Sonntag, September 11, 2011

Träumen bei Traumwetter

Die Beine sind schwer, die Muskeln müde. Draussen streiten sich die Kitesurfer darum, wer die tollsten Sprünge macht und ich liege flach auf dem Bett, neben mir eine grosse Tasse Milchkaffee und ein schnarchender Hund.

Was für andere der Inbegriff von Langeweile ist, definiere ich als Traumurlaub. Sport, Lesen, Schreiben, Rotwein trinken, sich mit Freunden treffen und lange, lange schlafen.

Der Sonntag im Engadin ist ein besonderer Tag. Unten im Bergell ist es heiss und manch ein Sportler will seine Bikekilometer lieber im windigen Hochtal, als in schwülen Chiavenna drehen. Ausserdem findet dieses Wochenende in Chiavenna das "Sagra dei crotti" statt und wer dieses gemütliche Fest kennt der weiss, dass man am Sonntag danach etwas gegen das schlechte Gewissen machen muss. Ergo trifft sich das halbe Bergell im Engadin und das kann zuweilen auf Strassen, Wanderwegen und Bikepfaden zu Stau führen.

Zum Glück gibt es auch unbekannte Wege und zum Glück gönnt man sich als Mittvierziger auch einmal eine lange Mittagspause. So pulsiert das Blut in meinen Oberschenkeln, regeneriert das Muskelwerk und ich kann ohne schlechtes Gewissen noch etwas die Tasten bearbeiten.

Das Tolle an den Ferien ist auch, dass die Arbeit mit jeder Minute und jedem Wanderkilometer weiter weg scheint. Ich vermisse im Moment die Knöpfe im Cockpit so wenig wie das Hotelzimmer am Flughafenhotel in Heathrow. Trotzdem surfe ich ab und zu auf den Fliegerseiten und lese die Blogs meiner Pilotenkollegen. Wenn Dide von den unendlich langen Überflügen von Sibirien schreibt, läuft bei mir ein Film ab und meine Beine werden noch schwerer…

Ich werde viel gefragt, ob ich die Langstrecke nicht vermisse? Gerade junge Copiloten und Flight Attendants setzen die Reisen in ferne Länder dem Paradies gleich. Gerne schaue ich auf meine 15 Jahre Langstreckenfliegerei zurück, erinnere mich aber noch bestens an den hohen gesundheitlichen Preis, den ich dafür bezahlt habe.
Nein, ich fühle mich wohl in meinem eigenen Bett und schlüpfe, wenn auch nicht immer top motiviert, um 04:15 Uhr besser aus meinem eigenen Federduvet, als irgendwo auf der Welt zu irgend einer Zeit in irgend einer Zeitzone.

Darum vielleicht auch die Reisemüdigkeit, die mich im Moment befällt. Mein Arbeitgeber ist so grosszügig, dass er mir und meiner Partnerin kostenlos ein fest gebuchtes Ticket in einer sehr, sehr, sehr, sehr guten Klasse offeriert, das ich vermutlich auch dieses Jahr verfallen lasse. Die Schweiz und die umliegenden Länder bieten soviel, dass es mich keine Sekunde in die Ferne zieht.

Ich nenne das Glückoptimierung. Ich optimiere nicht mein Bankkonto, auch nicht meine Freundesliste auf Facebook, sondern meine ganz persönlichen Wünsche und Bedürfnisse. Dass diese mit denen meiner Frau übereinstimmen, ist mehr Wert, als ein Sechser im Zahlenlotto.

Darum arbeite ich nächstes Jahr nur 75%. Vier Monate frei, vier Monate Sport, vier Monate Engadin und vier Monate schreiben. Ich freue mich darauf! Vermutlich werden die Tickets meines Arbeitgebers auch 2012 verfallen. Who cares? Ich gehe jetzt joggen.

Kommentare:

  1. Ja, das engadin ist ein schönes fläckchen. Ich geniesse seit 21 jahren jeden tag die gute luft, die schönen berge und die ruhe. Zwei kleine tipps: Das unterengadin ist mindestens so schön und für jeden piloten lohnt sich ein ausflug zum höchstgelegenen flughafen europas in samedan. Schöne ferien!

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  2. "Ich nenne das Glückoptimierung. Ich optimiere nicht mein Bankkonto, auch nicht meine Freundesliste auf Facebook, sondern meine ganz persönlichen Wünsche und Bedürfnisse. Dass diese mit denen meiner Frau übereinstimmen, ist mehr Wert, als ein Sechser im Zahlenlotto."

    Wie wahr...allerdings bin ich selbst noch ein junges Pilötchen und werde förmlich angezogen von fernen Destinationen wie die Motte vom Licht ;)

    Ich freu mich auch schon drauf, irgendwann "genug" zu haben :)

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