Montag, November 28, 2011

Besuch aus Übersee


Zwei Wochen sass ich nun in einem Kurs und genoss das Leben eines Arbeitnehmer mit normalen Arbeitszeiten. Man geht bei Dunkelheit aus dem Haus, steht am Gubrist in der Schlange, sucht zusammen mit anderen einen Parkplatz, wartet mit Hungrigen in der Kantine auf das aufgewärmte Essen und kommt zur Erkenntnis, dass am Abend, wenn die Sonne längstens untergegangen ist, der Stau am Gubrist auch in südlicher Richtung mühsam ist.

Doch es hat auch viel Gutes. Jeden Abend zu Hause, ein Hund der sich unendlich freut, Frau Gemahlin, die leckeres brutzelt und der Weinkeller, der endlich die verdiente Zuwendung bekommt. Fazit nach zwei Wochen: Es macht Spass!

Morgen stehe ich das letzte Mal am Gubrist im Stau und schaue der Morgenwelle zu. Am Tag darauf mache ich dann wieder das, wofür ich auch bezahlt werde: fliegen.

Vorbei die Regelmässigkeit, vorbei mit Freundschaften schliessen vor dem Tunnel am Gubrist und vorbei mit freien Wochenenden. Gerade von Letzterem profitierte ich gewaltig. Endlich konnten Freunde eingeladen werden und endlich durfte auch ich die Sonntagszeitung am Tisch statt im Cockpit lesen. 

Einer dieser Besuche nahm einen weiten Weg in Kauf. Mein Schwager und seine Frau flogen von New York mit United (…) über den Teich und besuchten in ihrer einzigen Ferienwoche des Jahres (!) die Verwanden in der Schweiz. Beide wohnen in Manhattan und arbeiten als Architekten in einem Büro eines dänischen Freundes. Architekt sein ist ähnlich wie das Pilotieren von Flugzeugen. Beide Berufsgruppen nehmen für sich in Anspruch, dass ihre Tätigkeit mehr Berufung als Beruf ist. Während der Pilot in seinem Enthusiasmus durch Flugdienstvorschriften gebremst wird, kennen die Architekten keine Grenzen. Es wird gearbeitet bis zum Umfallen, wobei der Mensch umfallen darf, das Gebäude aber auf keinen Fall. Der Teint ist eher bleich, wobei die Kleider ausnahmslos schwarz sind.
Ich mag Architekten und bewundere sie auch. Findet sich ein Geldgeber mit den notwendigen Mitteln und bremsen keine Bauvorschriften die Kreativität, dann kommen so herrliche Gebäude dabei heraus, wie das Projekt an der 57th Strasse in Manhattan, das mein Schwager als Projektleiter betreut.

Der Leser merkt, bei mir schwingt etwas Stolz mit.

Unsere Gäste studierten unsere Wohnung, betrachteten Details, lobten, kritisierten und kamen am Ende zum Schluss, dass dieses Haus und die Wohneinheiten für Schweizer Verhältnisse sehr gelungen seien. Wir fühlen uns geehrt, fragen aber trotzdem nach, was mit dem Zwischenton "Schweizer Verhältnisse" gemeint sei? 

It's much to big!

Zu gross? Warum? Schliesslich arbeite ich nächstes Jahr nur 75% und brauche etwas Platz für die unendliche Leichtigkeit des Seins.

Im folgenden Gespräch vernahmen wir, dass die Beiden vor kurzer Zeit in ein 30 Quadratmeter Appartement gezogen sind und sich darin mit ihrem Hund (!) sehr wohl fühlen. Etwas beschämt schaute ich in unserer Wohnung umher und kam zum Schluss, dass ich auf keinen Quadratmeter verzichten möchte. 
Mein Schwager relativierte und erklärte, dass er eh 15 und mehr Stunden täglich im Büro verbringe und gar nicht mehr Platz bräuchte. Er erklärte mir auch, dass die eine Woche Ferien mehr als genüge, denn die Arbeit mache ihm sehr viel Spass. Er erklärte weiter, dass er den Umzug von Boston nach New York nicht bereue, weil das Leben da viel dynamischer sei. Er fragte uns auch, wann wir dann endlich unsere Gratistickets einlösen und sie in Manhattan besuchen?

Ich würde ja so gerne, aber woher soll ich bloss die Zeit nehmen?

Kommentare:

  1. Weiss er von der Bleibe im Engadin? Das würde ihm allenfalls etwas Verständnis abringen, oder aber nur noch mehr Kopfschütteln, da noch mehr Quadratmeter ;-)... Das Problem mit der Zeit kenn ich jedoch bestens, genug davon hat man eigentlich nie, so dass mir eure Bloggs zu verfolgen als schierer Luxus vorkommt.

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  2. wenn ich mir die letzten beiden absätze durchlese, dann komme ich zu dem schluss, mich sofort in Hagen für psychologie einzuschreiben, denn solche leute werden zu hunderten bei allen psychotherapeuten dieser welt auf den couchen (sofas?) liegen! da werde ich schweinereich!!!

    wie will diese praktikanten- und app-generation das nur alles durchhalten?

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