Freitag, November 11, 2011

Nebelspalter


Die Ungewissheit ist es, die uns reizt. Ein Nebel macht die Dinge wunderschön.


Ich bin ein seltsamer Kauz, ich mag den Nebel. Wenn die grauen Fetzen in den Bäumen hangen und die Landschaft in einen geheimnisvollen Schleier hüllen, dann ziehe ich den Reissverschluss der Jacke hoch und hänge meinen Gedanken nach. Wie ich doch die armen Seelen im Engadin und über 1000 Meter ü. Meer bedauere, die nie Nebel zu Gesicht bekommen. Wenn die wüssten, was sie verpassen.

In der Fliegerei kann der Nebel unangenehm sein. Das beginnt beim Suchen der richtigen Abzweigung am Boden und endet mit dem Erspähen der Pistenlampen im Anflug. Sechs Tage war ich jetzt in der Früh unterwegs und habe den Nebel an verschiedenen Orten persönlich kennengelernt.

Der Zürcher Nebel ist ein angenehmer Zeitgenosse. Er ist fast jeden Morgen auf den Beinen, stört den Flugbetrieb jedoch kaum. Der Flughafen hat gelernt mit ihm zu leben, hat ihn technisch ausgetrickst und erträgt ihn wie einen alten Freund, der am Abend nicht gehen will. 

Anders der Stockholmer Nebel. Zwar sind die technischen Systeme auf diesem Flughafen ähnlich gut wie in Zürich, doch der Nebel verhält sich dort wie ein Zürcher Hooligan mit einer Pyrostange. Er weiss nicht, wann genug ist, er hat wenig Anstand.

Ein ganz übler Kerl wohnt in Pristina. Diese Nebelschwaden passen so gar nicht zu den netten Passagieren aus dieser Gegend. Er verbrüdert sich mit einem Industrieschlot und scheint dicker und dichter als alles, was ich schon gesehen habe. Die Sichtweiten fallen regelmässig auf Werte von unter 100 Metern, was bei einer Minimalsicht von 350 Metern zwangsläufig zu Verspätungen führt. Ist die Situation von vornherein klar, wartet die Crew im Starbucks am Flughafen. Haben sich die Meteorologen in der Vorsage geirrt, wartet man im Holding über dem Flughafen und lässt in der Sekunde einen halben Liter Kerosin durch beide Triebwerk laufen. 

Der gemeinste alle Nebelbrüder treibt sein Unwesen über Skopje. Er kann mit wenig Aufwand viel Schaden anrichten. Da das Präzisionslandesystem im Moment ausser Betrieb ist, braucht er wenig boshafte Energie, um den Flugbetrieb lahmzulegen. Eine Wolkenuntergrenze von 1320 Fuss und fünf Kilometer Sicht sind das Minimum, um einen Anflug durchzuführen. Wenn um 6 Uhr am Morgen eine Vorhersage von sechs und mehr Kilometern Sicht gemeldet wird und dann beim ersten publizierten Wetter gerade 400 Meter herrschen, ist das schon ziemlich hinterhältig. Nach den ersten 50 Minuten im Holding auf 30000 Fuss meldete der Tower eine Sichtweite von genau fünf Kilometern, was uns berechtigte, den Anflug zu beginnen. Nicht dass ich dem Tower die fünf Kilometer nicht glaubte, aber diese wurden definitiv nicht dort gemessen, wo sie hätten sein sollen. Ein Durchstart und weitere 35 Minuten Wartezeit später, klarte das Wetter auf und die Räder berührten den Boden.

Auch Oslo hat Nebel und das durfte ich in diesen Tagen gleich zwei Mal erfahren. Fällt zusätzlich das Radarsystem aus und wird dadurch die Kapazität heruntergefahren, sind Verspätungen programmiert. Ganz und gar nicht zur Freude der Passagiere, die in Zürich auf unsere Langstreckenflüge umstiegen, landeten wir jeweils mit 30 Minuten Verspätung auf der Piste 14 in Kloten. Dass Dank der ausgezeichneten Arbeit der Bodencrew die meisten Gäste ihre Weiterflüge in die weite Welt dennoch antreten konnten zeigt, warum ZRH bei den Passagieren als Umsteigeflughafen so beliebt ist.

Last but not least Manchester. Zwei Pisten, viele Rollwege um diese zu verlassen, aber leider läuft der ganze Betrieb dort auf kleinem Feuer. Eine Startbahn ist zu und nur der letzte Rollweg ist verfügbar, um die verbleibende Landebahn zu verlassen. Eine Garantie für Verspätungen! Schade, denn die Leidtragenden sind einmal mehr unsere Fluggäste und die Bodencrew am Boden. Wieder müssen sie auf die Anschlussmaschinen hetzen, wieder nehmen die Kollegen der grossen Pötte kleine Verspätungen in Kauf, damit die Passagiere das Reiseziel auch erreichen.

Zürich ist und bleibt ein Flughafen, der exzellent funktioniert und eine Dienstleistung erbringt, die dem Namen alle Ehre macht. Die Kollegen der Flugverkehrsleitstelle helfen wo es nur geht und die Bodencrew nimmt Schweiss in Kauf, damit die verkauften Tickets auch das erfüllen, was sie versprechen. Hoffentlich sind die Voraussetzungen auch nach dem 27. November noch die gleichen. Wenn viele Zürcher Leser dieser Zeilen an die Urnen gehen und ein doppeltes NEIN einlegen, wird das auch in Zukunft so bleiben.

Zum Schluss bleibt noch die Frage, was ein Nebelspalter wie ich nach sechs anstrengenden Tagen so macht? Ganz einfach, er sehnt sich nach einem gemütlichen Abend im Kreise von Freunden, womöglich mit heissem Käse, der über noch heissere Kartoffeln fliesst. 
Die Gäste waren das pure Gegenteil des Nebels in Zürich, sie verzogen sich leider viel zu früh…

Kommentare:

  1. …Nebel mag wohl niemand kommentieren :-)

    AntwortenLöschen
  2. Nebel mag ich persönlich am Meisten nach einem Langstreckenflug mit Morgenankunft, wenn ich dann völlig ungehemmt zu Hause unter das kuschelige Duvet gleiten kann und nicht das Gefühl habe, den halben Tag zu verpassen.

    Thank you, morning fog!

    M

    AntwortenLöschen
  3. Wunderschön kann er sein, der Nebel. Solange er nicht unseren Blick aufs Wesentliche trübt!

    AntwortenLöschen
  4. Hat auch schon einer mal gesagt:

    Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

    Antoine de Saint-Exupery

    AntwortenLöschen
  5. Nebel bedeutet hierzulande fast immer Herbst oder Frühjahr. Die Zeit wo Morgens Nebelschwaden die Landschaft verwunschen und geheimnisvoll aussehen lässt, es schon klirrend kalt ist und man Mittags bei blendendem Sonnenschein draussen im Café das Berliner Straßenleben geniesst ist einfach meine Jahreszeit.

    Oder auch fliegerisch, wenn man morgens zurück nach Hause fliegt, im Flug langsam die Sonne aufgeht und man bis kurz vor Anflug nicht weiss wer die Landung macht um dann doch in 10km Entfernung schon den "running rabbit" durch den Dunst rennen zu sehen während ich nebenan durchs Fenster des Kollegen die Kugel des Alex mit seiner Spitze auf einer Dunst-See über der fast unsichtbaren Stadt schwimmen sehe.

    Tja, trotz aller aviatischen Probleme mag ich Nebel und Herbst :)

    AntwortenLöschen