigt ein Video eines leider verstorbenen Kommunikationsfachmanns aus dem hohen Norden. Das Beispiel zeigt ein Ehepaar, ist aber selbstverständlich auch auf ein Cockpitteam anwendbar:


Bei der Kurzstreckenfliegerei ist ein schnellerer Takt angebracht. Man hat nicht ewig Zeit, sich an heikle Themen heranzutasten und vorspielähnlich den Kern der Sache anzuschleichen. Bei Flugzeiten von unter einer Stunde, in denen tatsächlich auch noch gearbeitet werden muss, ist die private Kommunikation auf ein Minimum zu reduzieren.
Zwischen Männern ist das einfach. Noch vor dem ersten Kaffee ist man in der Regel informiert. Wie es um die Liebe steht ist nach fünf Minuten genauso klar, wie die wohnliche Situation, Herkunftsland oder -kanton, Automarke, PS-Stärke, sexuelle Ausrichtung und andere lebensnotwendige Infos, die Männer voneinander halt so wissen müssen.

Mit Damen ist das anders, aber nicht minder interessant. Die Themen sind tendenziell intelligenterer Natur und der Schlüpfrigkeitsgrad um Faktoren tiefer. Was ich auch nicht grundsätzlich falsch finde.

Selbstverständlich gibt es Tabuthemen im Cockpit. Für mich sind das Politik und Glauben. Für die Politik fehlt die Zeit und für den Glauben die Geduld. Ich beobachte immer wieder, dass der Arbeitsaufwand während der Reiseflugphase von Aussenstehenden unterschätzt wird. Neben der Kommunikation mit dem TWRMädel, planen wir den nächsten Flug, bestimmen und bestellen die Treibstoffmenge, Informieren uns, wo unser Flugzeug zu parken ist und versuchen herauszufinden, wo die Maschine für das nächste Teilstück steht. Ausserdem möchten unsere Kolleginnen und Kollegen der Kabine noch wissen, wo der Trennvorhang zwischen der Business- und der Economy-Klasse zu hängen kommt und wie es um die Anschlussflüge der Gäste steht. In der restlichen Zeit vernünftig über Sex, Drugs und Rock n'Roll reden, kann man um Gotteswillen nur mit einem Mann.

Eine weitere Frage (von cbs) war, wie die Line-Checks so ablaufen. Da bin ich seit einer Woche ein ausgewiesener Fachmann, da ich diese jetzt abnehmen darf. Bei Line-Check geht es darum, das Wissen, Können und das Auftreten des Prüflings zu beurteilen. Das kann der Experte mit Zuschauen, aber auch mit Fragen stellen. Im oberen Abschnitt wurde erklärt, was eine Besatzung im Reiseflug so zu erledigen hat. Hier ein Zeitfenster für tiefgründige Fragen zu finden, ist gar nicht so einfach. Von einem ausgewiesenen Fachmann haben wir ein Schulungsvideo zugespielt bekommen und wenden seine Sprech- und Fragetechnik bei Line-Checks auf der Kurzstrecke 1:1 an.


Ich wiederhole mich, die typische Kommunikation im Cockpit gibt es nicht. Es kommt wirklich darauf an.
Damit die Worte aber nicht einem grösseren Publikum zugänglich sind, kann der Cockpit Voice Rekorder nach dem Setzen der Parkbremse und dem Abschalten der Triebwerke gelöscht werden. Schade kann man das nicht auch in anderen Lebenslagen…

Sonntag, Januar 22, 2012

Winterfreuden

TWRMädels Wunsch sei mir Befehl!

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JoBo lebt noch. Nach seinen Langstreckenabenteuern und der Umschulung zum Kapitän, gönnt er sich ein paar freie Tage in der Engadiner Bergwelt. 
Dunkle Wolken ziehen über dem Engadin auf. 
"Herr Bohnenblust, hören sie mich?»
«Ich glaube der ist weg.»
«Hallo Herr Bohnenblust, hören sie mich?»

JoBo lag ausgestreckt auf der Skipiste auf 2430 Meter über Meer und blutete leicht aus der Nase. Sein Skistock war an drei Stellen gebrochen und die Brille voller Schnee. Um ihn herum standen drei Personen, zwei davon ausgesprochen hübsche Rettungssanitäterinnen. Er träumte, die anderen reanimierten, schufteten, halfen.

«Reich mir mal die Taschenlampe! Die Pupillen reagieren, also vermutlich kein Schädel-Hirn-Trauma. Diese Unterländer! Kaufen sich einen Helm und einen Rückenpanzer und glauben danach, sie seien Cuche!»

JoBo träumte von pilotischen Heldentaten, Seitenwindlandungen am Limit des Flugzeugs und heiklen Notfällen, die nur dank seines beherzten Eingreifens glimpflich ausgingen. Er war ein Held, der als letzter von Bord ging, zumindest in seinen Träumen.

In der Ferne hörte man das Geknatter des REGA-Hubschraubers näher kommen. Mit dem Lärm kamen die Gaffer, mit den Gaffern die Probleme. Skistöcke wurde herumgewirbelt und Skimützen verabschiedeten sich von den Köpfen der Besitzer Richtung Tal. Drei Schümli-Pflümli wurden auf Tisch 12 weggeblasen und die klebrige und braune Flüssigkeit verteilte sich auf dem Kunstfell der weissen Bognerskijacke einer deutschen Skiläuferin. Den Hubschrauberpiloten interessierten die Probleme modebewusster Deutscher nicht, er landete sicher auf seinen zwei Kufen und ein Arzt spurtete zu JoBo.

JoBo erwachte kurz aus seinen Träumen. Er blickte in zwei wunderschöne dunkle Augen, die einer Rettungssanitäterin in roter Kluft gehörte. Noch im Spital war er davon überzeugt, dass ihn Melanie Winiger persönlich mit dem Hubschrauber abholte. Die Schmerzmittel taten ihre Pflicht und JoBo verabschiedete sich wieder in das Reich der Träume.

Das Nächste, an was sich JoBo erinnerte, war Knoblauchgeruch. Langsam öffnete er seine Augen und erblickte neuerlich das Gesicht einer Frau. Nicht so jung, nicht so hübsch und neben den blauen Augen bildeten sich Grübchen, die bei Melanie vorher nicht da waren.


«Bongiorno Signore Bohnenblust., mi chiamo Alessandra.»

JoBo verstand kein Italienisch, kombinierte aber schnell. Alessandra stand auf dem Namensschild über der riesengrossen Brust und darunter stand Krankenschwester Klinik Gut. An ihrem Atem erkannte er, dass die Signora Spaghetti Aglio et Olio liebte, das Zähneputzen weniger. Er schlief wieder ein.

Kurz vor der Arztvisite erwachte JoBo mit Schmerzen am ganzen Körper. Er schaute sich im Zimmer um und brauchte eine Weile, bis er sich orientiert hatte. Er war offensichtlich in einem Spitalbett. Schläuche links und rechts seines Körpers waren gefüllt mit undefinierbaren Flüssigkeiten und hinter seinem Kopf piepte es im Takt des Herzens. Er lebte, wenn auch mit grossen Schmerzen und wenig Hoffnung auf Mitleid.

Die Türe wurde schwungvoll aufgestossen. Ein braungebrannter Arzt trat ins Zimmer, im Schlepptau hatte er drei Damen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Schönheit. Der Arzt war Deutscher mit schwäbischem Akzent. 

«Na Herr Bohnenblusch, sie hend wohl ihre Skikünschde überschädzd, gell? Die charmande Frau Candrian wird ihne ebbes Blud abnehme, d Verbänd wechseln und sie so zurechd mache, dess sie für ihre Beddnachbarn, dr gleich oigelieferd wird, angenehm rieche.»

Und schon war der Herr Doktor wieder weg.
Frau Candrian schien für Sorgen, Schmerzen und «Bebechen» von verunfallten Flugkapitänen kein Verständnis zu haben. Schnell, Gründlich und ohne Respekt für intime Zonen, wurde JoBo gewaschen, gepudert und zurecht gemacht.

Nach dieser Tortur schlief er wieder ein.

Mit lautem Gerümpel und Gepolter wurde die Türe aufgestossen und begleitet von zwei Damen und lauten Flüchen, wurde JoBo's Leidensgenosse ins Zimmer gestossen.

«Ich bin Privatversichert, habe Anrecht auf ein Einzelzimmer und will, wenn schon im Zweibettsaal, am Fenster liegen!»
«Nun beruhigen sie sich doch Herr Huber. Der Herr neben ihnen ist auch Privatversichert und ich bin sicher, dass sie sich unter Piloten bestens verstehen werden!»

Huber fackelte nicht lange und ging auf Angriff:

«Wer die grössere Kiste fliegt, darf am Fenster schlafen! Ich fliege den Gulfstream G650!»
«A321»
«Also, wer fliegt den schnelleren Jet? Höchstgeschwindigkeit des G650 ist M 0.925.»
«Tiger F-5, Maximalgeschwindigkeit M 1.64.»

«OK, dann frage ich anders: Wer fliegt den Jet neuster Technologie?»
«Kannst den Fensterplatz haben…»

Huber klingelte wie wild und nacheinander betraten ein Arzt, die Chefkrankenschwester und Alessandra das Zimmer. Schlussendlich blieb Alessandra und das Zimmer füllte sich mit Knoblauchduft. Es brauchte 15 Minuten und viel Schweiss, bis die schweren Spitalbetten da waren, wo sie Herr Huber wollte. Zufrieden war der G650 Kapitän nur wenige Minuten. Er klingelte wieder:

«Es blendet!»
«Willkommen in der Engadiner Bergwelt mit dem berühmten Sonnenlicht!»

Alessandra verliess den Raum kopfschüttelnd.

Den Herren Bohnenblust und Huber wurde es nicht langweilig. Sperrt man zwei Piloten in ein Zimmer, die vor Jahren noch im gleichen Konzern (SAirGroup) aber nicht in den gleichen Firmen (Crossair und Swissair) gearbeitet haben, geht der Gesprächsstoff nie aus.

«Moritz war ein Held.»
«Blödsinn, der hat nur wegen unseres Geldes überlebt.»

«Ihr habt zuviel verdient, darum ging die Bude pleite.»
«Ihr seit zu langsam geflogen, darum gingen die Passagiere zu Air Berlin.»

«Ihr hattet viel zu viele Langstreckenflugzeuge.»
«Ihr hattet viel zu viele technische Probleme auf euren Kisten.»

«Ihr seit nur ILS hinuntergerutscht.»
«Wir flogen in Kai Tak den IGS13 und noch heute den Canarsie in New York.»
«Nichts gegen London City und Lugano!»
«Ach wegen ein paar Grad Anflugwinkel mehr…»
«Ihr braucht ja ein Care Team nach der Landung, wenn der Gleitwinkel 3° übersteigt!»
«Und ihr braucht ein Care Team, wenn ihr mehr als 20 Tonnen landen müsst.»

«Ihr arbeitetet zu wenig.»
«Ihr arbeitetet zu viel.»

«Eure Uniform war wie ihr: Hässlich, aber Hauptsache teuer und und durchgestylet.»
«Eure Uniform war …»

… und wenn sie nicht genesen sind, dann streiten sie sich noch heute!

Samstag, Januar 21, 2012

Gedanken zum Stuhlgang

Nie ist es so ruhig, wie wenn es schneit. Geräusche werden gedämpft, Aktivitäten entschleunigt. Ab und zu donnert es aus der Ferne, wenn mit Sprengstoff eine Lawine ausgelöst wurde, damit Skifahrer und Snowboarder nicht zuviel Schnee in die Nase ziehen.
Die Lopien ruhen noch unter einem halben Meter Neuschnee und warten auf die Raupenfahrzeuge, die aus dem Pulver eine harte Unterlage machen.
Hund Jack ist zufrieden, pflügt sich durch das weisse Hinderniss und findet auch unter der tiefsten Schneedecke noch Pferdescheisse, die es zu beschnuppern lohnt.

In der Zwischenzeit sind wir vom ersten Spaziergang zurück und ich löse mein Versprechen ein, Wünsche von Leserinnen und Lesern zu tastatieren.

Heute kommt "nightyhawk" zu Zug. Obwohl er sich in den Kommentaren etwas ausfällig über mitreisende Damen auf dem Jumpseat äusserte, erfülle ich ihm seinen Wunsch, über spezielle oder gar sonderbare SOPs zu berichten.

Keine Angst, der Begriff SOP wird gleich erklärt. SOPs sind nichts anderes als Vorschriften, wie ein Flugzeug bewegt, geflogen und behandelt werden will und soll. Wenn ich mich nicht täusche, heisst SOP nichts anderes als "standard operation procedures" oder so ähnlich.

Diese SOPs füllen ganze Büchergestelle und werden laufen ergänzt und aufdatiert. Was mit einer Vorschrift begann (have fun and come back safe), ist in der Zwischenzeit auf eine stattliche Bibliothek angewachsen. Die Entwicklung der Vorschriften erinnert ein wenig an die Sage des Weizenkorns und des Schachbretts. Mit dem ersten Flug gab es die eine Vorschrift und mit jedem weiteren wurden diese verdoppelt. Vielleicht steht das S in SOP auch für Sissa ibn Dahir…
Doch zur Verteidigung der SOP muss man sagen, dass wir Piloten diese wirklich schätzen. Ohne verbindliche Vorgaben wäre ein Verkehrsflugzeug moderner Art kaum mehr in die Luft zu bringen und letztendlich sind viele dieser Gesetzesparagrafen nach tragischen Vorfällen in das Buch der Bücher aufgenommen worden. Sie helfen uns, richtige Entscheidungen zu treffen und die Situation nicht noch bedrohlicher zu machen.

Und das wichtigste aller Gesetze? Es ist immer noch das gleiche wie vor über hundert Jahren: "Have fun and come back safe!" Dennoch erstaunt es immer wieder, dass sich einige Piloten nicht mehr daran erinnern und den Spass am ganzen gänzlich verloren haben. Die vielen Bücher, über die ich geschrieben habe, heissen OMs. OM steht für Operational Manual. Im OM A wimmelt es von Regeln der Luftfahrt, Beschreibungen von Idealvorstellungen von Kapitänen und den Subalternen, Beschreibungen von gefährlichen Gütern und Hinweise, wie man mit gefährlichen Menschen umgehen soll.
Das OM B ist ganz für das Flugzeug da. Im Band 1 werden die technischen Systeme rudimentär erklärt und im Band 2 finden sich die Betriebsanleitung und die Grenzen der Einsatzmöglichkeiten. Das OM C ist voll mit Vorschriften bezüglich Planung des Flugs und Erklärungen, welche Pistenmarkierungen weltweit so existieren. Zwischen den Buchdeckeln von OM D stehen Wegleitungen zum Training der Crews und was wann überprüft werden muss und wie das vonstatten zu gehen hat.
Alles klar? Hoffentlich nicht, sonst wäre ich frustriert, denn selbst nach 20 Jahren blickt man da nicht immer durch.

Zurück zum Tastatierauftrag. Nightyhawk sucht nach SOPs, über die es sich zu berichten lohnt. Da grabe ich tief und suche nach einer Vorschrift, die auch den Lesern zunutze kommt, die nicht im aviatischen Bereich tätig sind.
Nach langem Recherchieren bin ich im OM A fündig geworden. Das ganze Kapitel 6 in diesem Buch sorgt sich um die Gesundheit der Piloten. Es steht ob wir tauchen dürfen, ob Blutspenden sinnvoll ist, welche Medis wir nehmen können und warum Speiseeisessen in Mumbay Russischem Roulett gleich kommt. Natürlich ist auch erwähnt, wie lange wir nach einer Operation pausieren müssen und wo Typhus vorkommt.

Wir lesen nicht nur abenteuerliche Krankheiten auf, sondern erkranken auch einmal an einem normalen Durchfall. Um fachmännisch einen solchen zu diagnostizieren, hilft der Paragraf 6.5.7:

Any crew member with persisting diarrhoea (i.e. unhabituel, more than 4 unformed bowel movements during the day) should usually refrain from work, whatever the cause of the diarrhoea may be. 

Also, liebe Leserinnen und Leser. Wenn am Montagmorgen der Pulverschnee und die Sonne lockt, rufen sie ihren Chef an und beschreiben sie das, über das man sonst nicht spricht. Three unformed bowel movements during the day liegen noch drin, bei vier ist Schluss.

Ich bin gespannt auf Ihre Erfahrungen!

Freitag, Januar 20, 2012

Wenn es knistert im Cockpit


Mit dem Hund habe ich schon Schneeflocken gejagt und beim Bäcker frisches Brot gekauft. Das Frühstück ist im Bauch verschwunden, die Tageszeitung schon gelesen und darum habe ich kurz Zeit zu tastatieren.

Bin überwältigt, wie viele Leserinnen und Leser sich gemeldet haben. Da fühle ich mich natürlich motiviert, ein paar Zeilen zu schreiben.

Ich entscheide mich heute für ein Thema, das menschlicher nicht sein könnte: Der Konflikt.

So lange Menschen in der Steuerkanzel eines Flugzeugs sitzen, wird es Diskussionen und Ungereimtheiten geben. Es gibt unzählige Möglichkeiten solche Konflikte zu entflechten, die einfachste ich die Hierarchie. Der Chef hat immer recht! So sieht das Stromberg, die Schweizer Armee und bis Ende der 80er Jahre auch die Fliegerei.

Nach dem bis anhin schwersten Flugzeugunglück der Geschichte, dem Zusammenstoss zweier B-747 in Teneriffa, wurden auch Themen wie Hierarchie und Entscheidungsfindungsprozesse im Cockpit hinterfragt. Daraus entstand das Crew Resource Management (CRM), das heute für alle Flugbesatzungen vorgeschrieben ist.
Viele der Leserinnen und Leser mögen sich noch an den Absturz der Alitalia DC-9 am Stadlerberg erinnern. Dass der Kapitän das Durchstartmanöver abgebrochen hat, was der Copilot zuvor verlangte, zeigte in einer brutalen Deutlichkeit, wie wichtig die Schulung der Besatzungen in diesem Bereich ist.

Auf dem Flugzeug ist es wichtig, dass alle Sensoren berücksichtigt werden. Die wichtigsten Sensoren sind nicht etwa technischer Natur, sondern aus Fleisch und Blut. Darum werden auch die jüngsten Teammitglieder aufgefordert, ihre Beobachtungen zu melden, ihre Bedenken zu kommunizieren.

Tritt ein Notfall ein, ist der Faktor Zeit die wichtigste Komponente. Es gibt Aufgaben, die keinen Aufschub erlauben. Die Flugzeughersteller haben sich viele Gedanken gemacht und Verfahren entwickelt, damit Besatzungen in solchen Momenten Rezepte zur Hand haben und nach vorgängig eintrainierten Mustern handeln können. Schwierig wird es, wenn mehrere Probleme auftauchen, für die in dieser Kombination keine Checkliste zur Verfügung steht oder, wenn die Probleme nicht auf den ersten Blick erkennbar, bzw. die potentielle Gefahren nicht offensichtlich sind.

Die Zusammenarbeit in solchen komplexen Situationen wird halbjährlich im Simulator trainiert. Werkzeuge, um diese sehr komplexen und auch bedrohlichen Szenarien zu meistern, bekommen wir im CRM-Training.

Doch zurück zum Zwischenmenschlichen. Anton Tschekow hat einst gesagt, dass jeder Idiot eine Krise meistern kann, der Alltag es aber sei, der uns fertig mache.
Wie recht er hatte! Wenn es knistert im Cockpit oder innerhalb des Teams, muss dies unverzüglich zur Sprache gebracht werden. Diese langsam auflodernden Konflikte können in der Fliegerei gefährlicher sein, als ein Wintersturm über Zürich. Um solche schwellenden Konflikte zu erkennen, zur Sprache zu bringen und zu lösen, braucht es Sozialkompetenz und den Willen, dem Gegenüber zuzuhören, das Gegenüber ernst zu nehmen.
Trotz Bemühungen der Selektionsstelle und jahrelanger Ausbildung im CRM-Bereich, finden sich leider immer noch vereinzelte Individuen, die eben diese wichtigen Eigenschaften nicht mitbringen.

Mögen sie endlich aussterben…

Machen wir ein Fallbeispiel zum Thema CRM und den Gebrauch der wichtigsten Werkzeuge!

Fall 1: Ein Ehepaar fährt ins Glattzentrum zum Einkaufen.
Die Rollen sind eigentlich klar. Es gibt eine Person, die alle Fäden in der Hand hält: Die Macht über das Geld, die Zeit, den Menüplan, das Sozialleben, den Sex. Unnötig zu betonen, dass es sich hier um die Ehefrau handelt. Der Mann ist Mission Commander – er meint es wenigstens. Selbstverständlich setzt er sich ans Steuer, lässt den Motor aufheulen und biegt viel zu schnell in die Quartierstrasse ein. Was früher undenkbar gewesen wäre, ist heute eine Selbstverständlichkeit: Er hört auf die Intervention einer Frau. Dies ist nicht etwa dem familieneigenen CRM zu verdanken, sondern einer simplen technischen Innovation. Der Mission Commander hat sich ein Navigationsgerät gekauft und gehorcht der fremden Frau aufs Wort.

Problemlos findet das Team das Glattzentrum und folgt den Wegweisern zu den Parkplätzen. Mann bevorzugt Geschoss 4, Frau will einen Parkplatz, wo sie bequem aussteigen kann. Nach einem sorgsamen SPORDEC (Situation Catch, prelimery Actions, Options, Rating, Decision, Execution, Control) parkiert der Mann aus Mangel an Optionen auf Ebene 10, weit weg vom geliebten Apple-Store.

Frau hat die Einkaufsliste gemacht, Mann will sich den neusten iPad ansehen und mit dem langhaarigen Freak im Apple Shirt ein paar Worte wechseln. Nach einem neuerlichen SPORDEC findet sich Mann in der Shampoo-Abteilung der Migros wieder. Wenn schon nicht Apple, dann wenigstens Starbucks. Er kommuniziert nach dem Muster von NITS (Nature of Problem, Intentions, Time, Specials): "Ich habe Lust auf einen Kaffee, will in den Starbucks, brauche dafür 30 Minuten Zeit und Du darfst dafür kurz im Globus vorbeischauen." Zwölf Minuten später stehen sie in der Frauenunterwäscheabteilung des Globus und Mann ist weiter vom Starbucks weg, als ihm lieb ist. Mittlerweile bammeln je drei Einkaufstaschen an seinen Armen und es passiert, was passieren muss: Der Henkel der naturfreundlichen Migros-Tasche reisst und die Ohrenstäbchen, steril verpackt, fallen einzeln auf den unsterilen Boden. Der Mission-Commander reagiert professionell. Ein sauberes PPAA (Power Performance Analysis Action) rettet die Situation und jedermann im Umkreis von 50 Metern sieht und hört, dass hier jemand eine Notsituation mit der notwendigen Umsicht meistert.

Die Frau, stolz einen Fachmann zur Seite zu haben, riegelt die Unfallstelle ab und beruhigt die Schaulustigen. Mit der Sicherheit, dass der Herr Gemahl alles im Griff hat, verlässt sie den Unglücksort, gibt dem Mann noch letzte Anweisungen und verabredet sich mit ihm in 20 Minuten beim Fahrzeug auf Ebene… – ach wo war der Wagen gleich? "Bring doch die Sachen ins Auto und hole mich dann beim Globusausgang auf Ebene 4 ab. Ich muss noch etwas erledigen."
Mann sucht den Wagen zuerst auf Ebene 6, dann auf 8. Schliesslich findet er ihn auf Ebene 10, ganz hinten rechts. Schwitzend verstaut er die Taschen im Auto und fährt wie befohlen zum Globus-Ausgang auf Ebene 4. Frau steigt in den Wagen ein, küsst den Mann auf den Mund und lässt dabei einen kleinen Milchschaumrest mit Latte-Vanille-Geschmack auf Gemahls Wangen zurück.

"In vier Kilometern bitte rechts abbiegen", sagt die junge Frau aus dem Kästchen. Mann gehorcht, streichelt das Knie seiner Frau und freut sich über den erfolgreichen Einkaufstag.

Nachtrag: Meine Frau besteht auf der Klarstellung, dass wir nie im Glatt einkaufen, kein Navi besitzen und sie Starbucks nicht mag…

Donnerstag, Januar 19, 2012

Inkonsequenz oder Sucht?

Blog ruhen lassen? Von wegen! Kaum im Engadin eingetroffen lasse ich die Tasten tanzen.
Vielleicht bin ich süchtig, vielleicht sollte ich Hilfe anfordern?!?

"Hallo, ich heisse Peter, bin Blogger und seit 24 Stunden schreibabstinent"
"HALLO PETER…"

Der Schreibsüchtige in den 70ern mit fescher Hostess
Nein, das kann es nicht sein. Doch wenn man drauflos schreibt, noch keine Idee hat und dennoch bereits bei Zeile 9 (mit Leerzeilen) ist, hat man eventuell doch ein Problem.
Problem hin oder her, ich tastatiere (Wort des Jahres 2012 – ihr werdet sehen!) bis das Keyboard stöhnt und suche dabei ein Thema, das die Leserinnen und Leser interessieren könnte.

Doch was mache ich mir Gedanken? Warum frage ich nicht einfach die Expertinnen und Experten, worüber ich schreiben soll, worüber sie lesen möchten?

Wer die Antwort nicht scheut, schreibe den Themenwunsch in den Kommentar. Ich gehe jetzt Thai essen :-)

Mittwoch, Januar 18, 2012

Ferien vs. Freitage

Was Langstreckenflieger als Minimumfreitage betiteln, heisst bei uns auf der Kurzstrecke schlicht Ferien. Ich fliege Morgen noch für die Fluggesellschaft mit der Bergblume auf dem Heck in den Kosovo und habe danach sechs Tage Ferien.

Hund(*) ausführen, Loipen geniessen, Capuns essen, Braulio trinken. Es ist geplant, dass der Blog einige Tage ruht.

Ob ich das einhalten kann, lassen wir mal offen.

(*) Ein Hund ist das Gegenteil von Zürich. Immer gut aufgelegt und extrem grosszügig.
Mike Müller



Sonntag, Januar 15, 2012

…vom Älterwerden


"Weisst Du wie man merkt, dass man älter wird?", fragte mich heute der Instruktor während des Pinkelns am Pissoir. Ich wollte mir an meinem Check natürlich keine Blösse geben, zielte konzentriert in die Mitte der Porzellanschale und verneinte seine Frage. "Alt bist Du, wenn die automatische Spülung zu laufen beginnt und Du immer noch am Urinieren bist."

In diesem Moment fluteten mehrere Liter Trinkwasser das Pissoir aus dem Hause Geberit und die Herren Kapitäne zielten weiter…

Nun hat das Leben für die älteren Herren unter uns nicht nur Nachteiliges auf Lager. Etwas Gutes ist die Erfahrung und davon profitiert man an einem Check gleich doppelt. Erstens sagt einem die Erfahrung, dass die jungen Copiloten viel besser fliegen als der alter Herr mit zittriger Hand und zweitens weiss der ältere Kapitän mit zittriger Hand, dass das Schulungsgebäude an Wochenenden eine Servicewüste sondergleich ist. Zwei Kaffeeautomaten mit Getränken sonderbarer Qualität und Konsistenz werden zu Preisen angeboten, zu denen man am Gold-Souk in Dubai Halsketten für die ganze Familie kaufen kann. Geniessbar sind die Getränke nur, weil fettbildender Zucker in rauen Mengen beigemischt wird und dadurch im Gaumen Rezeptoren getäuscht und verarscht werden. Ein grosses Problem wenn man bedenkt, dass der letzte Tag des zweitägigen Simulator-Monster-Programms von 06:15 Uhr bis 14:15 Uhr dauert.

Jetzt kommt die Erfahrung ins Spiel und die Erfahrung sagt, dass als Checkvorbereitung eine Nespresso-Maschine, 30 Kapseln verschiedener Stärke, je eine kleine und grosse Tasse, drei Löffel, etwas Zucker für die, die die (haben sie es schon einmal geschafft, drei "die" nacheinander in einem Satz zu platzieren?) ursprüngliche Schönheit der Bohne nicht schätzen und etwas Milch, falls einer unbedingt einen Latte Macchiato will (Achtung, jetzt geht der Nebensatz weiter, der zum Anfang gehört), besser und wichtiger sind, als das auswendiglernen von Toleranzen einem unbekannter Systeme (dies ist einer dieser Sätze, die man nur zustande bringt, wenn man entweder aus dem Simulator gekrochen ist, Drogen konsumiert hat oder James Joyces Werk Ulysses kopieren will…). Mit ein paar frisch aufgewärmten Brötchen von der Tankstelle gleich über die Strasse, ist in Kombination mit dem Nespresso der Tag schon fast gerettet.

Die Folge dieser guten Checkvorbereitung zeigen sich unmittelbar danach. Die Herren Kapitäne verschwinden öfters als geplant auf dem stillen Örtchen und werden wiederholt von der Geberit-Spülung blamiert. Der Herr Copilot fragt sich Minuten später im Simulator zurecht, ob das Ausnützen der Toleranzen beim Anflug des Herrn Flugkapitäns dem erhöhten Koffeinkonsum, dem Alter oder der Unfähigkeit zuzuschreiben ist?

Und genau dies ist etwas, das ich bis zur Pensionierung für mich behalten werde...


Freitag, Januar 13, 2012

nff – ein kleines Portrait


Sie macht das nach vier Wochen, ich habe das nach sieben Jahren noch nicht geschafft.
Zeit es nachzuholen!

ich
Geboren am 22. Mai um 22.22 Uhr (so stehst in der Urkunde), als – Zitat Hebamme – hässlichstes Kind, das sie je gesehen hätte.
Meine Eltern liebten mich trotzdem und zogen mich in einer Zürcher Vorortsgemeinde auf. Die Gemeinde hatte einen bekannten Kinderchor, der mich aus Mangel an musikalischen Talenten nicht einmal als Saal-Security aufbot.

Da ich wegen Sachbeschädigung (Fussball in der Pause mit Scheibenbruch als Folge) von der Gymiaufnahmeprüfung ausgeschlossen wurde, lernte ich einen Beruf, bei dem laut Lehrmeister in den vorgehenden 17 Jahren keiner mehr durchgefallen ist. Gott war das gemütlich. Ich hatte Zeit für Sport, Training und noch mal Training. Nicht ohne Folgen, wurde ich doch einige Male an internationale Wettkämpfe aufgeboten und eroberte dort zwar keine Medaillen, doch ab und zu das Herzen einer Mitsportlerin.

Bei meinem Abschied aus der Nationalmannschaft flüsterte mir der Trainer im Vertrauen zu, dass er mich an die Meisterschaften nur mitgenommen habe, weil es mit mir immer so lustig war. Auch ein Kompliment, wenn auch kein sportliches. Es folgten 17 Wochen Militär, gefühlte 17 Semester Studium und danach wusste ich nicht, was ich tun sollte.

Swissair suche Piloten, meinte ein Nachbar, selber Jumbo-Flösser. Ich sei aber noch nie geflogen, nicht mal als Passagier, antwortete ich und er beruhigte. Fliegen könne jeder…
Wider Erwarten haben die mich genommen und ich trat mit anderen lustigen Gesellen den Grundkurs als Pilot an.

Es folgten Umschulungen auf interessante Flugzeugtypen und Airbusse, ein paar Partnerinnenwechsel und eine glückliche Heirat, die schon zehn Jahre hält und noch immer wunderschön ist.

Pro Jahr hadere ich zwei Mal mit meinem Beruf, nämlich immer dann, wenn ich in den Simulator muss. Da das Morgen wieder der Fall ist und ich statt Bücher wälze Blogeinträge verfasse, kann das wieder ganz heiter werden!

Am Fliegen mag ich das Flirten mit den Damen am Funk. Die können zwar ganz schon störrisch sein, entpuppen sich beim Zufallstreff aber immer wieder als umwerfend charmant.
Flirten mit den ATC-Damen will gelernt sein, darum braucht es dafür mehrere Lizenzen, abgesegnet durch Beamte in Bern und anderswo. Das Beste daran ist aber, dass die Damen meinen sie können uns herumkommandieren und wir trotzdem tun, was wir wollen.

PS: das stimmt so natürlich nicht, wäre aber ein toller Abschlusssatz gewesen :-)

Ein Gruss aus dem Büro


Die nächsten zwei Tage muss ich in die Geisterbahn, damit ich das nächste halbe Jahr wieder solche Bilder geniessen darf. Danke für den Link Jürg!

Samstag, Januar 07, 2012

Bartstoppeln

Vorschriften gehören zum Leben. Das Wort Vorschrift kommt vom Verb vorschreiben und bedeutet nichts anderes, dass jemand etwas vor jemand anderem aufgeschrieben hat. Eine Plausibilitätsprüfung ist nicht zwingend notwendig, sonst würde es ja Richtigschrift oder ähnlich heissen.

Wer Vorschriften in Frage stellt, stellt also nicht die Richtigkeit in Frage, sondern den Vorschreiber – und das kann ziemlich risikoreich sein. Wer in so einer Branche wie der Aviatik arbeitet, kennt Berge von Vorschriften. Verfasst wurden diese nicht selten von studierten Juristen. Ich kenne viele dieser Rechtsgelehrten privat und bin begeistert von ihrer Scharfsinnigkeit, ihrem Humor und ihrem Schalk.

Wenn ein Jurist einen Gesetzestext entwirft, macht er das pure Gegenteil vom Vorschreiben. In der Regel sind Paragrafen so formuliert, damit sie ausgelegt, geknuddelt, verformt, interpretiert und neu verpackt werden können. Das geschieht nicht mit bösen Hintergedanken, sondern aus reinem Spieltrieb. Wer in einer Studentenverbindung Mitglied ist, kennt dies bestens. Den ganzen Abend geht es nur darum zu wachen, ob der Komment eingehalten wird. Sünder werden verpfiffen, Fehlbare an den Pranger gestellt. Doch nie geschieht dies ohne Verteidigungsrede des Angeklagten. Und darum sind an diesem Verbindungsabend schliesslich alle anwesend, darum hat ein Vorschreiber diese Vorschriften verfasst, deren Sinn niemand hinterfragt.

Dies die eine Seite der Medaille, die andere ist trauriger.

Vorschriften ziehen auch andere Gesellen in ihren Bann. Dankbar, dass ihnen jemand Leitplanken vorgibt, folgen sie diesen blind.
Wären zum Beispiel die Sicherheitsbeamten an diesen Röntgenapparaten in einer Studentenverbindung, könnte man sich vor dem Flug stundenlang Bierduelle liefern und im besten Fall erreichen, dass der Nagel-Clip trotzdem auf das Flugzeug darf, da man mit der Axt, die im Cockpit montiert ist, so schlecht den Daumennagel kürzen kann.

Das gäbe Verspätung und Annullierungen.

Doch leider zieht die Aviatik diese Spezies an wie der Speck die Maden. Die Berge von Vorschriften scheinen eine grosse Faszination auf gewisse Kreise auszuüben. Da gibt es Limiten, Grenzen, Vorschriften (man erinnere sich: von Vorschreiben verfasst), Gesetze (von bierseligen Juristen kreiert) und No-Go-Items. Immens wichtig ist es, die Buchstabenreihe, die sich nicht selten hinter einer Nummer versteckt, in die richtige Kategorie einzuordnen.

Passieren hier Fehler, muss im besten Fall eine Firma Konkurs anmelden, im schlimmsten Fall steht ganz Aviatik-Europa still (Stichwort Vulkanasche).

Nehmen wir ein Beispiel: Die Rückenwindlimite. Auf den ersten Blick könnte man meinen, es handle sich dabei um eine Vorschrift. Ein Vorschreiber hat definiert, dass mit > 10 Knoten nicht gelandet und gestartet werden darf. Leider ein Irrtum!
Es handelt sich eindeutig um ein Gesetz! Warum? Lassen sie mich das kurz erklären.
Wie sich der Leser dieser Zeilen erinnern kann, verfassen bierselige Juristen Gesetze. Bierselige Juristen haben gefallen am Reden, am Leben und am Genuss. Genuss kostet Batzeli und Batzeli müssen jemandem aus der Tasche geklaubt werden. Was hat dies mit dem Rückenwind zu tun? Ganz einfach: gegen ein kleines Entgelt kann das Flugzeug beim Start von 10 auf 15 Knoten zertifiziert werden. Soll mal einer sagen, dass hier kein Jurist seine Hände im Spiel hatte!

Doch das Geld ist nicht das einzige Argument. Ein weiterer Beweis ist die verbindliche Tabelle aus dem Hause Airbus. Wer während der Mathematik-Stunden statt der Banknachbarin in den Ausschnitt auf die Tafel geschaut hat, kann mit wenigen trigonometrischen Klimmzügen die Rücken- und Seitenwindkomponenten auf vier Stellen nach dem Komma berechnen. Und wie macht er das? Mit dem Taschenrechner oder dem iPhone. Und an dieser Stelle danke ich den pastisseligen Juristen aus dem Hause Airbus für den Steilpass. Weder Taschenrechner noch iPhone sind legale Unterlagen, die Tabelle in der Checkliste aber schon.

Wenn man die Pistenrichtung rundet, den Wind auch und den günstigsten Teil der Strichdicke nimmt, kriegt man die fünf Zusatzknoten ohne extra Geld. 

Ohalätz, jetzt muss ich aufpassen. Vorschreiber, die hier mitlesen könnten interpretieren, dass der Schreiberling die Vorschriften nicht kennt, bzw. diese nicht anwendet. Ich kann die Vorschreiber beruhigen, ich kenne die Gesetze genau!

Doch jetzt zu meinem eigentlichen Problem: den Bartstoppeln. Diese Stoppeln sind eine ganz heikle Angelegenheit. Gesetz oder Vorschrift? Ich erkenne das nicht auf den ersten Blick. 
Nach längerem nachdenken wird mir aber klar, es kann sich hierbei nur um ein Gesetz handeln. Bei einem leichtem Vergehen (eben meinen Stoppeln) ist die Busse sicher, bei schwerem Vergehen (Vollbart) wird aber Straffreiheit garantiert. Eigentlich hochpolitisch – oder nicht? Dies ist übrigens so niedergeschrieben im Uniformreglement auf einer der vordersten Seiten. 
Was soll ich jetzt mit meinen Bartstoppeln machen? Ich könnte mich rasieren, doch die Auseinandersetzung mit den Vorschreiben oder Juristen reizt mich halt doch. Ob der Gillette mit seinen vielen Messern seine Arbeit auf meiner Wange vollbracht hat, bleibt mein Geheimnis. Sie liebe Leser, die Vorschreiber und die bierseligen Juristen werden morgen noch schlafen, wenn ich um 5 Uhr das Haus verlassen werde. Gute Nacht!



Montag, Januar 02, 2012

Helvetismen

Ich fühle mich geehrt, dass Deutsche Leser so zahlreich auf meine Seite finden und kommentieren, verlinken und meine helvetisch geprägte Sprache zu entziffern versuchen. Dank einem Beitrag in diesem Forum bin ich auf ein Hilfsprogramm gestossen, dass schweizerisch angehauchte Beiträge auch ins Schwäbische, Fränkische, Berlinerische und Sächsische übersetzen.

Ich wünsche viel Spass beim Lesen im heimischen Idiom!!!

Sonntag, Januar 01, 2012

Der Betriebsausflug

Betriebsausflüge sind gruppendynamische Prozesse, die mehr Gefahren in sich bergen als gemeinhin angenommen. Der Chef gibt sich kollegial, memorisiert aber jeden Tritt ins Fettnäpfchen, was im folgenden Jahr für den Treter selten ohne Folgen bleibt.

Wir schreiben den 1.1.12 und ausgerechnet an diesem Datum begab sich ein Transportunternehmen mit Sitz in Basel auf eben einen solchen Betriebsausflug. Nicht nur das Datum war eher ungewöhnlich, auch die Besammlungszeit löste da und dort Kopfschütteln aus. Um 06:30 Uhr hätten sich die Teilnehmer einzufinden: nüchtern und mit angemessener Kleidung, stand auf der kargen Einladung zu diesem Anlass. Langsam tröpfelten die Teilnehmer beim Treffpunkt ein. Da und dort war ein Gähnen zu sehen, bei einigen konnte man noch den Kissenabdruck auf der Backe erkennen.

Teilnehmerliste
Es lag in der Natur der Sache, dass nicht jedermann am ersten Tag des Jahres zu so früher Morgenstunde einen guten Eindruck machte. Die Mitarbeiter, sich der Gefahr bewusst, gaben sich ausgeruht und waren ausnahmslos gepflegt gekleidet. Die Farbe Dunkelblau dominierte, Farbtupfer waren allenfalls auf den Gepäcksstücken auszumachen. Der Chef – Verzeihung – beide Chefs demonstrierten Zufriedenheit und bliesen zum Aufbruch.

Gerne verschweigen Organisatoren im Vorfeld von Betriebsausflügen das Reiseziel, was immer auch Gefahren in sich birgt. Spontan ist nicht immer gut, Überraschung kann ins Verderben führen!
Das Transportunternehmen mit Sitz in Basel war sich dessen bewusst und verschickte am 23. November eine kurze Aktennotiz an die Teilnehmer, in der knapp das Reiseziel, die Reisedauer und der Moment des Zusammentreffens definiert waren. Während kleinere KMU’s, die kostenbewusst und kollegial organisiert sind, traditionellerweise Ausflüge in die Region unternehmen, trumpfen Schweizer Grossfirmen gerne mit Städtereisen auf, die nicht selten vom Reisebüro der Bundesbahnen organisiert werden.
Das oben beschriebene Transportunternehmen liess sich nicht lumpen und schickte einen Teil seiner Belegschaft mit dem Flugzeug in eine fremde Kultur. Ganze 19 Personen reisten Business-Klasse in den ersten Stunden dieses noch jungen Jahres nach Moskau.

Der Aufruf der Chefs hat gefruchtet. Die Gruppe setzte sich langsam in Bewegung und begab sich zum Sicherheitscheck, vor dem sich – unüblich zu dieser Tageszeit – der erste Stau bildete.

Das Flugzeug war leer, fast leer. Nur eine paar Passagiere gehörten nicht dieser Gruppe an. Man war durch einen Vorhang getrennt. Da die Mitarbeiter dieses Transportunternehmens reisegewohnt waren, hatte es die Besatzung des Flugzeugs schwer. Die Gäste wussten wo sich die Kissen, die «NZZ am Sonntag», die Decken die Kaugummis, die Pappbecher, die Kaffeemaschine und die Schokolade befanden. In der Bordküche ging es zu, wie am Ostersonntag auf dem Petersplatz. Schade durfte nicht geraucht, musiziert und gesoffen werden, das hätte die Stimmung sicher noch zusätzlich angehoben.

Stuttgart unter dem linken Flügel schlief noch, als die etwas zu kalte Omelette den Weg auf das Tablett fand. Dazu wurde ein Croissant gereicht (staubig, trocken) und ein Schwarztee mit Milch. Kaffee verlangte niemand der Betriebsausflugsgruppe, denn sie wussten wie Kaffee auf diesem Flugzeug üblicherweise mundete.

Die «NZZ am Sonntag» war schnell gelesen, der «Sonntagsblick» noch schneller durchgeblättert. Erste Mitarbeiter nickten ein. Am Bildschirm lief zum dritten Mal an diesem Morgen ein Video-Clip, der laut Filmtitel lustig sein sollte. Darin fielen Toilettenpapierrollen auf alte Damen und Kinder schossen mit Wasserpistolen auf Parkbesucher. «Verbesserungspotential!» notierte einer der zwei Abteilungsleiter mit drei Ausrufezeichen auf ein Blatt Papier und schrieb an seinem Text weiter, den er am Abend im Internet publizieren wollte.

Hoffentlich wird es funktionnieren, das russische Internet, dieses elende.

Fairerweise muss gesagt werden, dass eben dieses Transportunternehmen gut für ihre Mitarbeiter schaute. Jeder hatte ein Einzelzimmer und die Abteilungs- und Gruppenleiter durfen gratis im Internet surfen.

Zurück zum Betriebsausflug. Die polnische Grenze kam näher und der zweite Tee mit Milch fand den Weg zu Sitz 1A. Der Zucker fehlte – auch 1A hatte sich Vorsätze genommen. Während die 19 Mitarbeiter langsam eindösten, tanzten die anderen fünf in der engen Bordküche vom linken Eck ins rechte und verhinderten im Minutentakt Kollisionen mit Potential zur kleinen Katastrophe.

Moskau kam näher. Aus Füssen wurden Meter und der Boden wurde durch die Wolken erkennbar. Sanft setzte der A320 auf der rauen Piste auf und niemand nahm Kenntnis von der perfekten Landung. Applaus wäre peinlich gewesen, schliesslich waren fast nur Profis an Bord.

Der russische Zollbeamte fluchte! 19 Pässe, 19 Einreiseformulare, drei Gendecs – zum Glück war bald Weihnachten! 19 Koffer haben das Reiseziel erreicht, 19 Zimmer standen bereit. Zum Abschluss des Ausflugs gab es noch ein lokales Bier zu 150 Rubel und etwas Unvernünftiges zwischen die Zähne. Mit dem Müssiggang war es bald vorbei, um 01:25 Uhr Mitteleuropäische Zeit wird der Wecker wieder schrillen.

Der Auftrag des kommenden Tages war wichtig: Die Mitarbeiter müssen auch in den folgenden Tagen den grössten Skilift der Welt am Laufen halten!