Sonntag, Oktober 23, 2011

von faulen Hunden und Kamelen

Da war ich doch neulich an einer Lesung. Nein, es war nicht irgendeine Lesung, es war DIE Lesung. Der Wüstenfuchs unterhielt, las, lieferte eine perfekte Show, hatte ein charmantes Publikum und feierte an einem Ort, der gemütlicher nicht sein könnte.
Ich, umringt von zwei hübschen Frauen, genoss den Abend sichtlich, obwohl am nächsten Tag STBY05 auf dem Plan stand. Dieses STBY05 ist so etwas unappetitliches, dass ich es an dieser Stelle gar nicht erklären will.

Die charmanten Frauen an meiner Seite hatten und haben eines gemeinsam: ich gehorche ihnen aufs Wort. Logisch wenn man weiss, dass es sich um meine Frau (zu meiner Linken) und dem TWRMädel (zu meiner Rechten) handelte.

Als der Abend gemütlich wurde tranken alle Weisswein und Cüpli, ausser der armen Sau mit STBY05…
Zwischen zwei Kurzgeschichten flüsterte mir die zu meiner Rechten ins Ohr, dass ich ein fauler Hund sei. Hätte das die zu meiner Linken gesagt, würde mich das aufgrund meines Engagements im Haushalt wenig überraschen, aber von rechts hätte ich das nicht erwartet. Noch bevor ich mich nach dem Grund der Flüsterattacke erkundigen konnte, kam auch schon die Antwort: Dein Blog verkümmert!

Also gut, hier mein sonntäglicher Beitrag:

Gestern schob ich also STBY05 und das begann vielversprechend. Um 07:30 Uhr lag ich immer noch im Bett und träumte von Bestsellern und Millionenauflagen von meinem unfertigen Buch. Plötzlich flüsterte die zu meiner Linken ins Ohr: Wir brauchen sie! Da meine Frau jetzt zu meiner Rechten lag wunderte ich mich schlaftrunken, wer mir dann zu meiner Linken etwas so nettes ins meine Ohrmuschel haucht. Das TWRMädel könnte es nicht sein, denn die lag irgendwo hoch über der Nebeldecke in ihrem Chalet und träumte neben ihrem Mann von Bestsellern und meinem noch unfertigen Buch.
Es war die Dame der Crewdispo und sie schickte mich in die Wüste. Ein Charterflug! Auch das noch. Charter klingt nicht elegant, ich bevorzuge die hochdeutsche Schreibweise, die ich ab sofort verwenden werde. Dieser Schaaaaaarter brachte mich nach Nordafrika, in eines der Länder, in denen es von Sand nur so wimmelt. Nach der sandigen Lesung also der sandige Ausflug!

Der faule Hund schälte sich aus dem Bett und las sich in die unzähligen Manuals ein, die man vor einem Schaaaaaarter halt so lesen sollte. Es ist vieles anders auf so einem Schaaaaaarter und das sollte ich an diesem Tag noch merken.
Das Publikum bestand aus Gruppen von intellektuellen Wüstenentdeckern, die keine Gelegenheit ausliessen zu betonen, dass sie nur im Notfall Schaaaaaarter fliegen. Eine Mischung aus Hochnäsigkeit und Flugangst. Perfekt für einen Ausflug in die Wüste.
Mein Kopilot war ein alter Hase, was den faulen Hund zu seiner Linken etwas Arbeit abnahm. Denn vorzubereiten gab es viel auf dem dreistündigen Teilstück Richtung Süden. Das Ladeblatt musste vorbereitet und ein Schlachtplan entworfen werden, wie die vielen Intellektuellen aussteigen müssen. Gar nicht so einfach, denn es handelte sich um einen Dreiecksflug. Von Zürich nach A, wo Passagiere aus- und zusteigen, dann weiter nach B, wo zuerst die Passagiere nach B aussteigen, gefolgt von den Transitpassagieren nach Zürich, damit wir die Bürokraten in Schengen mit einem Security-Search befriedigen können, damit dann alle wieder einsteigen können und wir nach Zürich fliegen dürfen. Dieser Satz ist viel einfacher zu verstehen, als das Ganze zu organisieren ist. Erstaunlich, wie schwierig es ist, Intellektuellen zu erklären, dass auch ihr Handgepäck das Flugzeug zu verlassen hat. Intellektuelle tragen nämlich nicht gerne, obwohl sie viel dabei haben. Sie geben ihre Koffer grundsätzlich nicht mit dem restlichen Gepäck auf, denn das machen schliesslich nur die ollen Schaaaaaarter-Touristen.
Am Boden fragte mich ein Lademeister, wo er das Gepäck verstauen soll. Das ist ungefähr so, als ob mich der Mechaniker in der Toyota-Garage fragen würde, ob er den Zylinderkopf ausbauen muss, um die Vergaserleitung zu reparieren. Dank der hundertseitigen Anleitung für Schaaaaaarter-Flüge war ich aber auf die Frage vorbereitet. Man wollte vom mir dann noch wissen wo die Hunde hinkommen, ob man das Gepäckstück nach Prag(!) entladen soll, ob es Wasser im Treibstoff hat, ob das Wetter in Zürich wirklich so kalt sei, ob man das Kind kurz ins Cockpit bringen dürfe, ob es Frauenzeitschriften an Bord hätte, ob man einen Fensterplatz haben könnte, warum das alles so lange dauert!

Pünktlich – oh Wunder! – rollten wir zur Startbahn. Dort stand ein lokaler 737 und wartete auf die Startfreigabe. Eine Piste, eine Mikrofon, eine andere Kultur. Es dauerte eine Weile, bis der Platzhirsch auf die Piste rollte. In nicht ganz astreinem Französisch erhielt die 737 ihre Starterlaubnis. Nichts geschah. Der TWRBoy wiederholte die Anweisung. Wieder nichts. Auf der Frequenz meldete sich eine norwegische Schaaaaaarter-Maschine bereit für die Landung. Die 737 stand noch immer. Was denn los sei, fragte der TWRBoy unterwürfig. Wir haben keine Freigabe, die Antwort des 737 Copiloten. Der TWRBoy wiederholte seine Anweisung und wieder passierte nichts. In der Zwischenzeit startete der norwegische Schaaaaaarter durch und just in diesem Moment schob der Platzhirsch die Leisungshebel nach vorne. C'est dangereux! Schrie der TWRBoy ins Mikro, was ich aus meiner Warte nur bestätigen konnte. Der 737 hielt irgendwo im ersten Drittel der Piste an. Mittlerweile waren meine Schaaaaaarter-Intellekuellen nervös und ich erklärte ihnen den Grund für die Verzögerung.
Irgendwann, selbstverständlich ohne Freigabe des TWR, rollte die 737 wieder an, drehte kaum in der Luft nach rechts, obwohl eine Rechtskurve lauf Unterlagen auf diesem Platz strikte verboten ist und touchierte mit dem Flügel fast den Boden. Was wieder einmal das erste aviatische Gesetz bestätigt: Die Summe der Arschlöcher in den Cockpits bleibt konstant.

Wer jetzt glaubt, dass die Bahn für den Schaaaaaarter-Flieger aus der Schweiz frei war, täuscht sich gewaltig. Eine lokale Cessna drehte ihre Platzrunden und in der Zwischenzeit wollte auch der norwegische Schaaaaaarter wieder landen. Es folgte ein weiterer norwegischer Schaaaaaarter, bis dann wir nach 20 Minuten an der Reihe waren.

Nach zehn Stunden im Cockpit und im Frachtraum landeten wir in der Heimat, fern von Sand und Improvisation. Beim Aussteigen schaute eine Intellektuelle auf die Uhr und sagte: Zehn Minuten zu spät, das sei untypisch für Airlines mit dem Schweizerkreuz…

Dass wir auch Kamele in der Fracht hatten, muss mir an diesem anspruchsvollen Tag durch die Lappen gegangen sein…

Kommentare:

  1. Siehste, geht doch...

    Danke für Lesevergnügen und Kompliment!
    TWR Mädel

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  2. Betrifft "faule Sau":

    Natürlich war der geneigte Leser verwöhnt - von fein gewürzten Reiseberichten aus der Ferne - doch ist der Wind in der Kanzel kälter geworden und man nimmt es hin, dass der Autor seine Ruhe sucht und daher die bisherige Posting-Frequenz etwas taumelt.

    Was lernt unsereins daraus: Niemals ins mittlere Management aufrücken ;o)

    Viel Erfolg jedenfalls mit dem Buch - möge die Macht mit ihm sein! Dann geht sich zukünftig Teilzeit mit maximal drei Flügen pro Monat aus - ohne Kamele!

    Gruß
    Ein FF'ler

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  3. Herrlicher Bericht!

    Nur die Sache mit dem Platzhirsch hätte ich im Jahr 2011 nicht mehr für möglich gehalten, aber wenn man das allseits bekannte Youtube Video kennt, wo Air China kläglich versucht, mit JFK Ground zu kommunizieren, dann darf einen auch das nicht wundern...

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  4. Agadir? Djerba? Marrakesh? Der Laie spekuliert. Die Anzahl Intellektueller an Bord könnte auf eine historische Stätte hinweisen. Gizeh? Petra?

    Übrigens: Wenn du Tripolis anfliegen solltest - lass es uns wissen.

    Ansonsten Lesevergnügen wie immer, bei Gedanken eines Fliegenden.

    Ich weiss dass ich nichts weiss.

    Gruss von einem Halb-Intellektuellen.

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  5. Köstlich! Danke dem TwrMädel für ihren Einsatz, dem Schreiberling subtil die Notwendigkeit einer Fortführung seines Blogs anzutragen. Daß das TwrMädel dabei nicht in seinem Bett liegt, hatte ich ja schon geahnt-aber was zum Teufel sucht die Dame von der CrewDispo darin?

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  6. Besser französischen Kauderwelsch als nichtverständliches Arabisch ;-))

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  7. Ich konstatiere; du bist in der Tag pflichtbewusst!

    Gruss
    Dide

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  8. ...mehr noch; du neigst zur Übertreibung...

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  9. ...nff hat ganz einfach kapiert, dass es ratsam ist auf mich zu hören...

    TWR Mädel

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  10. Eine etwas andere Optik, die so falsch nicht sein wird.

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