Montag, Dezember 26, 2011

Kritische Gedanken zum Jahresende


Das Jahr 2011 war sicherlich ein wichtiges in meiner Karriere. Die Beförderung zum Flugkapitän und die langen Verhandlungen für einen neuen Gesamtarbeitsvertrag standen auf dem Programm. Beides wurde erfolgreich abgeschlossen, bei beiden muss man dran bleiben. Als Kapitän kann ich mir keine Pause leisten. Neue Verfahren müssen sitzen und Wissen muss abrufbereit sein. Nicht dass ich das als Copilot diesen Anspruch nicht gehabt hätte, aber jetzt bin ich die «last line of defense».

Auch bei den Arbeitsbedingungen müssen wir Piloten am Ball bleiben. Während die Amerikaner mit den neuen Maximaldienstzeiten Weitsicht und Verantwortung gezeigt haben, laufen die Europäer genau in die andere Richtung und nehmen unnötiges Risiko in Kauf. Unnötig zu sagen, dass dies für die Manager der Fluggesellschaften ein Steilpass ist, die Dienstzeiten zu verlängern und Toleranzen auszunutzen.

Das bekommen natürlich auch wir zu spüren, obwohl wir weniger lange arbeiten dürfen, als vom Gesetzgeber erlaubt. Dass Müdigkeit gefährlich ist, realisieren wir Menschen leider viel zu wenig. Das ist ganz ähnlich wie beim Alkohol. Nur gibt es beim Alkohol Toleranzgrenzen, Vorschriften, Kontrollen und Sanktionen. Und bei der Müdigkeit? Wir haben zwar den Passus, dass wir nicht fliegen dürfen, wenn wir nicht 100 % fit sind, doch dies ist fast unmöglich zu kontrollieren und einzuhalten. Klar gibt es Flugdienstvorschriften. Bei deren Studium stehen einem die Haare zu Berge. So darf eine Kurzstreckenbesatzung 12 Stunden am Stück arbeiten und vier Starts und Landungen machen (in der Swiss 11.5 Stunden). Klingt nicht nach viel, ist es aber. Von Mittagspause redet man nicht, die ist so auch inexistent. Geladen wird ein Crewessen, das während des Flugs eingenommen wird.  
So ein Vierleger ist, falls nicht gerade der Joachim wütet, streng, aber machbar. Erschwerend kommt aber dazu, dass die Bodenzeiten mit Hilfe von Kostensenkungsprogrammen derart minimiert wurden, dass es für Störungen keinen Platz hat. Wenn wie gestern in Belgrad 202 Passagiere ausgeladen und 71 wieder eingeladen werden müssen, während dem Boarding nicht getankt werden darf und für den ganzen Wechsel nur 40 Minuten geplant werden, dann erkennt man den ganzen Wahnsinn des Systems.

Die Folge davon ist Stress, sofern man das zulässt. Ich lasse es nicht zu.

Kennen sie Pierre-Cédric Bonin und David Robert? Das sind die beiden Kopiloten des Air France Flugs 447, der im Südatlantik abgestürzt ist. Über ihnen entlädt sich ein Gewitter von Schuldzuweisungen und Vorwürfen. Die Fachwelt fragt sich, warum zwei Piloten so ungeschickt handeln konnten und in derart schockierender Art und Weise falsch reagiert haben? Vielleicht liegt die Antwort auch in der Müdigkeit. Ein absolut lesenswertes Protokoll der Vorgänge findet sich auf dieser Seite: What really happens on flight AF447.

David Robert, der erfahrenere der Beiden, kam um 2 Uhr Morgens ins Cockpit, um den Kapitän abzulösen. Vermutlich hat er davor ungefähr vier Stunden im Ruheraum verbracht, der sich eingequetscht zwischen vorderer Küche und Cockpit befindet. Der Schlaf wird gestört von den Aktivitäten in der Küche der 1. Klasse (dauert in der Regel so 2 bis 2.5 Stunden), den Turbulenzen auf dem Südatlantik (hat es immer) und dem Betätigen der Cockpittüre. Als David geweckt wurde, war er mit grösster Wahrscheinlichkeit im Tiefschlaf. Ich mag mich noch gut an diese Übergaben erinnern. Man erhebt sich wie in Trance aus dem Crewbunk, macht sich einen Kaffee und setzt sich auf den Kapitänsstuhl. Ich war eine Viertelstunde weder ansprechbar noch einsatzfähig. Diese Viertelstunde ist David nicht geblieben, da war er schon tot. Pierre-Cédric sass auf dem Kopilotensitz, den er schon ungefähr vier Stunden anwärmte. Auch an diesen Zustand kann ich mich noch gut erinnern. Die Augen werden schwerer und schwerer und man weiss, dass man dem Kollegen noch ein paar Minuten geben muss, bevor man ein kurzes Nickerchen machen kann. Es ist Morgen um zwei Uhr und es ist langweilig. Das Licht ist zu schlecht um etwas zu lesen, das Wetter zu mies um anderes zu erledigen.
Aus fachlicher Sicht dünken mich die Reaktionen und die gezeigten Schwächen der beiden Kollegen unverständlich. Doch wenn ich mich an meinen Fitnesszustand erinnere, den ich jeweils zu dieser Uhrzeit an dieser Stelle hatte (ich bin ein Tag später am Absturzort vorbeigeflogen), dann verstummt meine Kritik augenblicklich.

Liebe Leserinnen und Leser, wir Piloten müssen auch im 2012 unsere Verantwortung ernst nehmen und für unsere Arbeitsbedingungen kämpfen. Es kann und darf nicht sein, dass wir aus kommerziellem Druck oder wegen nicht funktionierenden Planungsbedingungen uns und die Passagiere in Gefahr bringen.
Ich wünsche mir ein unfallfreies 2012 und hoffe, dass Politiker, Manager und Verantwortliche endlich auf die Fachkräfte aus der Arbeits- und Schlafmedizin hören.

Neulich habe ich in Rom die Air China gesehen, die für ihren Flug nach Peking ausgecheckt hat. Zwei Copiloten und zwei Kapitäne verliessen das Hotel. Es gibt europäische Airlines, die das mit einem Kapitän und einem Copiloten fliegen…

Kommentare:

  1. Gerade gelesen als Morgenlektüre in MIA (schlaflos). Danke und e guets Neus dann...

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  2. Alles richtig. Aber wieso leben das zumindest viele Deiner Pilotenkollegen nicht?

    Aeropers vergleicht ihre Mitglieder gerne mit Führungskräften, wenn es um das Einkommen geht. Aber zu diesen Spitzenlöhnen ist selbstverständlich auch Spitzeneinsatz gefragt. Aber während eine Führungskraft häufig 300 und mehr Stunden pro Monat arbeitet (und tatsächlich viele Personen führt sowie eine lange Ausbildung hinter sich hat sowie sich in harter Konkurrenz behaupten muss), arbeitet Piloten auf der Langstrecke gerade mal ein paar Tage pro Monat und geniessen den friedlichen Status ihrer Seniorität. Ihr habt daheim und an den Destinationen reichlich freie Zeit um Euch zu erholen. Beides ist super und würde auch allen echten Führungskräften gut tun. Viele von Euch machen das aber nicht. Man hat trotz Spitzenlohn noch einen Zweitjob daheim und an den Destinationen geht die Post ab: Freundin, Shopping, Sport, Sightseeing und und und.

    Das passt irgendwie nicht zusammen.

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  3. @Daniel:
    … du scheinst falsches oder fehlerhaftes Datenmaterial zur Hand zu haben. Vieles das Du aufzählst, gehört in das Reich der Mythen. Gerne gebe ich Dir die Adressen einiger Pilotengattinnen. Die erzählen Dir dann wann, wie lange und in welchem Zustand die Herren zu Hause sind.
    An den Destinationen Halligalli? Vergiss es. Man ist froh, wenn man die eine (oder die zwei) Nächte vier oder fünf Stunden am Stück schlafen kann. Ich wünsche dir ein schönes 2012 und mehr Zeit zum recherchieren…

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  4. vollkommen richtig. wenn man aufenthalt hat, ist man froh dass man schlafen kann :-) Ich hatte letztens auch 18 stunden fdp (wohlgemerkt flieg ich nur kurz und mittelstrecke) und durfte dann noch mit dem auto allein nach hause- da hab ich auch immer angst dass ich nicht in ein sekundenschlaf verfalle wenn ich auf der autobahn bin

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  5. Nicht wenige dieser "echten" Führungskräfte arbeiten ineffizient u./o. sind gar pathologische workoholics im Sinne einer schulmedizisch-wissenschaflichen Betrachtung, die durch die extensive Mehrarbeit diverse Defizite kompensieren.

    Piloten arbeiten in einem stets enger werdenden Raster, dass okroyiert wird. Sie erleben in ihrer Arbeit wenig Planungsflexibilität - die Privilegien welche Daniel angesprochen scheinen aus den 70er Jahren.
    Ein Manager hat im Vergleich zum Piloten andere Visionen und Ziele, wechselt auch gerne mal den Job - er ist diesbezüglich proaktiv (keine Seniorität zu verlieren) - und nimmt zwischen den Jobs mitunter ein Sabbatical, wo er dann [Zynismus ON] in der Südsee im Owerwater-Bungalow einen Lenz schiebt oder - falls er ein egomanischer Kämpfertyp ist, halt beim Iron-Man auf Hawaii mitmacht oder mit dem Fahrrad über das Atlas-Gebirge radelt.

    Es gibt einen Punkt, wo Piloten einer klassischen Führungskraft gegenüber einen Vorteil haben: Sie nehmen üblicherweise die Arbeit nicht mit "nach Hause", müssen aber zweimal pro Jahr in den Simulator um zu beweisen, daß sie ihre Sache im Griff haben.

    Klassische Führungskräfte lassen sich m.E. somit schwerlich mit "Führern" von Großgerätschaften vergleichen (Luftfahrt, Nautik, etc.). Ein "Offizier" muß in letzter Konsequenz die Verantwortung übernehmen und dafür geradestehen. Viele "echten" Führungskräfte ("Papier-Officers" a la CEO, CTO, CFO,...) müssen das offensichtlichst nicht...

    Guten Rutsch ins neue Jahr - happy landings!

    Gruß aus LOWW

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  6. Nun denn. Wobei "anonym" offenbar ähnlich veraltete Vorstellungen der Privatwirtschaft hat wie seine Vorredner von der Aviatik.
    In meinen Augen entscheiden sich Lehrer für 15 Wochen Ferien und gegen viele Aufstiegsmöglichkeiten. Top Manager für ein hohes Salär und gegen viel Freizeit. Piloten für die Fliegerei und gegen regelmässiges Nachhausekommen um 18.00. Das alles ist vor der Berufswahl transparent und wir alle haben die Möglichkeit, unseren Weg zu ändern. Warum - in allen Fällen - also im Nachhinein die Rahmenbedingungen kritisieren?

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  7. Ich kenne diese Problematik. Ich war früher mal als Lokführerin unterwegs.

    Dort hatten wir auch unregelmäßige Wechselschicht und das Dilemma dass man am Neujahrsmorgen um 4 Uhr zum Dienst antreten musste. Aber auch Fahrten durch die tiefste Nacht... Alleine... Müde...

    Wir haben uns die komischsten Sachen einfallen lassen um wach zu bleiben. Mein Lieblings-"Ding" war noch eine dieser Getränke-Brausetablette in den Mund stecken und ein paar Sekunden später hat es nur so geprickelt und geschäumt und man war wieder für 15 Minuten wach...

    Jetzt klingt das alles irgendwie lustig, aber damals war es das nicht. Für mich ist das nun alles so weit weg aber wenn man es hier liest ist es schon wieder präsent...

    LG + guten Rutsch
    Julia

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  8. Wenn ich hier so die Kommentare manches Anonymen lese, schäme ich mich fast für meine Anonymität!

    Manche sollten vielleicht erstmal ihr rudimentär entwickeltes Denkzentrum in Gang setzen, bevor sie so einen haltlosen Unsinn schreiben!

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  9. Und selbst wenn alles so paradiesisch wäre (mit Betonung auf «wäre»:

    Bei Arbeitsbedingungen sollte man sich im eigenen Interesse immer nach oben und nicht nach unten orientieren. Wer die besseren Arbeitsbedingungen anderer beneidet anstatt sie als eigenes Verhandlungsargument zu nutzen, am besten in organisierter Form, darf nicht über die eigenen allenfalls weniger komfortablen Arbeitsbedingungen jammern …

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  10. @liddel

    Deine Aussage ärgert mich!

    Der Pilot hat sich für die Fliegerei entschieden und weiss mit Sicherheit vor der Berufswahl, dass er unregelmässig nach Hause kommt. Er hat sich aber nicht für den Stress / Müdigkeit und die damit verbunden Gefahren entschieden.

    Ich habe mich für den schönen Beruf der dipl. Pflegefachfrau HF (Fachrichtung gerontologische Pflege) entschieden und weiss auch, dass Schicht- und Wochenenddienst dazu gehören. Ich habe mich aber nicht für Personalmangel, Überzeiten und permanenter Stress entschieden. Ich habe mich nicht dafür entschieden, dass ich nach mehreren Nachdiensten kaum 24h Stunden Erholungszeit habe und danach wieder im Frühdienst auf der Matte stehen muss. Oft bin ich als diplomierte Fachkraft für mehrere Abteilungen zuständig, d.h. ich bin die einzige Pflegende mit einer Ausbildung. Welch eine Verantwortung! Für solche "Sparmassnahmen" habe ich mich nicht entschieden! Trotz all dieser Unstimmigkeiten ist der reine Pflegeberuf ein schöner Beruf, den ich mit Fachwissen, Freude, Empathie und Herz ausübe.

    Du schreibst:"...also im Nachhinein die Rahmenbedingungen kritisieren?" Als ich mich für meinen Beruf entschieden habe, waren die Rahmenbedingungen besser als heute. In den letzten Jahren musste immer mehr Arbeit mit weniger Personal erledigt werden. Warum mehr Arbeit? Alte Menschen treten viel später in ein Pflegeheim ein als noch vor Jahren. Das heisst aber auch, dass ihre (meist multiplen) Erkrankungen fortgeschrittener sind = erhöhter Betreuungsaufwand. Auch nahmen die administrativen Arbeiten mehr und mehr zu.

    Genau so wird es noch vielen Menschen gehen, die mit Wissen und Freude ihren Beruf ausüben. Es lohnt sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen. Dies ist auch zum Wohl der Passagiere, der Gäste, der Patienten, der Klienten usw.

    Grüsse
    Claudia

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  11. @Claudia:
    Danke für Deine klaren Worte.

    Es ist erstaunlich, wie schnell gegen eine Berufsgruppe geschossen wird, die sich gegen Widrigkeiten und mitunter gefährliche Zustände wehrt. Interessanterweise bedienen sich die Schützen genau der populistischen Munition, die Finanzoptimierer schlau und hinterlistig auf den Kommunikationskanälen gestreut haben. Der Trick dabei ist, Leute um sich zu scharen die zwar von der Materie nichts verstehen, der in Schussfeld befindlichen Gruppe aber Goodies wegnehmen wollen, die sie in Tat und Wahrheit gar nicht haben.
    Lehrer haben zuviel Ferien, Piloten liegen nur am Strand herum, Pflegepersonal trinkt den ganzen Tag Kaffee, …

    Mit Bestimmtheit wäre es aber besser, wenn man gerade bei den kritischen Punkten auf die Fachleute hören würde – und nicht auf die Finanzoptimierer, die – das ganz nebenbei – für das ganze Schlamassel verantwortlich sind, das und im 2012 noch ziemlich weh tun dürfte.

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  12. Hallo Zusammen,

    auch, wenn ich hier jetzt erst einmal "Anonym" rüber komme möchte ich mich zum Jahresende einmal bei "nff" für seinen tollen Blog bedanken.
    Dein Blog bietet mir persönlich einen wirklich interessanten Einblick in den Beruf eines Piloten,wobei Gott sei Dank auch die kritischen Töne zu lesen sind.
    Ich freue mich auf Deine weiteren Einträge und wünsche Dir ( wie auch allen anderen ) ein unfallfreies 2012, viel Spaß im Job und wenig Frust und Überlastung...

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  13. @Claudia: danke für Dein offenes Feedback
    @nff: Deine Einschätzung ist schon arg undifferenziert und enttäuscht mich.

    Ich bin weder der Ansicht, dass Lehrer zu viele Ferien haben, noch dass Piloten am Strand rumliegen. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass sich jeder von uns für ein Paket entscheidet, in dem es Dinge hat, für die wir arbeiten und andere, aufgrund deren wir trotzdem arbeiten. Das gilt für Piloten, Lehrer, Bankangestellt und Pflegepersonal gleichermassen. Wenn einer der Ansicht ist, dass Lehrer „nur Ferien“ haben: sei konsequent und werde Lehrer, nimm das ganze Paket in Kauf.

    Claudia’s Einschätzung bringt es auf den Punkt: „Trotz all dieser Unstimmigkeiten ist der reine Pflegeberuf ein schöner Beruf,…“. Die positiven Faktoren überwiegen. Sollte sich das ändern, ist es Zeit, seinen Paket-Entscheid zu überdenken.

    Das man auf allen Stufen auf Fachleute hören sollte, steht ausser Frage. Trotzdem sollte man darüber nicht vergessen, dass Fachleute genau wie auch „Finanzoptimierer“ nicht immer das ganze / vollständige Bild für sich gepachtet haben.

    nff, wäre Deine Argumente „gegen eine Berufsgruppe schiessen“, „populistische Munition“ und „auf Fachleute“ hören nicht genauso auf Deine Einschätzung zur Finanzdienstleistungsindustrie anwendbar?

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  14. Erstmal Danke an den Schreiberling für diese, menschliche, kritische Darstellung.

    Ich kann es mehr als verstehen um was es hier geht, ich gehe mal auf die "menschliche Ebene". Ich selbst bin Kameramann. Die Arbeitsbedingungen sind oft nicht gut. Es gibt viele Drehs wo die 16-17 Stunden Marke geknackt wird und man unkonzentriert und müde wird. Weiß Gott kein Vergleich zu einem Piloten - von meiner Müdigkeit hängen nur einige Euros (wenn die Produktion eben nix wird... was aber auch noch nich so vorkam... denn "irgendwie gehts ja immer") und nicht Menschenleben ab.

    Liebe Leute die hier gegen die Piloten schießen, es handelt sich ebenso um Menschen die dort vorne sitzen!

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  15. Was einige hier nicht verstehen wollen:

    Es geht um sich immer weiter verschlechternde Rahmenbedingungen, und nicht um Jammern über eine früher in anderem Umfeld getroffene Berufentscheidung.

    Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr kaputt gespart wird und in der erst etwas Großes schief gehen muss, bis hier ein erneuter Kurswechsel statt findet.

    Piloten, Fluglotsen, Krankenpflege, Lokführer, ...

    Die Liste kann man bald beliebig verlängern.

    Wenn ich den von nff geposteten Link zum Air France-Unglück und dem Pilotenverhalten lese, dann überlege ich mir bald überhaupt noch in einen Flieger zu steigen.

    Mangelnde Ausbildung, mangelnde Erfahrung, mangelnde Zusammenarbeit, fehlendes Grundsatzwissen, technische Unzulänglichkeiten des Fluggeräts...

    Und das garantiert nicht aus "Faulheit" des fliegenden Personals sowie der Konstrukteure, sondern als verordnete, oder zumindest angestrebte Kostenoptimierung.


    Grüße
    Stefan

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  16. wirklich interessante Gedanken, die man als Passagier ja nicht so unbedingt mitkriegt ... ich habe nun nochmehr grössten Respekt vor diesem Beruf (im allg. vor fliegendem Personal) und wünsche Dir und allen anderen ein friedliches aber v.a. auch sicheres neues Jahr ... viele Grüße, J.

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  17. spannender Anstoss: In 5 Jahren werden in der Schweiz 50% der Hausärzte in Pension gehen. In 10 Jahren sind es derer 70% (Zahlen aus der Medizinvorlesung). Bereits heute sind Ärzte sauer (http://www.wir-sind-sauer.ch/) über die untragbaren Arbeitszeiten, den Personalmangel etc. Nicht auszumalen was in 5-10 Jahren auf uns zukommt. Was macht die Schweiz? Numerus Klausus, sich über die vielen deutschen Ärzte und Pfleger beklagen und Bildungsgelder streichen. Bereits heute arbeiten die Assistenzärzte in 70h Wochen, sollten nebenbei noch eine Familie aufziehen und ein Privatleben pflegen. Aber irgendwo sind die Ressourcen fertig.

    Leider ist dieser Trend ebenso in der Fliegerei als auch in anderen Sektoren zu beobachten. Bleibt uns einzig zu hoffen, dass engagierte Menschen davor nicht die Augen verschliessen und für faire Arbeitsbedingen kämpfen. Schlussendlich kommen diese Allen zugute!

    Gruess, Severin

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  18. Hallo nff, ein sehr schöner und guter Blog von dir.Ein sehr interessanter Beitrag, da ich leider nur ein kleiner ppla pilot am Himmel bin, kann ich nichts sinnvolles zum Thema beitragen,aber ich habe eventuell eine kleine Anregung für dich, was auch hier indirekt zum Thema passt, einen Beitrag über den Jetlag zu verfassen(wenn zeit und lust da ist). Auf Kurzstrecke fliegt man nicht durch viele Zeitzonen,aber vielleicht hat man von Tricks gehört, wie man den Jetlag sinnvoll bekämpft, die ein Laie nicht kennt. Im diese Sinne auf schönes Jahr 2012

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  19. Lieber nff
    Vielen Dank für Deine, meistens amüsanten, Berichte, Ein- und Ansichten. Aber HERZLICHEN DANK ! für diesen Bericht. Ich bin eine von den Piloten-Frauen . . . Neben dem das man auch noch die ganze Firma (inkl. Nebenbetriebe) und die kompl. Flugwelt ALLEN Kollegen, Bekannten, Nachbarn, den Freunden der Nachbarn, Handwerkern, Garagisten, den anderen Kunden in der Garage, Versicherungsexperten, den Damen der Chemisch-Reinigungs-Firma und dem Pöstler (Postboten) erklären "darf", sollte man(n)/frau es schaffen ein "perfektes" 0815 Leben zu leben. Wir kennen Arzt, Krankenschwester, Pflegende in anderen Berufsgebieten, Polizisten,
    Anwälte, Unternehmer, Politiker, Sozialarbeiter, Lehrer, Pfarrer, Metzger ;-)) usw. und wissen sehr genau wie es anderswo läuft: das "Tempo" stimmt nicht mehr - alles ist zu schnell ! Ich danke Dir nff nochmals, das Du den "Wahnsinn" dieser (Arbeits-)Welt in den vielen vergangenen und zukünftigen Worten festhältst. Ich wünsche Dir ein gutes 2012 !!! Uschi Suter

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  20. Guten Morgen,

    ich habe lange überlegt, ob ich meinen Senf dazugeben soll oder nicht. Ich versuche es einmal.

    Zu allererst: jeder kann in Europa das werden, was er will. Jeder wird nach ein paar Jahren feststellen, dass sich die Bedingungen, die einen genau diesen Beruf ausüben lassen verschlechtern oder grundsätzlich verändern. Dann sollte man einmal über den Tellerrand sehen ob es etwas anderes gibt. Keiner wird gezwungen genau diesen Job zu machen.
    Ein Beispiel:
    ein LKW Fahrer. Der Mann / die Frau hat auch Verantwortung. Für das Leben der anderen Verkehrsteilnehmer, für das eigene Leben und für das der Ladung. Sonntagabend 21 Uhr. Ankunft in der Spedition, in einer Stunde geht es auf die Straße. Regen, Wind, kalt. Fahrzeugkontrolle, Ladungskontrolle, evtl. Nachsichern weil der Kollege nachlässig war. Klatschnass ins Führerhaus Nachtrag auf der Fahrerkarte machen. In die Dispo den Tourenplan holen. Man weiß ja, dass man vor Freitagabend nicht nach Hause kommt. Aber trotzdem, müssen diese engen Zeitpläne sein. Auf geht’s 4,5 Stunden fahren, wie alle anderen Trucker auch. Nach diesen Stunden 45 Minuten Pause, dann wieder 4,5 Stunden fahren. Die Sonne steht am Himmel, es wird warm. Nun muss unser Trucker 11 Stunden Pause machen. In der Kabine bei 45 Grad in der Hütte soll er schlafen. Links neben ihm ein Kühl LKW dessen Aggregat ständig lärmt und rechts neben ihm ein Viehtransporter, dessen Ladung sich lautstark beschwert und die Pneumatik der Lebewesen ihr übriges zum Geruch beiträgt.
    Kaum geschlafen mehr geruht, geht es wieder an die Arbeit. Stau, Stillstand, die Zeit läuft. Das Telefon klingelt. Die Dispo. „Warum stehst Du? Ich sehe das auf der Telematik“. Chef, Stau. Gib Gas, der Termin muss gehalten werden. Also Gas…..Termin geschafft, verschwitzt und müde beim Kunden. Der Rampagent des Zentrallager begrüßt einen schlecht gelaunt. Heute ist selber abladen angesagt, mit defektem Hubwagen geht das Schwitzen weiter. Eigentlich wäre das jetzt Arbeitszeit, aber egal der Chef meint, damit sparen wir uns Zeit. Also die die Maschine auf Pause. Auf zum nächsten Kunden. Das Navi, das speziell für LKW gebaut wurde, zeigt den Weg. Ein Brücke wurde gestern auf 3,80 Meter beschränkt. Der Zug hat allerdings 4 Meter. Was jetzt? Der Schlange der Autofahrer hinter sich klarmachen, dass er 200 Meter rückwärtsfahren muss. Mit 18,75 Meter Länge ist das kein Kinderspiel. Was war das ?!? Ein Schatten hinter dem Fahrzeug. Da kommt der Kinderwagen im Linken Spiegel zum Vorschein. Sicherungsposten war keiner da. Ging nochmal gut. Unser Fahrer hat keine Familie ausgelöscht.
    Unser Fahrer hat hier Gesetze gebrochen und sich Strafen im Hohen 4-stelligen Bereich eingehandelt. Es darf und muss 56 Stunden pro Woche hinter dem Steuer sitzen (max. 90 Stunden in einer Doppelwoche) und verdient dabei: 1500€ Brutto. Seine Ausbildung hat ihn 18000€ gekostet und er muss alle 5 Jahre nochmal 3000€ für die gesetzlichen Weiterbildungen berappen. Auf der A3 am Frankfurter Flughafen schaut er sehnsüchtig den Flugzeugen nach und wünscht sich er wäre Pilot. Die müssen ihre Arbeitsgeräte nicht selber waschen, putzen, beladen, entladen und reparieren. Und finanziell stehen die auch besser da.
    Werde Manager in der Airline. Begib Dich zwischen Shareholder und Stakeholder und Du wünschst Dich wieder ins Cokpit.
    Mir ist 1! Müder Pilot im Zweimanncockpit lieber als 1 LKW/Busfahrer mit Sekundenschlaf auf der Autobahn oder eine Krankenschwester die übermüdet ist und die falschen Medikamente verabreicht.
    Hört bitte das Jammern auf.

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  21. @matzeBT:
    Einen guten Morgen zurück. Besten Dank für Deinen Kommentar. Deine Schilderung über die die Bedingungen im Transportwesen auf der Strasse machen mich betroffen und ich verstehe Dein Unverständnis, wenn Piloten, die aus Deiner Sicht paradiesische Arbeitsbedingungen haben, sich für bessere einsetzen.

    Doch bitte vergesse nicht, dies ist MEIN kritischer Jahresrückblick und ich schreibe über MEINEN Beruf und MEINE Sorgen. Da kenne ich mich aus, hier habe ich als Redaktor der Gewerkschaftszeitschrift recherchiert und mich intensiv mit dem Thema befasst und hier kann ich als Betroffener (15 Jahre Langstrecke) ziemlich kompetent mitdiskutieren.

    Unsere Körper sind nicht gemacht für diesen schnellen Rhythmus kombiniert mit dieser Zeitverschiebung. Elf Stunden durcharbeiten ohne Mittagspause ist, egal in welchem Beruf, Irrsinn und gehört bekämpft. Systematischer Schlafentzug durch Einsätze, die von Medizinern (auch im eigenen Haus) bekämpft werden, müssen korrigiert werden.

    Für das kämpfen wir und für nichts anderes. Es geht NICHT um den finanziellen Teil der Arbeitsbedingungen, es geht um den medizinischen. Menschen, egal in welchem Beruf und mit welcher Verantwortung, müssen sich wehren, wenn unnötiges Risiko eingegangen wird. Nicht immer können wir das, nicht immer haben wir die Fähigkeiten, diese Risiken zu erkennen.

    Für einmal – oh Wunder – unterstützen uns Piloten ein Heer von Fachleuten. Dies gilt es auszunutzen, dies gilt es einzusetzen.
    Es darf nicht sein, dass wir wissentlich Risiken eingehen, die mit wenig Aufwand umflogen werden könnten.

    Das gilt für LKW Fahrer, als auch für Piloten und alle anderen Berufsgruppen.
    Du hast Recht, dass einem in Europa viele Berufe offen stehen und ein Wechsel ohne grosse Umstände vollzogen werden kann. Ich habe weiss Gott noch andere Interessen als die Aviatik. Kapitän bin ich nur geworden, weil ein paar Köpfe in unserer Firma (auch Manager) das Gefühl hatten, dass der Herr NFF Verantwortung übernehmen kann.
    Verantwortung übernehmen heisst explizit auch, dass ich auf Gefahren reagiere, mich gegen Risiken auflehne und mich unaufhörlich dafür einsetze, dass diese aus der Welt geschafft werden.

    Ich kann Euch LKW Fahrer nur bedingt helfen, unterstütze Euch aber mit all meinen Kräften. Haltet zusammen, wehrt Euch gegen die Widrigkeiten.

    Falls Du gegen Windmühlen kämpfst und auf verlorenem Posten stehst, komm zu uns. Wir brauchen dringend Piloten, die uns entlasten, die uns unterstützen. Wie hast Du gesagt: "jeder kann in Europa das werden, was er will."

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  22. Guten Morgen nff,

    Danke für Deine Antwort. Ich bin kein LKW Fahrer. Ich mache "nur" die Ausbildung, da ich der Meinung bin, dass es mir hilft mich in Mitarbeiter hinein zu denken. Es ist egal welchen Beruf mach macht, egal ob Kindheitstraum oder spätere Erkenntnis, jeder Beruf hat seine Schattenseiten. Und jeder weiss das. Oder nicht? Gewerkschaften, Schlafentzug und alle anderen Rahmenbedingungen kann man nicht ändern. AUSSER: es passiert etwas. Ich denke seit dem AF Unfall wird auch dieser "Fehler" in die Ausbildung mit übernommen. Genau so wird es auch laufen, wenn nachvollzogen werden kann, dass alle Mann/Frau im Cockpit eingeschlafen sind und deshalb 300 Menschen ums Leben gekommen sind. Das ist und bleibt unsere Gesellschaft. Du kämpfst gegen Windmühlen. Der CEO wird einen Teufel tun und mehr Geld ausgeben. Die Shareholder wollen den Profit sehen. Basta. Die Stakeholder dagegen wollen bessere Arbeitsbedingungen. Was soll er denn machen? Ich kann es Dir sagen: die ganze Führungsmannschaft sollte ebenso auf Strecke gehen wie die "normalen" Piloten. Dann hat man eine ganz neue Perspektive. Man könnte dies sogar in die Werbung mit einbauen "Unsere Truppe weiss wovon sie spricht" :-)
    Dass dies nie geschehen wird ist klar oder? Es gibt Unternehmen die haben das begriffen und es gibt die uninteressierten. Über kurz oder lang wird sich die Situation noch verschärfen. In 5 Jahren wird man sich überlegen noch Langstrecke zu fliegen (als Pax) die Preise werden steigen und es wird mehr Piloten auf dem Arbeitsmarkt geben. Dann gilt nur eine Regel: gib mir einen Job, ich mache was du willst. Diese Situation wird sich nie entschärfen.
    Aber: sag niemals nie......good luck......

    Achso: auch im LKW gibt es diese Zeiten. Wenn du Zeit hast rechne mal nach: Sonntag 22 Uhr los und dann folgenden Rhytmus: 4,5 Stunden fahren-45 min Pause- 4,5 Stunden fahre, 11 Stunden Pause. Schau dir mal die Uhrzeiten an in denen du wach sein musst. Auch diese Zeiten gehen gegen jeden Biorhytmus:-)

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  23. Nachmal ich :-)

    diesen Satz hatte ich irgenwie nicht richtig gelesen.
    >>Wie hast Du gesagt: "jeder kann in Europa das werden, was er will.<< Das stimmt schon, dieser Meinung bin ich 100%ig. Mit 45 Jahren sollte man ihn abschwächen. Ich könnte aufgrund meiner Ausbildung evtl. im Verkauf beginnen. Danke für das Angebot :-)

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