Mittwoch, September 07, 2011

Swissair 1961


Was 2001 mit der Swissair passiert ist, wird auf allen Kanälen medial aufbereitet. Doch wie sah die Swissair-Welt vor 50 Jahren aus? Die im Internet veröffentlichten Newsletter der damaligen Pressestelle geben Antwort

Die Januar Nummer der Swissair-News enthielt dicke Post. Im Namen der Geschäftsleitung verfasste der Generalsekretär Herr Dr. H. Haas ein Essay mit dem Titel «Die Swissair und der Fluglärm». Der Verfasser war sich sicherlich nicht bewusst, wie aktuell das Thema auch 50 Jahre nach dem erscheinen der Zeilen ist. Heute müsste man es vielleicht etwas diplomatischer Umschreiben. Dr Haas schrieb: «Als bekannt wurde, die Verkehrsluftfahrt stehe im Begriff, das bis anhin nur vom Militär angewandte Prinzip des Strahlantriebs zu übernehmen, wuchs sich die Angst vor dem Lärm – namentlich in Flughafenstädten – zu einer eigentlichen Psychose aus. (…) Die Führer im Kampf gegen den Lärm sorgen dafür, dass das Publikum lärmkritisch bleibt. Es wäre kurzsichtig, sich auf die Angewöhnung verlassen zu wollen.»

Ein Thema, das Fluggesellschaften und ihre Kommunikationsabteilungen rund um den Globus in den folgenden Jahrzehnten noch ziemlich beschäftigen wird. Pech für die Swissair, das ihr Chef der Propaganda-Abteilung [sic!], Herr Réne Nordmann, zum Vizedirektor der Schweizerischen Verkehrszentrale gewählt wurde und der Firma im Frühling 1961 den Rücken kehrte.

Wir gratulieren Fräulein Bärtschi
Sein Nachfolger als Propaganda-Chef  konnte in der April Nummer gleich Grosses verkünden. Zum ersten Mal in der Firmengeschichte der Swissair stand der Name eines Fräuleins auf der Ehrentafel der Prämiengewinner. Fräulein Alice Bärtschi machte die Anregung, dass die IBM-Kohlefarbbänder zukünftig an Lager genommen werden, statt nach Bedarf bestellt zu werden. Für diesen Vorschlag mit der Nummer 7421 erhielt Frl. Bärtschi 1961 20 Franken Prämie. Wir gratulieren mit einem halben Jahrhundert Verspätung.
Weniger Gnade war dem Vorschlag 6367 zuteil. Der Initiator der Idee verlangte, dass an den Wänden der Passagierkabine Haken angebracht werden sollten, damit die Damen ihre Handtaschen während dem Flug aufhängen könnten. Die Begründungen für die Ablehnung waren klar und unmissverständlich. Erstens wäre nicht garantiert, dass dieser Haken wegen der unterschiedlichen Handtaschentypen am richtigen Ort platziert wäre und zweitens führten die Damen von Welt auf längeren Flügen ein «Beauty Case» mit, was sowieso unter dem Sitz platziert werden müsste.

Man freut sich auf die Coronados
In vielen Artikeln wird die Vorfreude auf die Coronado geschürt. Man liest von Superlativen und dem Effort den es braucht, um einen neuen Flugzeugtypen einzuführen. Natürlich wird nicht ohne Stolz erwähnt, dass die Reisegeschwindigkeit des Coronados bei 91 % der Schallgeschwindigkeit liegen wird. Doch wie so oft, kam es zu Auslieferungsverzögerungen. Vier Monate sind nach heutigen Massstäben mehr als pünktlich, gaben aber 1961 Anlass zu Spekulationen und Gerüchten. Da brauchte es Gegensteuer der Geschäftsleitung. Dr. Armin Baltensweiler, damals noch stellvertretender Direktionspräsident, wählte deutliche Worte:
«In diesem Zusammenhang möchte ich noch auf ein Übel hinweisen, das zu bekämpfen sich die Geschäftsleitung seit langem bemüht. Es ist die Verbreitung von Gerüchten. Dass falsche oder übertriebene Behauptungen dem Betrieb schaden und nur der Konkurrenz nützen, ist eine Tatsache.»
Die Coronados sind gekommen und die Gerüchte sind bis dato geblieben. Bei den Berichten über die Coronado liest man, wie gross die Freude an der Geschwindigkeit anfangs 60er noch war. Regelmässig wurden die schnellsten Überquerungen des Nordatlantiks publiziert. Die 1961 gültige Rekordmarke von New York nach Zürich stellte die HB-IDB Anfangs Dezember 1960 auf. Von New York nach Zürich brauchte die DC-8 Besatzung ganze 6 Stunden und 15 Minuten. Zwischen Zürich und New York lag der Rekord bei 7 Stunden und 39 Minuten, aufgestellt am 21.4.61 von der HB-IDA. Fuelverbrauch? Keine Angaben!

Diverse Meldungen vom Propaganda-Direktor
In der Ausgabe vom Februar 1961 wird Stolz erwähnt, dass die Industrie- und Handelskammer von Madrid die Swissair Niederlassung in Madrid für die gute Schaufenstergestaltung auszeichnete. Auch hier gratulieren wird mit einem halben Jahrhundert Verspätung.
Doch nicht nur die Propaganda Abteilung hatte Unglaubliches zu berichten, sondern auch die Technik. Boeing Ingenieure, so berichtete die Swissair News vom Juni 1961, mussten die Bodenplanken der B-707 verstärken, weil sich die Schuhmode der Damenwelt radikal veränderte. Eine modebewusste Dame, die Stilettos trug und 50 kg wog, belastete den Boden mit über 150kg per Quadratzentimeter. Zuviel für die alte Konstruktion, ein Aluminiumboden musste her.
Nichts zu lachen hatte die Personalabteilung. Dringend wurde im zentralen Personaldienst eine Stenodaktylo-Sekretärin gesucht. Wer weiss was das ist, kann sich noch heute melden.
Ein grosser Verlust für das Departement III war die Pensionierung von Flugkapitän E. W. Borner. Er hat in seinem 60. Altersjahr nach 28 Jahren Flugdienst und 20'400 Flugstunden im Dienste der Schweizer Luftfahrt den Pilotenhut an den Nagel gehängt.

Wetterschiff rettet zwei Piloten im Nordatlantik
Dramatisch liest sich ein Bericht in den Swissair News vom August 1961:
«Am 4. September 1961 fing das norwegische Wetterschiff Polarfront II die Notmeldung eines zweimotorigen Flugzeugs mit der Kennung N5280V auf. Sie sagte, dass der Kompass nicht funktioniere, dass es unmöglich sei, mit Island eine Radioverbindung herzustellen, und dass die Brennstoffvorräte nicht ausreichen. Das von zwei Piloten gesteuerte Flugzeug, das eine Ladung Dynamit an Bord führte, sollte in der Nähe der Polarfront II auf dem Ozean niedergehen. Rettungsboote und –netze waren zur Hand. Schwimmende Lichtsignale bezeichneten in Abständen von 150 Yards auf einer von dreiviertel Meilen langen Strecke den vorgesehenen Wasserplatz, wobei man versuchte, mit ausgepumpten Öl die Wogen zu glätten. Das Motorrettungsboot wurde ausgesetzt und die N5280V mit Funk und Radar herangelotst. Obwohl durch starken Regen, Dunkelheit und rauhen Seegang behindert, gelang die Wasserung und die Piloten konnten unverletzt geborgen werden.»

Ich verneige mich vor dieser Leistung!

Die Rolle des Passagiers
Die Swissair publizierte im Juni 1961 die zehn goldenen Regeln über den Umgang mit «Seiner Majestät, dem Passagier» [sic!]. Die Regeln wurden damals der Aer Lingus abgeschrieben:

Ein Passagier ist mehr als ein besetzter Platz.

Eine Gruppe von Passagieren ist mehr als ein Sitzladefaktor. Mehr Passagiere in diesem als im letzten Jahr sind nicht bloss eine Zunahme in Prozenten. Was sind sie? Sie sind alle menschliche Wesen, ein jedes von besonderer Intensität. Sie können: lächeln, wenn wir sie glücklich machen; die Stirne runzeln , wenn wir sie verärgern; zu uns zurückkehren, wenn sie zufrieden sind; oder und ignorieren, wenn wir sie verdriessen.

Ein Passagier ist die wichtigste Person in unserem Leben, sobald er das Büro betritt, mit uns telefoniert oder schreibt.

Ein Passagier ist nicht auf uns, wir sind auf ihn angewiesen.

Ein Passagier stört unsere Arbeit nie, er ist ihr Zweck und ihre Rechtfertigung. Wir erweisen ihm keine Gunst, wenn wir ihm dienen [sic!]; er tut im Gegenteil uns einen Gefallen, wenn er unsere Dienste  – und nicht diejenigen anderer – in Anspruch nimmt.

Ein Passagier ist kein Aussenseiter in unserer Industrie; er ist ein Teil davon und eine Vielzahl von Fluggästen ihr Ganzes.

Ein Passagier ist nicht jemand, mit dem wir uns auf Diskussionen einlassen sollen, um mit unserer Schlagfertigkeit zu glänzen; wir können die Diskussion gewinnen – und einen Passagier verlieren.
Ein verlorener Passagier ist jemand, den wir in die Lage versetzt haben, uns zu schaden; und eine Menge verlorener Kunden bedeutet das Ende unseres Geschäfts.

Jeder Passagier, ob sauer und bitter oder fröhlich und nett, ist jemand, der zu unserem Erfolg beiträgt und dem wir um jeden Preis höflich und hilfreich zu begegnen haben.

Achtung gebührt dem Passagier, welche Fehler er auch immer haben möge (und wer von uns wäre makellos?); denn er befiehlt und zahlt.

Doch nicht nur der Umgang mit zahlenden Passagieren gab von fünfzig Jahren zu reden, sondern auch die weniger gut zahlenden Gäste, namentlich die Angestellten mit ihren verbilligten Tickets. Dazu ein Auszug aus den Direktiven:



Das Departement Finanzen hat alles im Griff!
«Der 1000. Mitarbeiter hat am 1. März bei der Personaldepositenkasse der Swissair ein Konto eröffnet», jubilierte die Swissair News im März Heft. Weiter meldet der Verfasser des kleinen Artikels: «Mit 35 Prozent seines Bestandes stellt das Departement Finanzen bis jetzt den grössten Harst der Kontoinhaber. Das ist bezeichnend. Gerade DIE Leute müssen schliesslich wissen, wie man am vorteilhaftesten mit Geld umgeht.»

Der kleine Georges mit dem Familiennamen Schorderet besuchte, als diese Zeilen gedruckt wurden, die Primarschule in Freiburg. Ihm sollte es vorenthalten sein, vierzig Jahre später das dicke Sparschwein der Swissair zu schlachten. Übrig blieb ein Scherbenhaufen und die Erkenntnis, dass das Departement Finanzen einige Jahrzehnte später nicht wirklich wusste, was sie da anstellte.

Kommentare:

  1. Hallo nff,
    Ich sitze im Womo vor dem Kloster Irsee und lese Deinen Artikel. Sehr interessant, die Zeit 50 Jahre zurück zu drehen. Eigentlich ist vieles ähnlich wie heute, nur war wohl früher der Takt viel langsamer. Man freute sich auch auf ein Flugzeug, heute redet man zuerst von den entstehenden Umschulungskosten. Nur der letzte Abschnitt liess in mir ungute Erinnerungen wieder aufkommen. Klein Schorschli hatte wohl in der Primarschule noch nicht geahnt, dass er mal zu den Totengräbern einer Airline gehören wird - vielleicht wäre besser Fräulein Bärtschi zur Finanzchefin erkoren worden...
    So - jetzt gibt's Nachtessen und ein Bier im Braugasthof des Klosters Irsee!
    Liebe Grüsse
    Urs

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  2. Hallo Urs

    Tja, wo Du Recht hast, hast Du Recht. Stossen wir auf Fröilein Bärtschi an – Du mit Bier vom Kloster, ich mit Engadiner Bräu!

    Grüsse aus dem Engadin

    Peter

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  3. Hallo Peter!

    Prost! Das Irseer Klosterbräu Starkbier war genial gut, hoffentlich schmeckte auch das Engadiner...
    Hattest Du schon den berühmten Heidelbeerkuchen?
    Liebe Grüsse aus dem Ostallgäu!

    Urs

    PS: Apropos Bier - besuch doch mal unsere Brauerei: www.tannzapfenbraeu.ch, zur Zeit sind wir allerdings grad ausverkauft.

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  4. hoi nff,

    man merke, dass der Herr Borner dazumals schon fast 730Std pro Jahr geblocht ist.

    Aber es waren wohl bessere Umstände damals ;.)

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  5. Hallo Andi

    Der Herr Flugkapitän Borner führte vor seiner Zeit bei der Swissair ein Luftfahrtunternehmen in Genf, da müssen also schon vor der Zeit als SR-Pilot einiges an Stunden zusammengekommen sein.

    lies mal das, ist interessant: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D31309.php

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  6. Ach ich liebe es auch, in Zitaten die Klammerbemerkung "[sic!]" einzufügen. Das Ausrufezeichen verleiht ihr eine gewisse Pragmatik.

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