Montag, Oktober 31, 2011

L'aviateur de charme



Es kommt in meinem Alterssegment eher selten vor, dass man für etwas schlichtweg zu jung ist. Gestern wurde mir dies bewusst, als ich die filmische Biografie von Hugo Koblet mit viel Genuss am Fernsehen betrachtete.

Das gute Aussehen des Radstars anfangs der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts, sein Lebensstil und die Tatsache, dass er Menschen gern hatte – insbesonders die mit den schönen Kurven – trugen dazu bei, dass er den Titel des "pedaleur de charme" mit viel Inbrunst trug.

Da fragt sich der Pilot der Gegenwart natürlich, wer wohl den Titel des "l'aviateur de charme" verdient? Vergeben ist er noch nicht, das bestätigt mir Google innerhalb weniger Millisekunden.
Doch welche Ansprüche muss ein Titelträger alles erfüllen? Nimmt man die kobletschen Massstäbe der 50er Jahre, dann sind die Kriterien klar:

Er braucht Talent, muss gut aussehen, sollte das Leben geniessen und der Sünde nicht abgeneigt sein. Ich falle schon beim ersten Punkt aus der Wertung. Eigentlich Schade wenn man bedenkt, dass dieser Titel laut Google exklusiv auf diesem Blog zum ersten Mal vergeben wird!

Gesucht wird an dieser Stelle ein gut aussehender Sündiger, der Talent besitzt (Disziplin unwichtig), der Damenwelt nicht abgeneigt ist und ganz nebenbei den Beruf als Pilot ausübt. Leonardo di Cabrio zählt nicht (kein Pilot), John Travolta auch nicht (ein Scientologe, kein Sünder).


Dienstag, Oktober 25, 2011

Tränen, Liebespuppe und ein Slot

Noch zehn Minuten bis der von Brüssel berechneten Startzeit. Der Passagierstrom reisst nicht ab, der Handgepäck-Tsunami schon gar nicht. Beschleunigungsversuche sind zwecklos, die Passagiere kommen grösstenteils aus einem Land, wo Zeit eine untergeordnete Rolle spielt.
Plötzlich zeichnet sich ein Drama ab – ach was heisst hier ein Drama, mehrere Dramen! Zum einen droht unser Slot flöten zu gehen, was einigen Anschlusspassagieren auf die Langstreckenflüge ex Zürich Bauchweh bereiten würde, und andererseits bricht eine Passagierin in Tränen aus – genauer gesagt in afrikanische Tränen. Diese sind lauter, grösser, verzweifelter, nässer und dicker, als was wir in unseren Breiten gemeinhin unter weiblichem Augenwasser verstehen.

Die Dame hat für ihre Tochter in einem Pariser Einkaufszentrum eine Puppe gekauft, der dem Barbie-Mädel ziemlich ähnlich sieht, aber leicht grösser war. So gross, dass man das Spielzeug auch in einem Holzsarg hätte verstauen können.
Die Dame weigert sich das Flugzeug ohne Jenny, so heisst die Mega-Barbie, zu betreten und die Luftverkehrstelle weigert sich ebenfalls, uns mit Verspätung abheben zu lassen. Da braucht es kreative Lösungsansätze, da muss die Grauzone betreten werden. Uns unbekannte Personen dürfen nicht im Cockpit mitreisen, das wird strikt gehandhabt und da gibt es kein Pardon. So machte ich mich kurz mit Jenny bekannt, streichelte ihr über das Haar und vergewisserte mich, dass von ihr keine kriminelle Energie ausgeht.

Jenny fand den Weg ins Cockpit und wir pünktlich den Weg zur Startpiste. Hebel nach vorne und nichts wie weg.

Jenny fühlte sich wohl zwischen zwei Männern, verzichtete auf Speis und Trank und reklamierte nach der Landung nicht. Kurz, eine angenehme Passagierin, die man sich so immer wünscht!

Die Mutter von Jenny bedankte sich und vergoss beim Wiedersehen neulich Tränen. Alles wird gut!



----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
DISCLAIMER:
Für Handgepäck gibt es klare Vorschriften, die ich auch konsequent durchsetze. In der Regel bleiben solche Gepäckstücke der Passagierkabine fern und werden im Flugzeugbauch verstaut. Vorliegender Fall war eine Ausnahme und wurde aus einer Notlage heraus bewilligt. Jenny wurde fachgerecht im Cockpit verzurrt und anständig behandelt. Eine posttraumatische Folgestörung der Puppe kann ausgeschlossen werden. Ein Cockpitpermit wurde für Jenny nicht ausgestellt.

Sonntag, Oktober 23, 2011

von faulen Hunden und Kamelen

Da war ich doch neulich an einer Lesung. Nein, es war nicht irgendeine Lesung, es war DIE Lesung. Der Wüstenfuchs unterhielt, las, lieferte eine perfekte Show, hatte ein charmantes Publikum und feierte an einem Ort, der gemütlicher nicht sein könnte.
Ich, umringt von zwei hübschen Frauen, genoss den Abend sichtlich, obwohl am nächsten Tag STBY05 auf dem Plan stand. Dieses STBY05 ist so etwas unappetitliches, dass ich es an dieser Stelle gar nicht erklären will.

Die charmanten Frauen an meiner Seite hatten und haben eines gemeinsam: ich gehorche ihnen aufs Wort. Logisch wenn man weiss, dass es sich um meine Frau (zu meiner Linken) und dem TWRMädel (zu meiner Rechten) handelte.

Als der Abend gemütlich wurde tranken alle Weisswein und Cüpli, ausser der armen Sau mit STBY05…
Zwischen zwei Kurzgeschichten flüsterte mir die zu meiner Rechten ins Ohr, dass ich ein fauler Hund sei. Hätte das die zu meiner Linken gesagt, würde mich das aufgrund meines Engagements im Haushalt wenig überraschen, aber von rechts hätte ich das nicht erwartet. Noch bevor ich mich nach dem Grund der Flüsterattacke erkundigen konnte, kam auch schon die Antwort: Dein Blog verkümmert!

Also gut, hier mein sonntäglicher Beitrag:

Gestern schob ich also STBY05 und das begann vielversprechend. Um 07:30 Uhr lag ich immer noch im Bett und träumte von Bestsellern und Millionenauflagen von meinem unfertigen Buch. Plötzlich flüsterte die zu meiner Linken ins Ohr: Wir brauchen sie! Da meine Frau jetzt zu meiner Rechten lag wunderte ich mich schlaftrunken, wer mir dann zu meiner Linken etwas so nettes ins meine Ohrmuschel haucht. Das TWRMädel könnte es nicht sein, denn die lag irgendwo hoch über der Nebeldecke in ihrem Chalet und träumte neben ihrem Mann von Bestsellern und meinem noch unfertigen Buch.
Es war die Dame der Crewdispo und sie schickte mich in die Wüste. Ein Charterflug! Auch das noch. Charter klingt nicht elegant, ich bevorzuge die hochdeutsche Schreibweise, die ich ab sofort verwenden werde. Dieser Schaaaaaarter brachte mich nach Nordafrika, in eines der Länder, in denen es von Sand nur so wimmelt. Nach der sandigen Lesung also der sandige Ausflug!

Der faule Hund schälte sich aus dem Bett und las sich in die unzähligen Manuals ein, die man vor einem Schaaaaaarter halt so lesen sollte. Es ist vieles anders auf so einem Schaaaaaarter und das sollte ich an diesem Tag noch merken.
Das Publikum bestand aus Gruppen von intellektuellen Wüstenentdeckern, die keine Gelegenheit ausliessen zu betonen, dass sie nur im Notfall Schaaaaaarter fliegen. Eine Mischung aus Hochnäsigkeit und Flugangst. Perfekt für einen Ausflug in die Wüste.
Mein Kopilot war ein alter Hase, was den faulen Hund zu seiner Linken etwas Arbeit abnahm. Denn vorzubereiten gab es viel auf dem dreistündigen Teilstück Richtung Süden. Das Ladeblatt musste vorbereitet und ein Schlachtplan entworfen werden, wie die vielen Intellektuellen aussteigen müssen. Gar nicht so einfach, denn es handelte sich um einen Dreiecksflug. Von Zürich nach A, wo Passagiere aus- und zusteigen, dann weiter nach B, wo zuerst die Passagiere nach B aussteigen, gefolgt von den Transitpassagieren nach Zürich, damit wir die Bürokraten in Schengen mit einem Security-Search befriedigen können, damit dann alle wieder einsteigen können und wir nach Zürich fliegen dürfen. Dieser Satz ist viel einfacher zu verstehen, als das Ganze zu organisieren ist. Erstaunlich, wie schwierig es ist, Intellektuellen zu erklären, dass auch ihr Handgepäck das Flugzeug zu verlassen hat. Intellektuelle tragen nämlich nicht gerne, obwohl sie viel dabei haben. Sie geben ihre Koffer grundsätzlich nicht mit dem restlichen Gepäck auf, denn das machen schliesslich nur die ollen Schaaaaaarter-Touristen.
Am Boden fragte mich ein Lademeister, wo er das Gepäck verstauen soll. Das ist ungefähr so, als ob mich der Mechaniker in der Toyota-Garage fragen würde, ob er den Zylinderkopf ausbauen muss, um die Vergaserleitung zu reparieren. Dank der hundertseitigen Anleitung für Schaaaaaarter-Flüge war ich aber auf die Frage vorbereitet. Man wollte vom mir dann noch wissen wo die Hunde hinkommen, ob man das Gepäckstück nach Prag(!) entladen soll, ob es Wasser im Treibstoff hat, ob das Wetter in Zürich wirklich so kalt sei, ob man das Kind kurz ins Cockpit bringen dürfe, ob es Frauenzeitschriften an Bord hätte, ob man einen Fensterplatz haben könnte, warum das alles so lange dauert!

Pünktlich – oh Wunder! – rollten wir zur Startbahn. Dort stand ein lokaler 737 und wartete auf die Startfreigabe. Eine Piste, eine Mikrofon, eine andere Kultur. Es dauerte eine Weile, bis der Platzhirsch auf die Piste rollte. In nicht ganz astreinem Französisch erhielt die 737 ihre Starterlaubnis. Nichts geschah. Der TWRBoy wiederholte die Anweisung. Wieder nichts. Auf der Frequenz meldete sich eine norwegische Schaaaaaarter-Maschine bereit für die Landung. Die 737 stand noch immer. Was denn los sei, fragte der TWRBoy unterwürfig. Wir haben keine Freigabe, die Antwort des 737 Copiloten. Der TWRBoy wiederholte seine Anweisung und wieder passierte nichts. In der Zwischenzeit startete der norwegische Schaaaaaarter durch und just in diesem Moment schob der Platzhirsch die Leisungshebel nach vorne. C'est dangereux! Schrie der TWRBoy ins Mikro, was ich aus meiner Warte nur bestätigen konnte. Der 737 hielt irgendwo im ersten Drittel der Piste an. Mittlerweile waren meine Schaaaaaarter-Intellekuellen nervös und ich erklärte ihnen den Grund für die Verzögerung.
Irgendwann, selbstverständlich ohne Freigabe des TWR, rollte die 737 wieder an, drehte kaum in der Luft nach rechts, obwohl eine Rechtskurve lauf Unterlagen auf diesem Platz strikte verboten ist und touchierte mit dem Flügel fast den Boden. Was wieder einmal das erste aviatische Gesetz bestätigt: Die Summe der Arschlöcher in den Cockpits bleibt konstant.

Wer jetzt glaubt, dass die Bahn für den Schaaaaaarter-Flieger aus der Schweiz frei war, täuscht sich gewaltig. Eine lokale Cessna drehte ihre Platzrunden und in der Zwischenzeit wollte auch der norwegische Schaaaaaarter wieder landen. Es folgte ein weiterer norwegischer Schaaaaaarter, bis dann wir nach 20 Minuten an der Reihe waren.

Nach zehn Stunden im Cockpit und im Frachtraum landeten wir in der Heimat, fern von Sand und Improvisation. Beim Aussteigen schaute eine Intellektuelle auf die Uhr und sagte: Zehn Minuten zu spät, das sei untypisch für Airlines mit dem Schweizerkreuz…

Dass wir auch Kamele in der Fracht hatten, muss mir an diesem anspruchsvollen Tag durch die Lappen gegangen sein…

Sonntag, Oktober 09, 2011

Hosen rauf und Hosen runter

©Marco E.


„Wenn der Wind weht, löscht er die Kerze aus 
und facht das Feuer an.“


Irgend ein schlauer Araber hat das gesagt nicht ich. Der regelmässige Leser ahnt es: Immer wenn an dieser Stelle ein Text mit einem Zitat begonnen wird, weiss der Schreiberling nichts mitzuteilen.


Doch nichts ist nicht nichts! Das gilt auch für meinen jetzigen Standort. Mein Lieblingshotel schlechthin auf dem Streckennetz: Das Crewhotel in Heathrow. Da surft man schon mal gerne für 10£ durch die Weiten des Internets, weil die Weite des extrem nahen Flughafens keine wirkliche Alternative ist.


Doch zurück zu meinem Titel. Wind hatten wir tatsächlich in den letzten Tagen und zwar auf besonders seltene Art und Weise. Während des Rundgangs um das Flugzeug, näherte sich eine dunkle Wolke dem Flugplatz Fiumicino in Rom. Die Wolke war mit dem Boden in Kontakt. Ein dünner Schlauch, scharf gezeichnet, herumwirbelnd und ungebändigt wie der Ministerpräsident des Staats, wirbelte am Boden mächtig Staub auf. Eine Windhose – ein Minitornado mitten auf dem Flugplatz. Ein seltenes Bild!


Der Flugbetrieb liess sich dadurch nicht stören und landete weiterhin auf der Piste 16R (Alitalia) und der 16L (Rest der Welt). Die 16L hat den klitzekleinen Nachteil, dass man nach der Landung etwa gleich lange zum Standplatz rollt, wie man vorher für den Flug von Zürich nach Rom einkalkulierte. 
Was soll man machen? So läuft es halt im Land wo der Wind die Hose hochzieht und der Ministerpräsident die Hose runter lässt.
Man hat nicht nur bei der Landung kleine Nachteile gegenüber dem Homecarrier, auch vor dem Start braucht es manchmal etwas Geduld.


SWISSÄ ONÄ SÄVEN TWO SÄVEN, HOLDÄ POSITION – GIVÄ WAY TO ALITALIA FROM THÄ LEFTE


Fragt man dann nach, wo das Flugzeug der Alitalia sich denn befände, bekommt man ausweichende Antworten. Es kann aber durchaus sein, dass die Maschine noch am zurückstossen ist oder der Copilot die letzten Checklistenpunkte abarbeitet. 
Was soll man machen? So läuft es halt im Land wo der Wind die Hose hochzieht und der Ministerpräsident die Hose runter lässt...


Es wurde alles besser, der nächste Flug führte uns nach Barcelona. Spanien ist ein Land mit Tradition. Hier lässt der Macho nicht die Hosen runter, er zieht sie so sehr nach oben, dass der Stier im Kampf das Muffensausen kriegt.
Auch ich kriegte das Muffensausen! Eine Sinkfluginstruktion hätte uns geradewegs auf die Flügeloberseite eines Propellerfliegers gebracht, was ziemlich Schreibkram zur Folge gehabt hätte. Auf die Frage, ob das wohl eine gute Idee gewesen wäre, hatte der Controller nur ausweichende Antworten zur Hand. Vermutlich zog er die Hosen noch etwas herauf, kraulte sich dort, wo sich Männer manchmal kraulen und schickte uns auf die nächste Frequenz weiter. Mitlesenden Journalisten kann ich versichern, dass der vertikale Minimumabstand zum Flugzeug nie unter 3000 Fuss war (Minimum ist 1000), mitlesenden Beamten darf ich beichten, dass ich aus oben genannten Gründen keinen Rapport geschrieben habe.


Nach diesem windigen und interessanten Arbeitstag gönnten wir uns ein paar Gläser Schaumwein in einer bekannten Bar in Barcelona. Ich habe danach im Zimmer die Hosen alleine heruntergelassen, ob es bei allen in der Crew so war, mag ich bezweifeln...


Mein Gott, wie kann man nur soviel schreiben, wenn man nichts zu sagen hat? Gehe jetzt indisch essen, immerhin das gibt's hier in Heathrow!







Donnerstag, Oktober 06, 2011

OM A 5.2.2.2

Eine Erklärung für alle Nichtaviatiker: Das OM A ist unsere Bibel – unser Gesetzbuch. Kapitel 5.2.2.2. handelt vom Commander, bzw. von dem was er alles können muss, tun soll und unterlassen darf.

Der Satz...


guide, train and qualify the co-pilot undergoing training and instruct all crew members and give them benefit of his experience;instruct all crew members and give them fullest benefit of his experience; 


... ist auslegbar wie vieles andere auch in diesem Buch. So dürfte ich zum Beispiel den Kolleginnen in der Kabine Schminktipps geben oder sie in sonstigen Lebenslagen beraten.
Macht ja offensichtlich keinen Sinn.

Beim Copiloten steht an gleicher Stelle nichts von Ausbildung. Der folgende Satz dient als Lückenfüller:

know the critical limits of the airplane.    


Wobei Lückenfüller der falsche Ausdruck ist. Die Grenzen des Flugzeugs zu kennen, ist von grösster Wichtigkeit. Denn es wimmelt nur so von kritischen Grenzen in modernen Flugzeugen. Eine davon sitzt links vom Copiloten und trinkt in der Regel grosse Mengen schwarzen Kaffees.
Dass sich der Copilot in seinem jugendlichen Übermut dazu berufen gefühlt hat MICH zu instruieren, kann ich noch entschuldigen. Wie er es gemacht hat, gibt mir aber zu denken…


Ruhig und sanft überreichte er mir das Buch...



PS: Das Buch ist übrigens der Hammer!