Samstag, November 26, 2011

voll im Trend


Ich kam gestern im Fernsehen. Wie ich der Programmzeitschrift entnahm, redeten sich im staatlichen Farbfernsehen prominente Menschen und wichtige Fachleute die Köpfe heiss.
Es ging diesmal nicht um Banken, nicht um Politiker, nicht um Bundesrätinnen, nicht um Staus am Gotthard, nicht um Wassermangel, nicht um Probleme der Tourismusregionen, ja nicht einmal um den Fluglärm, sondern um meinen Bauch.

Mann und Frau stritten über Dicke.

Tja, was soll ich sagen? Mich hat es nicht interessiert, ich las zu dieser späten Abendzeit in meinem Buch und verdaute das leckere Abendmahl.

Gut mal ehrlich. Ich bin in einem Alterssegment, wo die Gewichtskontrolle nicht mehr so einfach ist. Spitze ich in der Gesellschaft meine Ohren und lausche links und rechts bei Kollegen, drehen sich die Gespräche oft um das gleiche Thema: Hilfe, ich nehme zu!

Eine schlechte Geschichte zur Weihnachtszeit, ich weiss, aber mal ehrlich, was spricht eigentlich dagegen, dass man nicht einmal Pause von der Dauerhungerkur macht? Der Spätherbst ist die Zeit, wo die Amerikaner die Truthähne schlachten, die Schweizer das Weissbrot im heissen Käse baden, die Berner Platten voller Schlachtprodukte verdrücken, Italiener Zucker in Zentnersäcken nach Hause schleppen und Skandinavier Weihnachtsbier trinken, das mehr als nur homöopathische Dosen von Alkohol enthält. Kilokalorien, ungesättigte Fettsäuren, Cholesterin, Zucker, Kohlenhydrate und zu allem Elend auch noch Eiweisse! Warum bloss redet niemand vom Spass des Essens? Warum streicht niemand den gesellschaftlichen Wert eines Fondue-Abends hervor? Warum soll ein fröhlich angefressenes Kilo Übergewicht schlimmer sein als ein unter Qualen weggehungertes Kilo Körperfett?

Ich weiss es nicht, ich bin ja kein Arzt.

Als Mensch mache ich mir natürlich meine Gedanken. Es ist ja nicht so, dass ich entspannt auf die vielen und immer grösser werdenden Zahlenreihe auf meiner Waage schaue. Es ist ja nicht so, dass ich nicht wüsste, dass etwas weniger von allem vermutlich besser wäre. Es ist auch nicht so, dass ich mich nicht gerne mehr bewegen würde.

Doch noch bevor ich in eine tiefe Depression falle freue ich mich an der Tatsache, dass auch ich für einmal voll im Trend liege. Die westliche Welt wird dicker, ich in dieser Jahreszeit auch. Dass die Dünnen und Hungrigen selten glücklich aussehen und oft etwas frustriert wirken könnte damit zusammenhängen, dass sie trotz Dauerdiät es nicht geschafft haben, bei eben diesem Trend mitzuschwingen.

Lesern, die sich um meine Gesundheit sorgen kann ich beruhigen. Ich lasse mich nicht gehen, ich handle wie ein professioneller Pilot und werde immer eine Ausweichmöglichkeit bereit halten. In Zürich gibt es laut Branchenbuch fünf Kliniken, die Körperfett absaugen. Übrigens befinden sich in der unmittelbaren Umgebung der Institute erstaunlich viele hoch dotierte Gaststätten. Zufall oder nicht? Vielleicht sollte das Schweizer Farbfernsehen eine Diskussionssendung darüber machen.

En Guete mitenand!


Kommentare:

  1. Im Herbst, wenn meine offizielle Sport-Saison endet und bis Anfang Mai nur mehr Spazieren- oder Gassigehen angesagt ist, gestatte ich mir, in der dunklen Jahreszeit 2 bis max. 3 Kilo zuzunehmen.
    Im Sommer muss dieses Zusatzgewicht natürlich wieder weg - wenn nicht, gibt es im kommenden Winter keinen Freß-Bonus mehr. Was soll ich sagen - es funzt (noch).

    Aber bald bin ich vierzig, und angeblich soll das dann nicht mehr so leicht hinhauen - mit der easypeasy-Sommerschmelze. Dann hilft nur mehr ein Tropenurlaub mit Dünpfiff - dergleichen war bislang immer für 5 Kilo oder mehr gut :o)

    Stellt sich zuletzt die Frage, ob man Winterdepressiv sein soll, weil man Diät hält, oder Ganzjahresdepressiv, weil man einen Ranzen kultiviert...

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  2. Ich lese schon seit Jahren deinen Blog, jedoch habe ich noch nie etwas darüber erfahren, wie man als Pilot ohne Stuwelfrisur nach dem "Schlaf" in der Crew Bunk in das fliegende Büro hineintreten kann.
    Gibt es da einen Trick, den ihr benutzt?

    Greets from Down Under!

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  3. …eine Stunde Kopfhörer tragen hat noch jede Frisur in Form gebracht!

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  4. So lange es sich dabei nicht um haarsträubende Musik handelt...

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