Sonntag, September 16, 2012

Fragen und Antworten


«Grossonkel?»
«Ja?»
«Wie alt bist Du eigentlich?»
«Ach, genügt Dir sehr alt?»
«Was ist ein Blog?»
«Ach herje, dieses Wort habe ich schon lange nicht mehr gehört. Das ist ein Begriff aus der Zeit des Internets. Wir formulierten damals unsere Gedanken in Worte und publizierten sie im World Wide Web.»
«Was ist ein Internet?»
«Es war ein Versuch die Welt jedermann zu erklären, Wissen allen zugänglich zu machen und Distanzen zwischen Völkern zu verringern.»
«Und, hat es geklappt?»
«Es war ein Versuch wert. Das Internet hatte viel Gutes, aber auch einige Nachteile.»
«Und die waren?»
«Wir haben schnell gemerkt, dass Geheimnisse auch ihre Vorteile haben. Unbekanntes regt die Phantasie an, kreiert Bilder im Kopf und schafft bei jedem Individuum eine andere Welt, die es zu beschreiben Worte und Kreativität braucht. Dass diese Gedankenwelt bei jeder Person anders aussieht hat unglaubliche Vorteile. Man geht nicht von einer gegoogelten Tatsache aus, sondern schafft sich in Diskussionen sein eigenes Bild.»
«Lustige Wörter brauchst Du! Was heisst gegoogelt?»
«Ach, das ist ein Wort, das in den 20ern verboten wurde. Ich möchte das nicht weiter erklären, sonst kriege ich auf meine alten Tage noch Ärger.»
«Warum gibt es das Internet nicht mehr?»
«Irgendwann Ende 20er brach es zusammen. Niemand weiss genau warum, aber plötzlich fiel der erste Dominostein um und riss alle anderen mit. Es gab Unruhen, Selbstmorde, Chaos. Doch nach einigen Monaten beruhigte sich die Lage und die Leute hörten wieder auf ihre eigenen Bedürfnisse. Der Gruppendruck war wie weggeblasen und es loderte eine kleine Flamme der Revolution auf.»
«Wie meinst Du das?»
«Ach, es waren kleine Sachen, die Dir vielleicht lächerlich vorkommen. Wir fuhren plötzlich wieder ohne Helm Fahrrad... »
«Ihr hattet Helme auf zum Fahrradfahren?»
«Ja stell Dir vor. Damals Anfangs 2000 hatten sogenannte Kampagnen Hochkonjunktur. Diese basierten in der Regel auf «Angst» und hatten zum Ziel, neue Gesellschaftsnormen einzuführen. Es ging um Rauchverbote, Kohlenhydratverbote, Einwanderungsverbote, SUV-Verbote, Humorverbote bei Passagieransagen, das Fahrradhelmobligatorium, Übergewichtsverbote und Einschränkungen da und dort.»
«Eine triste und dunkle Zeit... »
«Nein, so schlimm war das auch wieder nicht, es gab ja das Internet. Alles Nonkonforme, Illegale und Versteckte lagerte sich ins Internet aus. Es gab Seiten für Seitensprünge, Seiten für Pornografie, Seiten für humorvolle Passagieransagen und eine Seite genannt YouTube, wo man schauen konnte, wie Verwegene ohne Kopfschutz Fahrrad gefahren sind. Bereits 10-jährige wussten was die 69-er Stellung ist, ihnen wurde aber verboten, zu Fuss in die Schule zu laufen.»
«Was ist nun ein Blog?»
«Als das Internet so richtig schnell und einfach wurde, haben unzählige Leute Geschichten, Gedanken und vieles andere publiziert. Das war richtig populär und für gewisse Leute auch gefährlich. Kein Wunder folgten wieder Verbote. Betriebe verboten den Mitarbeitern zu bloggen, zu twittern, zu was auch immer. Der Grund für diese Verbote war immer der gleiche:  Die Mitarbeiter waren weit bessere Kommunikatoren als die Publizistikabgänger und die Vorgesetzten.»
«Was ist Publizistik?»
«Ach so ein Studiengang für ... Ach lassen wir das.»
«Hast Du auch gebloggt?»
«Ja klar, über acht Jahre lang.»
«Und warum hast Du aufgehört?»
«Aus der gleichen Laune heraus wie ich angefangen habe.»
«Wann hast Du aufgehört?»
«Ach, das weiss ich noch genau. Es war ein schöner September Sonntag im Jahr 2012 – der 16. glaube ich –, also vor gut 50 Jahren. Es war Hochjagd im Engadin und wir machten eine lange Wanderung.»
«Was ist Hochjagd Grossonkel?»
«Ich bin jetzt müde und brauche eine Pause. Lass uns das später diskutieren!»

Freitag, September 14, 2012

ohne Worte

Zum Glück bin ich in meinen Copilotenjahren Boeing und Douglas geflogen ....

Dienstag, September 11, 2012

die Macht der Humorlosen


Wer mit Humor durch das Leben geht braucht keine Wegweiser. Die gute Laune, das Lächeln auf dem Gesicht und die Fähigkeit, Dinge im positiven Licht zu sehen, öffnen Türen, die den Humorlosen verschlossen bleiben.
Humorvolle Menschen haben Pläne, lassen sich aber auch gerne ablenken. Humorvolle Menschen haben die Fähigkeit, unangenehme Dinge so auszusprechen, dass der Angesprochene nicht selten über sich selber lachen kann.
Humor öffnet nicht nur Türen, sondern auch Herzen. Humor ist das Rezept gegen schlechte Laune und lässt gezielt und in der richtigen Dosierung eingesetzt, selbst dunkle Tage erhellen.

Doch nicht jedermann ist empfänglich für Humor. Menschen, die alles Lustige suspekt finden und Abweichungen von der Norm ein Greuel sind, stören sich daran, dass der Ernst des Lebens in diesen Sekundenbruchteilen des Lächelns aus den Augen verloren geht.

Es gibt schlechten Humor, schwarzen Humor, britischen Humor, peinlichen Humor. Nie trifft man den Richtigen, nie sind alle Lacher ehrlich gemeint. Doch soll man deswegen auf den Humor verzichten? Soll man den Leuten den Spass missgönnen, weil der Spass für einige da aufhört wo für andere der Humor beginnt? Soll man den Humorlosen das Feld überlassen?

Nein, nein und nochmals nein!

Das Leben meistert man entweder lächelnd oder gar nicht, sagt eine Weisheit gelesen auf einem Zuckerbeutel, mitgeliefert zu einem herrlichen Espresso, getrunken heute Nachmittag auf der Terrasse des Bellavista im schönen Engadin.

Humorlose Zeitgenossen meistern das Leben nicht, sie verpassen es. Einer ihrer Triebfedern ist der Kampf gegen Witz, Charme und eben Humor. Sie wollen den Humor verbieten und haben damit leider auch so oft Erfolg. Folgt man nicht dem strengen Dienstreglement des puritanischen Lebensstils, greifen sie zum Griffel und beschweren sich bei hoher Stelle. Lacher sind unseriös, ziemen sich nicht für einen Herrn in Krawatte und Sakko und gehören verboten und verdammt. Man ist steif, korrekt – nein überkorrekt und repräsentiert so in bester Manier die Kaste der Humorlosen. Es gibt sogar Stilberater für Humorlose, die vom Scheitel bis zur Sohle vorschreiben, was getragen, geredet und sogar geflüstert werden darf.

Doch was erreicht diese Spezies schlussendlich? Nichts!, wage ich zu behaupten. Aber dies ist nur zu erreichen, wenn die Humorlosen mit Humor bekämpft werden. Man soll ruhig auch etwas aufmüpfig und meuterisch sein. Oscar Wilde meinte, dass Ernsthaftigkeit die Zuflucht derer ist, die nichts zu sagen haben.

Dazu gibt es nichts mehr zu sagen.


die neue Rundschau ist online




Die neue Rundschau ist online. Es wird vom Protest gegen die neuen «EASA Flugdienstzeiten» berichtet und fliegende Mütter kommen zu Wort. Die neue Version des Luftfahrtgesetzes wird vorgestellt – was insbesonders auch für Chinesen interessant ist – und eine Fluglotsin aus Zürich berichtet aus erster Hand über das Anflugkonzept am Flugplatz Kloten. Einer der Kolumnisten erklärt, warum das Fliegen mit verbilligten Tickets der blanke Horror ist und der andere Kolumnist flieht in den Ashram zum Meditieren. Wer könnte das neue Ausbildungskonzept der Swiss besser erklären als der Entwickler selber und wer könnte bessere Geschichten aus der SLS-Zeit erzählen, als der erste Patrouille Suisse Leader und spätere SLS-Fluglehrer Rolf Brunold?
Einen Blick zurück macht der ehemalige AEROPERS-Präsident Rolf Odermatt und einen Blick nach vorn der aktuelle Präsi Markus Grob. Leser erhalten weiter einen Einblick in die Verbandsarbeit der AEROPERS und einen Rückblick auf die letzten 100 Jahre Luftfahrtgeschichte.
Das alles gibt es gratis auf:

Freitag, August 31, 2012

Es ist nichts mehr wie früher!


Ich transportiere gerne Menschen. Menschen haben Geschichten und tragen diese freiwillig oder unfreiwillig nach aussen. Als Beobachter kann man schauen oder zuhören, riechen oder tasten. Tasten geht gar nicht im Airline-Business, darum beschränke ich mich als Geschichtenkonsument auf das Hören, Sehen und Riechen. 
Stehe ich mit meinen fast zwei Metern und der dreistelligen Gewichtszahl eingeklemmt zwischen Toilettentüre und Kaffeemaschine, dann geniesse ich das mit vollen Zügen. Ich mag Geschichten und ich mag Menschen. Von beidem bekommt man während des Boardings mehr als genug ab.

Zuerst zu den Gerüchen. Piloten und Flugbegleiter könnten bei "Wetten dass" auftreten. Steigt ein Transitpassagier ein, reichen ein paar Moleküle und ich kann sagen aus welchem Flugzeug er eben entstiegen ist. Ein Mix aus Mottenkugeln und Essenszeiten: typisch Indien! Schweiss, Massageöl und Schwefelgeruch: Bangkok! Frisch gewaschene Kleider und dennoch müffelt es leicht säuerlich: Afrika! 
Auch die zusteigenden Passagiere aus der Schweiz verraten viel über ihre Ausdünstung. Stechendes und viel zu üppig aufgetragene Wässerchen: Wenigflieger, die sich durch den "Duty-Free" gespritzt haben. Schwere Moschusdüfte: Subalternes Kader, die ihre Unsicherheit mit einem Duftpanzer verjagen möchten. 

Da lob ich mir das Visuelle! Mache lächeln, viele verharren schweigend einen Moment und berührend die Cocktitüre, einige schauen weg, andere lächeln mir zu. Es gibt solche die cool sind und solche die cool wirken möchten. Nicht wenige verdrehen die Augen und ab und zu zwinkert mir auch jemand zu. Viele sorgen sich über die Sicherheit aber nicht wenige besteigen das Flugzeug mit Schuhen, die sie bei einer Flucht über Scherbenhaufen alt aussehen lassen.
Die meisten haben sich adrett gekleidet. In den Händen halten sie Taschen von Harrods, A&F, Globus, Sprüngli, Baumarkt, Beate Uhse, Migros, noch einmal Sprüngli, der Kiosk AG und vielen anderen, die vor dem Abflug mit der Langeweile der Passagiere ein Geschäft gemacht haben.

Doch die meisten und besten Geschichten hört man. Nicht wenige Passagiere halten noch beim Boarding ein Mobile in den Händen und wickeln die letzten Geschäfte gut hörbar zwischen meinem Ohr und dem der Maitre de Cabin ab. Dies ist auch immer ein Statement in unsere Richtung: Ihr seit zwar wichtig für dieses Flugzeug, ich bin aber wichtig für die Welt! 
Immer wieder wird auch ein lockerer Spruch gemacht und man bedankt sich für die freundliche Begrüssung. Es wird viel gelacht und noch mehr genickt, es wird in vielen Sprachen begrüsst und in vielen Sprachen einen schönen Tag gewünscht. Man wird beim Boarding zur Schicksalsgemeinschaft und in einer Schicksalsgemeinschaft ist es immer wieder gut zu wissen, wer dazugehört.

So auch die schwarzen Schafe. Entweder haben sie Flugangst oder sich müssen sich vor dem Begleittross aufspielen. Ignoranz ist eine oft eingesetzte Waffe, Kritik die weitaus meist verbreitete. Wenn sich jemand die Mühe gemacht, mich zu begrüssen, dann grüsse ich zurück. Das gehört zur guten Kinderstube und hat mit Respekt zu tun. Dreht mir jemand provokativ den Rücken zu, werde ich unruhig. Kritisiert dieser jemand mit mir zugewandtem Rücken mein Dienstleistungsunternehmen ungerechtfertigt und gut hörbar, ist er vor einer Diskussion mir mir nicht sicher. 

"Es ist nichts mehr wie früher. Diese Airline ist eine Dienstleistungshölle!", der Mann zu seinem Kollegen.
Was denn schief gelaufen sei, wollte ich wissen.

"Ach, es ist nichts mehr wie früher!", seine kurze Antwort.
Was denn nicht mehr wie früher sei, wollte ich vom Gast wissen.

"Die ganze Fliegerei ist ein Massengeschäft geworden", klage der knapp Dreissigjährige in einem gut sitzenden Sakko. "Und überhaupt", so der Jungmanager, "könnte ich eine NZZ haben?"
Ich verneinte und erklärte ihm, dass die Zeitungen nur für die Business-Class Passagiere seien.

"Es ist nicht mehr wie früher, sag ich ja. Und überhaupt sei das eine Frechheit, soviel zu verlangen und nichts zu bieten! Eine Dienstleistungshölle, sage ich ja." Ein normaler Kapitän hätte an diesem Punkt die Diskussion beendet, aber ich bin ja nicht normal.

Er solle doch einmal einen kurzen Blick auf den Ticketpreis werfen und sich fragen, was man in seiner Firma für diesen Betrag bekäme und wie er reagieren würde, wenn sich ihm ein Kunde mit gleicher Rhetorik nähern würde? Er wurde still.
Die anderen 145 Passagiere waren übrigens ganz nett...

Zuhause angekommen wollte ich wissen, ob es nicht mehr wie früher war. Ich wühlte in einem alten Flugplan von 1942, der aus dem Nachlass von Flugkapitän H. stammt. H. hat diesen Stapel alter Zeitdokumente dem Flugkapitän K. gegeben, der wiederum den Stapel Flugkapitän S. weitervermacht hat und dieser hat die Dokumente an meine Wenigkeit weitergereicht. Darin findet man manch eine Geschichte, die in der einen oder anderen Form von mir weiterverarbeitet wird. Ich verspreche, dass ich die Leser an den alten Leckerbissen teilhaben lassen werde.

Zurück zum Flugplan von 1942. Ein Flug Zürich – Berlin – Zürich kostete im Kriegsjahr 1942 inkl. 15 kg Freigepäck stolze 340 Franken. Es darf erwähnt werden, dass laut Bundesamt für Statistik BfS der Durchschnittslohn heute 23 Mal höher ist als 1942. Ein Kilogramm Übergepäck schlug übrigens mit 1.30 Franken zu Buche. Nein, es ist nicht mehr wie früher!





Samstag, August 25, 2012

Schlafmodelle

 

Frührotationen – man mag sie oder man hasst sie. Um 04:00 Uhr aufzustehen ist nicht jedermanns Sache und um 05:00 Uhr so auszusehen, wie sich der gemeine Flugpassagier es sich wünscht, auch nicht.
Ein Wunder, das es trotzdem jeden Morgen klappt. Keine Haar schaut in die falsche Richtung, kein Lidschatten ist zu dunkel. Die Lippen sind sauber nachgezogen und die Wangen dezent parfümiert. Die Crew sieht wach, motiviert und tatbereit aus, und das zu so früher Morgenzeit am Tag nach Freitagabend.

Da mekt man, dass man von Profis umgeben ist. Denn auf den Punkt wach zu werden ist gar nicht so einfach, da braucht es Routine, Vorbereitung und Disziplin. Oft wird behauptet, dass der Schlaf individuell sei und mit unendlich vielen Faktoren zusammenhänge, die bis zur Kindheit zurückgehen. Als Kapitän weiss ich natürlich, dass dies absoluter Mumpitz ist. Die Wissenschaftler irren einmal mehr, als Praktiker kann ich weiterhelfen.

Schlaf ist einzig und alleine eine Frage der Rangordnung, der Hierarchie! Wir leben glücklicherweise nicht mehr in einer Zeit, wo Hierarchie die Antwort auf alle Fragen gibt, aber ab und zu ist sie richtig, so auch in der Schlaffrage.

Am schwierigsten ist es wie immer für die unteren Chargen. Sie sind neu und wollen alles richtig machen. Sie dürfen um keinen Preis verschlafen und haben auch Respekt davor. Aufstehen vor 04:00 Uhr ist für die meisten Neuland, vor allem für Studentinnen und Studenten, die trotz Bologna-Punkten kaum je vor 09:00 Uhr Tageslicht sehen – an Wochenenden manchmal gar nie. Dementsprechend nervös sind sie, dementsprechend unruhig ist der Schlaf. Wenn alle drei Wecker und das iPhone gestellt sind, legen sich die jüngsten Flight-Attendants zur frühen Abendstunde ins Bett und hören das eigenen Herz schlagen. Mit Recht fragt man sich, warum man bereits in den Federn liegt, wenn die WG-Kollegen doch erst beim Warm-up sind. Uniform und Crew-Bag liegen bereit, die Ersatzstrümpfe auch. "Habe ich das Verkaufsportemonnaie eingepackt?", "Sind die Ersatzstrümpfe wirklich da?", "Ist das Ladekabel des iPhones auch dabei?", "Habe ich den Wecker richtig gestellt?" – Fragen wie diese lassen an Schlaf nicht denken. Fallen die Lider dann nach ein paar Stunden endlich zu, handelt der erste Traum mit Sicherheit vom Verschlafen, vom Einchecken ohne Rock, vom vergessenen Verkaufsportemonnaie. Das mit dem Ergebnis, dass tiefe Chargen in der Regel drei bis viermal pro Nacht schweissgebadet aufwachen. Wir von den höheren Chargen haben Verständnis dafür, denn wir haben das vor uhuren langer Zeit auch einmal durchgemacht.

Der Copilot, das unbekannte Wesen, folgt hierarchisch vor dem Kapitän. Mit Schlaf assoziert er ganz andere Tätigkeiten, als flach im Bett zu liegen. Neben der Aufgabe des Arbeitgeber – und zwar ausgeruht am Arbeitsplatz zu erscheinen, hat er von Mutter Natur noch viel wichtigere Pflichten gefasst, nämlich sich fortzupflanzen. Auch dies führt zu Träumen, auch diese enden oft vollgeschwitzt (bitte diese Wort richtig lesen!). Mit dem Unterschied allerdings, dass Mann nach dem Traum nicht mit rasendem Puls erwacht, sondern in einen tiefen und zufriedenen Schlaf fällt, bis die nächste Traumfrau in den Gedanken ins Bett hüpft. Darum kann man nicht generell sagen, dass Copiloten schlecht schlafen. Viel wichtiger ist der Zeitpunkt des Weckergangs. Fällt dieser nämlich kurz vor den träumerischen Höhepunkt, brauchen Copiloten in den ersten Stunden des noch jungen Tags in der Regel spezielle Zuwendung von anderen Schlafopfern tieferer Chargen. An solchen Tagen fliegen sie nie das erste Teilstück.

Am Hierarchieende steht der Kapitän. Ohne ihn geht nichts, von ihm hat es immer zu wenige, vor allem an Wochenenden. Darum kann er sorgenlos zu Bett, darum reicht ein Wecker, denn die Crew Dispo würde sofort anrufen, wenn die Schlafgeister nicht vertrieben werden könnten. Alte Kapitäne erwachen sowieso mit den Hühnern, da sie nach bald 50 Jahren endlich gemerkt haben, dass Morgenstund tatsächlich Gold im Mund hat. Von Sex träumen sie auch nicht mehr und sind dankbar, wenn sie nach ein paar Stunden das Bett verlassen dürfen und den gebeutelten Rücken durchstrecken können.

So trifft sich in den frühen Morgenstunden im Operation-Center eine Schar Unausgeschlafener, die eine erstaunliche Routine darin entwickelt hat, die Müdigkeit zu verdrängen, in Koffein zu ersaufen, wegzuschminken und wegzuparfümieren. Wenn wir uns auch wie Zombies fühlen, wir sehen nicht so aus. Das überlassen wir lieber unseren Gästen, die uns beim Boarding manchmal anschauen, als ob wir Schuld seinen, dass sie um 04:00 Uhr aus den Federn mussten.

Bis Morgen liebe Kollegen, um 05:XY im Briefing!

Ach, fast vergessen, ich flog heute das erste Teilstück...




Samstag, August 04, 2012

ENG DUAL FAIL FUEL REMAINING

Oft werde ich gefragt, ob das Flugzeug auch fliege, wenn beide Motoren den Geist aufgeben. Die Antwort ist so klar wie einfach: Ja, das tut es tatsächlich und zwar gar nicht so schlecht.

Im Airbus stimmt die Daumenregel ziemlich gut, dass man etwa doppelt so weit kommt, wie man hoch ist. Diese Aussage ist so nur richtig, wenn ich die richtigen Einheiten dazu stelle. Aus 35 Tausend Fuss kommt man ungefähr 70 nautische Meilen weit. Das ist weiter als mach ein SUV mit einer Tankfüllung fährt.

Doch wie es in Realität ist, wenn beiden Triebwerken die Luft ausgeht, davon können nur einige Piloten erzählen. Ich gehöre seit gestern auch dazu. Gut, es sind nicht wirklich beide Motoren ausgegangen, aber es fühlte sich genau so an.
Auf einen Schlag war es mucksmäuschenstill im Cockpit. Kein Summen der Airconditioning, kein dröhnen der Motoren. Nur der Funk war zu hören und das in einer Qualität, wie ich ihn so noch nie gehört habe.
Störend war nur mein Herzschlag. Die Pumpe schlug schneller und lauter als gewohnt und klang beängstigend dumpf.

Was war passiert?

Ich wurde als Testperson ausgewählt, ein sogenanntes "noise canceling headset" auszuprobieren. Schaltet man den aktiven Teil dieses Wunderdings ein, filtert ein ausgeklügeltes System alle Nebengeräusche aus und es wird auf einen Schlag still. Diese Stille kennt man sonst nur von Übernachtungen in Einmannzelten auf mindestens 3000 Metern über Meer. Gespenstig, unheimlich und dennoch befreiend.
Unglaublich, wie laut es im Cockpit ist. Unglaublich, was ich mir da in den letzten 20 Jahren angetan habe. Meine "Dellen" in der Hörkurve zeugen davon...

Interessant ist auch der Nebeneffekt, dass der Kollege einem viel besser hört. Befehle müssen nicht wiederholt werden und der Stresslevel während der arbeitsintensiven Phasen sinkt spürbar.

Der einzige Nachteil ist vielleicht, dass dieses Headset nicht so cool aussieht wie das Ursprüngliche, das man lässig auf dem Kopf trug und eine Ohrmuschel zur Seite klappte.
Wenn ich jetzt meine Arme tätowiere, dann sehe ich aus wie die Fussballer in den oberen Ligen.

Ach fast vergessen: Olympia ist ganz lustig, auch ohne Turnschuhe an den Füssen.

Mit Gruss aus London Kensington

nff

Mittwoch, August 01, 2012

Der Unsichtbare


Er ist da und geht gleich wieder. Sich vor ihm verstecken ist unmöglich, ihm entfliehen schon gar nicht. Er stört fast jeden, obwohl er von allen Seiten gerufen wird. Links taucht er auf, rechts sowieso. Würden ich nicht auf dem bequemen Sessel sitzen, er käme bestimmt auch von unten.

Mal trägt er ein modernes Kleid, mal ein ganz klassisches, heute ein martialisches. Man benutzt ihn um Freude zu zeigen, aber auch um einzuschüchtern. Frauen werden damit verführt und Männer zu richtigen Männern gemacht. Er ist penetrant, ja gar gesundheitsschädigend, dennoch geben die Leute Geld aus, um ihn einen kurzen Moment zu sehen, zu hören, zu fühlen.

Es gibt Studien über ihn in allen Sprachen, gefangen hat ihn doch noch keiner.

Ha, da ist er wieder! Ich dachte ich fange ihn mit der Kamera ein. Doch auf dem Bild sind nur meine Füsse zu erkennen. Der Unsichtbare fehlt, obwohl er mir den schönen Abend fast ein bisschen ruiniert. Selbst die Buchstaben scheinen ihn zu hassen, sie wollen heut Abend partout nicht in der richtigen Reihenfolge am Schirm erscheinen.

Der Unsichtbare stört aber nicht nur meine Buchstaben. Auch andere Personen, die darauf angewiesen sind, dass die Wörter richtig das Sprechorgan verlassen und noch korrekter an der Hörmuschel ankommen, sind durch den Unsichtbaren abgelenkt. Kein Wunder, wird an manch einem Höhenfeuer heute Abend ein ziemlicher Schmarren erzählt. Schuld sind nicht etwa die Redner, nein es ist der Unsichtbare.

Da ist er wieder, links, rechts, oben – nur nicht unten. Ich versuche ihn zu fassen, zu erledigen – vergeblich. Gerade heute ist er unerträglich, er wird mir mit Bestimmtheit auch den Schlaf rauben, das ist sicher.

Ich mag den unsichtbaren Lärm nicht sonderlich, auch nicht an einem Nationalfeiertag. Da ist er wieder! Diesmal von unten! Von unter? Es riecht nach Schwefel – wie bedrohlich! Hat sich wohl eine Rakete unter meinen Hintern verirrt? Entwarnung – es war ein Furz meines Hundes, der sich unter dem Stuhl verkrochen hat.

Gute Nacht!

Sonntag, Juli 29, 2012

Swiss meets Qantas

Einmal im Jahr kommen australische Freunde in die Schweiz und zeigen uns die Schönheiten unseres Landes, die wir selber nicht mehr sehen können.
Das Familienoberhaupt arbeitet seit menschengedenken bei der Qantas, aktuell als Kabinenchef auf der A380 und der 747.

Was mich immer inspiriert, ist die Unbefangenheit dieser Familie. Qantas plante Crews in London zu stationieren – no problem for Graham, he's coming!

So freute ich mich vor Jahren auf einen fernen Anruf aus Australien, als ich mitten im Skiurlaub war. Natürlich hatte ich keine Ahnung, was Graham von mir wollte.

Hi Peter, we're coming to Switzerland!
Great! When are you coming?
We're actually in Singapore, the plane leaves in a couple of minutes to Frankfurt. We'll arrive tomorrow at around 10 a.m. in Kloten. Can you pick us up?
Well, ok – the snow is shitty anyway (not true) and the weather as well (not true as well). How long do you stay?
Three years!
How long?
Three years.
Say again.
Three years.
Where do you stay?
We thought that we can move in in your place for the first weeks.
No Problem.


Fortan bestand unser bis anhin aus zwei Personen zusammengesetzter Haushalt aus vier Erwachsenen und zwei Knaben im Alter von einem und drei Jahren. It was fun!

Graham flog von London aus nach Singapur, Bangkok, Hongkong und Narita und ich traf ihn entweder zu Hause oder in den fernen Städten.

Die Kleinen assen Tonnen von Noodles (Teigwaren aller Art) und tranken Boysbeer (Apfelsaft vom Bauernhof). Der Ältere war bereits ein Jahr im Kindergarten, als die Familie die Erdhalbkugel wieder wechselte.

Graham lernte von uns etwas Schweizerdeutsch und ich, dass man nicht nur die Probleme sehen sollte, sondern die auch die Lösungen.
Die Freundschaft wurde von Jahr zu Jahr enger und die Kinder grösser. Geblieben ist die Unbeschwertheit der Aussies.

So auch wieder heute Abend:

When do you work again, Graham?
In a week or so.
So when do you fly back?
Don't know yet. At the moments all flight out of Europe are full. We'll see...


Ich bin sicher, dass die Familie in irgend einer Business-Class Richtung Australien fliegen wird und zum Schluss kommt: There is always a solution, you just have to see it.


Ich wollt ich hätte auch solch eine extra Portion Unbeschwertheit auf den Lebensweg mitbekommen...



Freitag, Juli 27, 2012

Dorma bain!


Zwei Tage Simulator sind wieder um. Kein Start wie der andere, keine Landung normal. Probleme, die einem den Glauben in die Technik vergessen machen und Lösungsansätze, die dem Kollegen den Schweiss auf die Stirn zaubern. Doch was treiben wir genau in diesen total sechs Stunden im Zaubergerät? Die Antwort scheint auf den ersten Blick so logisch wie einfach: Wir verlängern unsere Berechtigung zur Ausübung unseres Berufs.
Das wird am ersten Tag erledigt. Startabbrüche bei erlaubter Mindestsicht (125 m), automatische Anflüge mit einem kaputten Motor, Durchstartmanöver, Feuer an Bord, NDB-Anflüge, RDI-Anflüge und andere lustige Sachen, die genauso kompliziert sind wie ihr Name klingt.
Natürlich fragt der Experte auch das Wissen ab und dies wiederum geschieht in seinem ganz persönlichen Lieblingsgebiet, was sich selten mit meinem deckt. Trotzdem – oder gerade darum – ein lernreicher, interessanter und auch sehr spassiger Tag.

Am zweiten Tag steht der «Refresher» auf dem Programm. Hier werden in einem rund vierstünigen Theorieblock zusammen Themen erarbeitet, technische Systeme repetiert und auch intensiv über Erlebtes diskutiert. «Was hast Du auf der Strecke erlebt?», «wo und warum hast Du Deine Entscheidung kritisch hinterfragt?», «was würdest Du anders machen?».
«Share the experience» nennt sich das fliegerdeutsch und dies ist etwas unglaublich wertvolles in unserem Beruf.
Nach einem stündigen Abstecher in die Niederungen des Kantinenessens steht uns dann der Simulator noch einmal 2:30 Std. zur Verfügung. Es gibt sehr wohl ein vorgegebenes Programm, es hat aber auch Platz für individuelle Wünsche oder kreative Ideen des Instruktors.

Wie das aussehen kann?

Da war zum Beispiel ein Anflug auf die Piste 04R in Nizza. Ich steuerte nach Sicht. Plötzlich wurde das Flugzeug sehr schwammig im Pitch, nach ein paar Sekunden ging gar nichts mehr. «Du fliegst», befahl ich dem Copiloten und der grinste zurück: «Ich kann auch nicht, meiner reagiert nicht im Roll...».
Schnell realisierten wir, dass auf der CMD Seite der Pitchkanal und auf der Copiseite der Rollkanal des Steuerknüppels defekt war. So war der Copilot für den Pitch (und den Flare) zuständig und ich kümmerte mich um die Centerline. Eine Kommunikations- und Koordinationsübung, die gar nicht so einfach war. Der Copilot hat das sauber hingekriegt, wenn auch die Centerline hätte besser eingehalten werden können.
Am Schluss hatten wir noch eine Viertelstunde Zeit. Der Instruktor stellte die A321 auf FL130, HDG 180° mit 270 kts IAS genau über den Platz und befahl, das Flugzeug so schnell wie möglich zu landen, ohne dabei eine Limite (250 kts unter FL100, Gear Down & Flaps Speeds, latest 1000ft established on G/P, LOC & SPD) zu verletzen. Ich hätte nach 6’15’’ den Boden touchiert, wäre ich nicht erst bei 960ft stabilisiert gewesen... Versuch ungültig. Man soll es nach einem so heissen Tag nicht auf die Spitze treiben...
Wer Lust hat, kann das im FS X ja mal nachfliegen. Es ist gar nicht so einfach J

Mit einem verschwitzten Hemd und ziemlich müde verliess ich nach acht Sunden das Simulatorgebäude. Wieder sechs Monate Ruhe – zumindest als Geprüfter...

So, jetzt wird das Licht gelöscht. Morgen steht ein anstrengender Tag auf dem Programm. Zuerst geht es auf einen Charterflug, wo ich nach einem Circling und einer (hoffentlich) butterweichen Landung die Entladung überwache, die Beladung organisiere und das Loadsheet selber erstellen darf muss – und das innerhalb 40 Minuten Bodenzeit, dann in ZRH um die Gewitter fliege und danach versuche, die Verspätung nach London in Grenzen zu halten. Es sind ja nur 10:45 Stunden Dutyzeit…

Dorma bain