Sonntag, September 18, 2011

Die Schweiz spinnt, es sind bald Wahlen


Vor dem Schnee bin ich geflohen. Besser im Unterland im Keller zu rudern, als im Engadin durch den Neuschnee zu latschen. Schön, wer solche Optionen hat, schön, wenn man wählen kann.

In der Schweiz wird bald auch wieder gewählt, und zwar das nationale Parlament. Da überzieht alle vier Jahre eine Welle der Nervosität das sonst so stabile Land und lässt unpolitische Menschen zu politischen Aktivisten werden. Die sonst so schöne Landschaft wird mit Plakaten überzogen und Gesichter, die einen sonst nie grüssen würden, lächeln von jeder Strassenecke.

Obacht, es ist Wahlherbst!

Kommt man wie ich aus der selbst gewählten Isolation aus den Bergen zurück, wird man von der liegengebliebenen Post fast erschlagen. Vier Wochenzeitungen (ich liebe Wochenzeitungen, ausser der köppelschen) haben sich gestapelt, unzählige Wahlpropaganda verteilt sich am Boden und die obligaten Rechnungen liegen zuerst auf dem Pult, dann auf dem Magen auf.

Attacke!, die Wochenzeitungen sind zuerst dran. Ich lese, was in den letzten zwei Wochen passiert ist und wundere mich, dass ich noch am Leben bin. In den Ferien poste ich lieber Bilder mit Milchkaffee und Kuchen, als mich durch all die Schreckensmeldungen zu wühlen. Zugegeben, den Star des Tages habe ich nie verpasst, aber das müssen sie meiner Frau nicht unbedingt auf die Nase binden…

Zurück zum Thema, zurück zum Wahlherbst! Ich frage mich ernsthaft, wie dieses Land – ich drücke es einmal vorsichtig aus – so unaufgeschlossen gegenüber Fremdem geworden ist? Personen aus dem Osten, vornehmlich mit schwarzen Schuhen und noch schwärzeren Schnäuzen, sind für alles verantwortlich, selbst für das Toreschiessen in der Fussball-Nationalmannschaft.
Ehemalige Stumpenfabrikanten und gelübergossene Manager können sich alles leisten, bzw. sind für nichts verantwortlich. Enttäuscht seinen sie, sagten sie gegenüber den Wochenblättern, schuldig sind aber alle anderen –, diesmal nicht mit Schnauz, aber dafür schwarz von der Scheitel bis zur Sohle. Zehn Jahre nach dem Grounding der Swissair, das ist schon fast Ironie pur!

Dass es wirklich gefährlich zu und her geht in der Schweiz, demonstrierte das Parlament letzte Woche, das sich wie bereits geschrieben, im Herbst der Wahl stellen muss. Als einzige Armee derjenigen Welt mit BMI-Schnitt über 25, rüstet sie auf. Finanziell und personell wohlverstanden. Wären im Herbst keine Wahlen, ich würde die Kerle für verrückt erklären.

Das Zeitungsstudium ist noch lange nicht zu Ende, stosse ich auf ein Interview mit dem Schriftsteller Urs Widmer. Ein Linker!, höre ich einige Blogleser rufen. Ich teile diese Meinung nicht. Es gibt Leute, die die Etiketten «Links» und «Rechts» nicht interessieren, weil sie oben sind. Oben im Sinne von «den Überblick» haben, ohne Selbstherrlich zu sein. Urs Widmer ist so einer.
Über die grösste Partei der Schweiz, die sich angeblich für den «kleinen Mann» einsetzt, schreibt er im ZEIT-Interview: «Sie ist keine Partei, sondern eine Nebelmaschine. Der Nebel besteht hauptsächlich aus Kosovaren, die Schweizer aufschlitzen, und aus anderen fremdenfeindlichen Themen. Hinter dem Nebel machen aber einige, die selber sehr reich sind, eine Politik der Reichen. Das ist keine Politik des kleinen Mannes. Diese Vernebelung ist eine gefährliche Sauerei. Es geht um Macht. Die einzige Hoffnung ist hier, dass die Leute diesen Politikern nicht auf den Leim kriechen.»

In ein paar Wochen ist dieses Theater vorbei. Dann haben die Männer mit schwarzen Schuhen und schwarzen Schnäuzen wieder vier Jahre Ruhe. Ich mag es ihnen von ganzem Herzen gönnen.

Kommentare:

  1. In den vereinigten arabischen Emiraten werden naechsten Sonntag auch die Volksvertreter gewaehlt. Die Behoerden haben dabei bekannt gegeben, Kandidaten, die falsche Versprechungen machen, zu bestrafen!
    In der heutigen NZZ gelesen: Die Bezeichnung "Kandidat" stammt von "der mit weisser Weste"....
    Ich werde aus der Ferne trotzdem meine kleine Stimme abgeben.

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  2. Der Blocher ist ja nicht da, weil er selber auf's Podest gesprungen ist, die "richtigen Schweizer" haben ihn auf das Podest gehoben - leider. Darum gefällt mir auch der Schluss des Interviews mit Urs Widmer so gut:

    »Die Fantasie an die Macht«, hieß es 1968. Das war nie mein Satz. Um Gottes willen, nur das nicht. Stellen Sie sich vor, die Fantasie wäre an der Macht! Die Vernunft muss an die Macht. Allerdings eine Vernunft mit Flügeln, da gebe ich Ihnen Recht. Eine frei fliegende Vernunft, das wäre herrlich. Und man kann nicht sagen, dass eine solche Vernunft gerade in der Schweiz herrscht.

    Nicht gerade aufbauend, eher ernüchternd, aber ehrlich und wahr...

    Liebe Grüsse

    Urs

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  3. Hoi nff

    Mir fehlt hier die übliche Untermauerung anhand eines historisch, schweizerischen Videos (nicht ganz ernst gemeint). Hier ein kleiner Vorschlag:
    http://www.youtube.com/watch?v=IU6FklK_l5o&feature=youtube_gdata_player

    Gruss RB

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