Dienstag, Oktober 25, 2011

Tränen, Liebespuppe und ein Slot

Noch zehn Minuten bis der von Brüssel berechneten Startzeit. Der Passagierstrom reisst nicht ab, der Handgepäck-Tsunami schon gar nicht. Beschleunigungsversuche sind zwecklos, die Passagiere kommen grösstenteils aus einem Land, wo Zeit eine untergeordnete Rolle spielt.
Plötzlich zeichnet sich ein Drama ab – ach was heisst hier ein Drama, mehrere Dramen! Zum einen droht unser Slot flöten zu gehen, was einigen Anschlusspassagieren auf die Langstreckenflüge ex Zürich Bauchweh bereiten würde, und andererseits bricht eine Passagierin in Tränen aus – genauer gesagt in afrikanische Tränen. Diese sind lauter, grösser, verzweifelter, nässer und dicker, als was wir in unseren Breiten gemeinhin unter weiblichem Augenwasser verstehen.

Die Dame hat für ihre Tochter in einem Pariser Einkaufszentrum eine Puppe gekauft, der dem Barbie-Mädel ziemlich ähnlich sieht, aber leicht grösser war. So gross, dass man das Spielzeug auch in einem Holzsarg hätte verstauen können.
Die Dame weigert sich das Flugzeug ohne Jenny, so heisst die Mega-Barbie, zu betreten und die Luftverkehrstelle weigert sich ebenfalls, uns mit Verspätung abheben zu lassen. Da braucht es kreative Lösungsansätze, da muss die Grauzone betreten werden. Uns unbekannte Personen dürfen nicht im Cockpit mitreisen, das wird strikt gehandhabt und da gibt es kein Pardon. So machte ich mich kurz mit Jenny bekannt, streichelte ihr über das Haar und vergewisserte mich, dass von ihr keine kriminelle Energie ausgeht.

Jenny fand den Weg ins Cockpit und wir pünktlich den Weg zur Startpiste. Hebel nach vorne und nichts wie weg.

Jenny fühlte sich wohl zwischen zwei Männern, verzichtete auf Speis und Trank und reklamierte nach der Landung nicht. Kurz, eine angenehme Passagierin, die man sich so immer wünscht!

Die Mutter von Jenny bedankte sich und vergoss beim Wiedersehen neulich Tränen. Alles wird gut!



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DISCLAIMER:
Für Handgepäck gibt es klare Vorschriften, die ich auch konsequent durchsetze. In der Regel bleiben solche Gepäckstücke der Passagierkabine fern und werden im Flugzeugbauch verstaut. Vorliegender Fall war eine Ausnahme und wurde aus einer Notlage heraus bewilligt. Jenny wurde fachgerecht im Cockpit verzurrt und anständig behandelt. Eine posttraumatische Folgestörung der Puppe kann ausgeschlossen werden. Ein Cockpitpermit wurde für Jenny nicht ausgestellt.

Kommentare:

  1. Wow, das war aber nett von Ihnen!
    Flugängstliche Grüße, Ulrike.

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  2. Und der JumpSeat für Jenny? Ungünstig oder nicht gestattet?

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  3. Ein Kommandant mit Herz! Der Bericht hat auch mich sehr angerührt. Wenn das nicht ein dicker Pluspunkt für das später zu erwartende Jenseits war, dann weiß ich es auch nicht...und gute Menschen kommen ja bekanntlich in den Himmel - deswegen wird man ja auch Pilot. Gut auch, daß die Puppe hinter dem Sitz des Copi verbracht wurde-die sind für ihre Eigenarten ja bekannt und von daher fällt es auch nicht sonderlich auf, wenn er seiner aufblasbaren Freundin die Welt mal von oben zeigen möchte.

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  4. Welch eine Puppe!
    Neiaberau!
    Es gibt wohl nichts was ihr nicht transportiert.

    Nichts gegen das Alt gebackene. Doch nichts geht über einen neugebackenen Airline Kapitän à la...la la

    Olé!

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  5. Nun hab ich endlich festgestellt was in einer Boeing nicht geht aber in einem Airbus schon. In der Boeing ist einfach nicht genug Platz im Cockpit um so eine Puppe zu transportieren. Hmm, vielleicht aufrecht in der Garderobe wenn man vorher das AFM rausschmeisst?

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  6. lass mich raten: Paris Zürich? Das Paradies für Handgepäck? Der Alptraum der Kabine? Anyway, gute Lösung, andere hätten dafür mehrere Millionen für Machbarkeitsstudien verschleudert, geht ja auch so...

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  7. Gerade eine schöne Geschichte gelesen:

    Die vollbesetzte Maschine startet schwerfällig durch die leichten Böen, der Pilot hält die übliche Begrüßungsansprache: "Guten Morgen, meine Damen und Herren, wir begrüßen Sie an Bord von LH 318, bei leicht böigem Wetter werden wir unsere Destination Florenz in etwa zwei Stunden ... SCHEISSE!! Was war das?? Oh, mein Gott!! ..."
    Die Maschine wackelt.
    Danach Totenstille.
    Nach wenigen Augenblicken beginnen die ersten Passagiere in Panik zu geraten, manche beten, Stewardessen eilen durch die Gänge nach vorne, hier und da Geschrei.
    Dann plötzlich wieder die Stimme des Piloten: "Meine Damen und Herren, wir entschuldigen uns für die kleine Störung beim Start der Maschine - mein Co-Pilot hat mir kochenden Kaffee in den Schritt gegossen, Sie sollten mal sehen, wie meine Hose vorne aussieht!"
    Darauf aus einem der hinteren Gänge die laute Stimme eines Passagiers: "DU ARSCHLOCH! Du solltest mal sehen, wie meine Hose hinten aussieht!!"

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  8. Hallo,

    während einer Recherche bin ich auf Ihr sehr interessantes Blog gestoßen.

    Ich bin Journalistik-Studentin der Universität Hamburg. Im Rahmen eines Uni-Projekts bin ich gerade dabei, einen Blog zum Thema "Aussteiger" zu erstellen. Dabei bin ich auf der Suche nach interessanten Persönlichkeiten, die ich portratieren bzw. interviewen könnte.
    Ich würde mich sehr freuen, wenn ich mit Ihnen ein Interview führen könnte. Das, was ich bisher gelesen habe, finde ich sehr spannend und würde ich gerne in einem Gespräch vertiefen.
    Bei Fragen und Interesse melden Sie sich gerne per per Mail: aussteigerblog@gmx.de oder per Telefon: 0157 74653912.

    Viele Grüße!
    Marie Fleischhauer

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  9. Danke für den Lacher, schön dass Swiss Piloten kreativ sein können. Nur schade, dass man gleich einen Disclaimer schreiben muss. So auch bei einem vorherigen Beitrag, um gleich mögliche Beamtenidioten und Journalisten von blödsinnigen Geschichten abzubringen. Ist das wirkolich so schlimm? Ich meine das nicht geben Sie (dich?), sondern eben unsere über-correntness und verbürokratisierung, die jeglichen Spass und Kreativität raubt.

    Gruss und fröhliches weiterfliegen, Philippe (sitzt hinten, nicht vorne).

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