Freitag, Dezember 30, 2011

Der längste Skilift der Welt

Ich habe schlecht geschlafen. Das Zimmer war überheizt, dafür ruhig, sauber und luxuriös. Wider erwarten erwache ich 30 Minuten vor dem "Crew-Call". Was eigentlich nicht erwähnenswert wäre, wäre der Weckruf nicht um viertel vor vier (vvv) in der Früh.
Die Dusche war schnell erledigt. In der Zwischenzeit lud ich vom Swiss-Server die vollständigen Planungsunterlagen herunter, damit ich mir nach der Pflege meines Körpers ein Bild des Arbeitstages machen konnte.

Schneeregen in Zürich, dito in Moskau. Das heisst enteisen, das heisst Delay. Früher als geplant verlasse ich meine Bleibe mit der Nummer 1622 und besteige den Lift. Dieser hält nicht im Erdgeschoss, sondern bereits im 11. Stockwerk. Mit grossen Augen schaut mich eine Kollegin an, als wäre ich Blocher persönlich. Sie gehört nicht in meine Besatzung, Verzeihung – ich gehöre nicht in ihre Besatzung.
Die junge Dame nimmt Abstand und behandelt mich wie ein Hustender während der SARS-Zeit in Hongkong.

Ich breche das Eis:
"Und, wohin geht es?"
"Nach Genf", die kurze Antwort ihrerseits.
"Ich auch!", meine Antwort, obwohl ich wusste, wie sehr ich sie damit zu dieser Uhrzeit verwirrte.
"Ist MEIN Kapitän krank?"
"Nein, ich fliege ein halbe Stunde nach Dir ab…"
Ihre Welt war wieder in Ordnung!

Man begrüsste den Morgen mit dünnem Kaffee und trockenem Gebäck. Zwei übervolle Flugzeuge innerhalb so kurzer Zeit ans gleiche Ort hat man sonst nur beim Ausflug von Flüchtlingen aus Krisengebieten. Ich unterhalte mich mit dem Kollegen Kapitän und fachsimple (Auto, Frauen, Apple,...) ein wenig. Man sieht sich!

Schon auf dem Weg zum Flughafen zeigt sich, wie gross Moskau ist und wie viele Moskauer in die Ferien wollen. Stau und zwar so, wie es nur in Russland stauen kann. Wer ein geländegängiges Fahrzeug sein Eigen nennt, weicht auf die Wiese aus, wer keines hat, zwängt sich in eine der fünf Kolonnen der dreispurigen Strasse.

Moskau erwacht. Wer kann bleibt in den Federn.

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit. Wir werden am Bus abgeholt. Elegant führt uns eine lokale Angestellte durch ein Gewirr von Gängen, Türen und Sicherheitsposten an dem Chaos vorbei. In der Halle ist es schwarz-braun. Schwarz voller Leute und braun voller Kartonschachteln. Ganze 20 Minuten vor dem geplanten Abflug sind wir am Flugzeug. Der andere "Genfer" ist auch noch da, sucht noch nach Fracht und Passagieren.

einmal Menü 1 mit Suppe…

Es geht zügig, die Russen können und wollen heute Morgen. Pushback und de-icing, Ansagen und Rollen. Der Copi fliegt und er fliegt schnell. Er kämpft sich durch den Schneesturm und den Gegenwind, umschifft Turbulenzzonen elegant und reinigt sein Schuhwerk vom Kaugummi, den er sich auf russischem Gebiet aufgelesen hat. Es schüttelt im Anflug, der Wind kommt aus 334° mit 165 Knoten auf 28000 Fuss.
Mit 220 Sachen im 9 Meilen Final. Der Alte links staunt, der Junge rechts rudert. Flaps, Gear, Speedbrakes – alles wird dem Wind entgegengestemmt. Wir sind auf 1200 ft über Grund stabilisiert. Eine feine Landung, leichter Reverse, beim "D" raus.
Um 1039 Uhr werden die Motoren abgestellt. Die 56 Business (!) und 1xx Economy entsteigen dem A321 Richtung Verbier, Zermatt oder Crans.
"Etoiles cinq!" (Stärneföifi) – das könnte noch reichen. Der Crewbus steht bereit, die Passagiere sind draussen, wir fertig. Um 1058 Uhr besteigen wir den A320 nach Zürich. Geschafft, Feierabend!

"Unser" A321 startet wenige Minuten später wieder mit Destination und Spezialflugnummer nach Moskau. So geht es jetzt ein paar Tage weiter. Was ein Schweizer Kreuz am Heck hat und verfügbar ist, wird nach UUDD geschickt. Ich wieder am 1.1.12 um 0700 Uhr. Es hätte noch Plätze frei :-)

Doch Morgen will ich zuerst Oslo sehen. Vermutlich sind die ersten Gipsbeine an Bord… 

Kommentare:

  1. Da musste die Kabinenbesatzung aber richtig bluten! Guter Text, liest sich atemberaubend schnell! Ebenso guten Rutsch wünsch ich,

    Severin

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  2. Aviatik-Interessierter30 Dezember, 2011 18:59

    Zuerst einmal danke für die interessante Lektüre! Ich schaue gerne immer wieder auf deinem Blog vorbei, sei um zu schmunzeln, oder um aviatische Einblicke aus vordester Front zu erhalten. Ich sauge dieses Wissen gierig auf, denn wie so viele wurde ich unheilbar mit dem Bazillus Aviaticus infiziert. Meine Frage, die eher völkerkundlich orientiert ist: Wissen sich die Russen zu benehmen? Oft hört man das Gegenteil. Den Japanern werden sie wohl nicht das Wasser reichen können in Sachen Benehmen und Sauberkeit...

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  3. Ich erlaube mir meinen Senf dazuzugeben: Meine Erfahrungen aus der Kabine zeigten mir: 98% der Russen sind nett, leider müssen sie aber für die restlichen 2% dies nicht fertig bringen herhalten. Vorurteile gegenüber den Russen sind meiner Ansicht nach also nicht gerechtfertigt!

    Und gegenüber den Japanern erscheinen sogar wir Schweizer in äusserst fahlem Licht. Boarding in Zürich mit vorwiegend Schweizern: 30min. Boarding in Zürich mit vorwiegend Japanern: 15 min.

    Gruess, Severin (ehemals FA)

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  4. Russen sind wie ich: manchmal etwas melancholisch, nett, anständig, großzügig und der Sünde nicht abgeneigt. Dies Erfahrungen aus 20 Jahre Fliegerei und 45 Jahren Engadin.

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  5. meine erfahrungen aus der kabine: Alle sehr nett aber doppelt anstrengend und extrem überheblich :-)

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  6. @MädchenKram:
    meinst Du die Herren Kapitäne :-)?

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