Montag, Dezember 26, 2011

regalo di Natale, Божићни поклон, cadeau de Noël

Kurz vor Feierabend in Zürich

Der 25. Dezember ist der Tag der Geschenke. Auch ich bekam Geschenke: Einen Vierleger, einen super Service der ATC in Zürich und mehr als 500 Passagiere, die zwischen Hamburg, Zürich und Belgrad pendeln wollten.

Nur wer so alt ist wie ich und soviel Flugstunden auf dem Buckel hat weiss, dass wir FRÜHER am 25. Dezember nie geflogen sind. Schade, dass man solche besatzungsfreundlichen Traditionen einfach aufgab. Doch wäre ich gestern nicht geflogen, hätte ich die unerwarteten Geschenke nicht erhalten und mir wäre einiges durch die Lappen gegangen.

Das erste Geschenk erhielt ich gleich am Morgen. Um 05:30 Uhr war der Gubrist nicht nur leer, er war verwaist. Nicht ein einziges Auto kroch mit mir durch den Tunnel, der das Limmattal und das Furttal trennt. Es kam mir vor, als wäre der Tunnel geschlossen, als herrsche Fahrverbot. Natürlich hatte dies Folgen für meine Tagesplanung. Ganze zehn Minuten vor der geplanten ON BLOCK Zeit stellte ich – und hier haben wir schon das zweite Geschenk – mein Gefährt auf einem freien Parkplatz im dritten Stockwerk des P6 ab.

Da ich am Vortag zu faul war, meine Uniform am Flughafen zu lassen und mich in Zivil auf die Strasse zu begeben, sparte ich schon wieder fünf Minuten wertvolle Zeit. Ich nahm die Treppe vom Unter- zum Erdgeschoss und stellte mit Freude fest, dass die Engel des Service-Centers einen Korb frische Gipfeli und Kaffee offerierten. Kein Ersatz für den verpassten Weihnachts-Brunch, aber eine nette Geste, die von Herzen kam. Noch nicht sechs Uhr am Morgen und ich wusste schon nicht mehr wohin mit all den Präsenten.

Hundert Passagiere wollten mit uns an diesem speziellen Tag nach Hamburg, unter anderem auch eine Familie mit zwei Buben. Die Buben freuten sich auf das Fliegen und stiegen dementsprechend früh ins Flugzeug ein. Mit grossen Augen näherten sie sich dem brandneuen A320 und mit noch grösseren Augen schauten sie auf den Kapitän, der Dimensionen des Samichlaus hatte. Ich begrüsste die jungen Gäste und erkundigte mich, ob sie mit der Bescherung zufrieden seinen. Ein taktischer Fehler, wie sich Sekundenbruchteile später herausstellte. 98 Passagiere mussten sich fünf Minuten gedulden, bis die Beiden von ihrer Eisenbahn, dem Fotoapparat, der Rennbahn, der Playstation, den ferngesteuerten Autos, des Modellbaukastens, den Lego-Steinen, den Nastüchern, der Bücher, der kleinen und grossen Geldbeträge und anderen sinnvollen und -losen Geschenken erzählten. Doch das kann man verkraften am 25. Dezember. Ich habe die Verspätung von fünf Minuten auf meine Kappe abgebucht.

Das Enteisen verlief alkoholisch flüssig wie immer, der Abflug auch und der Anflug sowieso. Pünktlich landeten wir in Hamburg bei weihnachtlichem Wetter (das heisst an der Hansestadt Nieselregen und starker Wind…). Jetzt warteten 150 Seelen auf uns, die gegen Süden wollten. Wie ich später erfahren habe, zog es die meisten in die verschneiten Berge zum Skilaufen. Kein schlechter Entscheid bei diesem Wetter und diesen Schneeverhältnissen. So auch eine Mutter mit ihren vier Kindern im Alter zwischen 8 und NULL.
Preboarding heisst das im Fachjargon, wenn man Bedürftige und Alleinerziehende zuerst aufs Flugzeug lässt, damit die sich ungestört einrichten können. So geschah das auch mit dieser jungen Mutter. Nur war die aus verständlichen Gründen derart langsam (ein Kind wollte zurück, das andere rannte voraus, das Dritte weinte und das vierte machte sich vor Freude oder Angst in die Windeln), dass sie die anderen Passagiere trotz Zeitvorsprung einholten. Sie traf zwar als Erste ein, doch die restlichen Gäste machten hinter ihrem Rücken schon heftig Druck. Gestresst und genervt nahm sie das Kind mit dem Alter NULL, rannte zu mir herüber, sagte kurz: "Halten sie mal!?!", und versuchte ihre drei anderen wieder einzufangen.
So stand der Kapitän mit einem (zufriedenen!) Baby auf dem Arm, das leicht nach Herrentoilette roch, und begrüsste die einsteigenden Passagiere, die leicht irritiert (Männer) und extrem erfreut (Frauen) den Kapitän mit dem ungewohnten Uniformaccessoire begutachteten. Ich muss sagen, das sollte ich öfters machen. Die weiblichen Begrüssungen sind sind von ganz anderer Intensität und Wärme…

Wir brachten die 150 Leute zu früh nach Zürich, genossen einen Kaffee im Terminal B und freuten uns auf 202 Gäste nach Belgrad.
Das Freuen ist erst gemeint, Passagiere in den Balkan gehören in der Tat zum angenehmsten was es gibt. Geschenke gab es auf diesem Flug keine mehr. Die Serben feiern nach dem julianischen Kalender, haben also noch ein paar Tage Zeit, um dem Herrn Kapitän Geschenke zu machen. Am 1.1.12 darf ich das auf dem Flug nach Moskau und zurück mit den "Julianern" nachholen. Dann bin ich wieder um 05:00 Uhr im Gubrist. Ob es an diesem Neujahrsmorgen um diese Zeit von den besoffenen Autofahrern Geschenke gibt? Ich hoffe doch schwer!


Kommentare:

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. Wunderbare Worte :-)
    Übrigens: Ich kann das mit dem Baby am Arm nur bestätigen. Das freut Frau besonders und bringt, wie auch du erwähnt hast, wunderbare Erfahrungen mit sich :-)

    Eine Frage: Wie viele Passagiere passen bei euch denn in einen A320? Wie ist der denn bestuhlt? Laut Website mit 168, ist das noch aktuell?

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  3. @griesTraum:
    … es war ein A321 mit 198 Erwachsenen und 4 Babys = 202

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  4. Ah, alles klar :-)
    Das erklärt einiges - weiss nicht, warum ich beim Lesen immer annehme, dass du den 320er fliegst.. Sorry! :-)
    Noch nen schönen Feiertag und Grüße aus Österreich!

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  5. Kinder sind ja sooo süss, ausser sie kotzen einem die Stube voll beim Nemo gucken... ;o)
    Lese immer wieder gerne Deine Einträge nff. Hoffe das dauert an bis zu Deiner Pensionierung!

    LG

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  6. Schade, dass Sie Weihnachten 2010, 2009 und 2008 noch nicht auf der Kurzstrecke nach HAM geflogen sind, denn dann hätten Sie im schönsten Weihnachtsschnee (mind. jeweils 30 -50 cm) und ohne Wind landen können.
    So schlimm wie in diesem Jahr ist das Wetter hier oben auch nicht immer.

    Viele Grüße aus dem immer noch verregneten HAM.

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  7. Über EDDH wird immer nur über das schlechte Wetter geschimpft. Vielleicht haben Sie ja mal das Glück auch eine schöne Übernachtung im Sommer hier zu genießen. Auf den dann folgenden Blogeintrag bin ich schon sehr gespannnt:).

    Welches ist denn den überhaupt Ihre Lieblingsdestination in Europa und wie oft kommt es vor das Sie "Auswärts" nächtigen müssen? Wie sieht denn allgemein der Auslandsaufenthalt bei Ihnen als Kurzstreckenkapitän aus?

    Viele Grüße aus HH

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  8. Das klingt nach einem gelungenen Tag.
    Und die Mama hätte ihnen das Null-Kind sicher nicht anvertraut, wenn sie ein gewisses Maß, die Latte legen wir Mütter hier sehr hoch an, an Ruhe und Souveränität ausstrahlen würden. Ich denke, die Streifen hat sie zuvor nicht gezählt ;-) Es sah bestimmt hinreissend aus!
    LG aus Berlin

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