Dienstag, August 16, 2011

Wochenloch – Halbjahresloch

Ungefähr einmal in der Woche schlägt es ein. Eine grosse Leere übermannt mich und ich weiss nicht recht, ob ich glücklich oder traurig sein soll. Es sind Momente, in denen ich nicht reden und nicht denken möchte. Die Spannung, die Unruhe, die Freude – alles auf einen Schlag weg. Dabei habe ich Minuten davor noch voller Energie gestrotzt, alles gegeben, mich voll konzentriert.
Ist die letzte Seite eines guten Buches gelesen, fühle ich mich, als ob ich mit einer Frau geschlafen hätte. Entspannt, schlaff, glücklich, leer.

Und dann – der Griff zum neuen Buch. Kann mich die Geschichte packen? Kann sie mich ablenken, zum Träumen verführen, vom Schlaf abhalten? Darum sind die ersten Seiten eines Buches so wichtig. Sie sollen Vielleser, Vielträumer und Geschichtenliebhaber abholen. Es ist die hohe Kunst des Verführend, wenn das letzte Buch in den ersten Sätzen des neuen vergessen wird. Das ist Literatur! Das ist Kunst!

Nun gibt es natürlich auch schlechte Werke von miserablen Schreibern. Die im letzten Beitrag vorgestellten Werke gehören definitiv NICHT in diese Kategorie. Ein Buch, oder genauer gesagt mehrere Bücher, die ich in den letzten Tagen in den Händen hielt, fallen aber leider in diese Sparte. Richtig, ich jammere wieder einmal über den anstehenden Check im Simulator.
Um an diesem halbjährlichen Happening zu genügen, kommt der sonst so arbeitsfaule Pilot nicht darum herum, die Flughandbücher wieder einmal hervorzunehmen.

Was habe ich oben geschrieben? Ein Buch soll den Leser auf den ersten Seiten packen, ihn in Träume verführen, vom Schlaf abhalten?!?
Die Flugbibel erfüllt diese Kriterien nur ungenügend. Erst auf Seite 33 beginnt das eigentliche Textbuch und diese Seite 33 präsentiert sich wie folgt:
Abkürzungen! Nichts als Abkürzungen!

Die Lust vergeht einem schon an diesem Punkt. Über 555 Seiten im ähnlichen Stil folgen. Leider Gottes beinhalten diese Schriftstücke Vorschriften und Abläufe, die ein Pilot in meiner Stellung wissen sollte. Unglücklicherweise ist das Buch weder flüssig geschrieben, noch verfügt es über einen spannenden Plot. Ab und zu schleichen sich jedoch Seiten ein, die ich bis ans Karriereende nie vergessen werde. Vorschriften, die selbst ich mir merken kann und will. So zum Beispiel diese:

Ich rede nur von Band 1. Band 2 und 3 sind noch schlimmer…

Ist die letzte Seite dieses Buches gelesen, fühle ich mich, als ob ich mit meiner Frau gestritten hätte. Gestresst, aggressiv, unglücklich, frustriert.

Dieses Halbjahresloch ist in meinem Beruf unumgänglich. Man gewöhnt sich nie daran, muss es aber ausstehen. Warum nur sind diese Bücher so langweilig, so trocken? Warum nur müssen sich zehntausende von Piloten weltweit mit der gleich öden Literatur herumschlagen? Vielleicht sollten sich die Leserratten, die Schreiberlinge und die Kreativen in der Airline-Branche zusammentun und die Wälzer neu verfassen, vertonen oder gar aufführen.
Wir Piloten sind in dieser Beziehung einfach zu konservativ. Was nicht in endlosen Schachtelsätzen und ohne Grafiken erklärt wird, kann nicht richtig sein. Auch Wichtiges bringt man selten auf den Punkt, sondern beschreibt es ganz unten am Kapitel in einer "Note".

Doch was rege ich mich auf. Laut einer Expertin brauchen wir Piloten gar keine speziellen Qualifikationen:


Nur noch 48 Stunden und dann ist mein Halbjahresloch überwunden. Ich kann mich dann wieder meinen Büchern widmen – glücklich sein – in Wochenlöcher fallen.

Kommentare:

  1. Den Piloten empfehle ich dem VGA beizutreten:-)
    Gruß aus Kt. Sz

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  2. Was mir hier besonders auffällt ist, dass du scheinbar mit vielen Frauen geschlafen, aber nur mit Deiner gestritten hast ;o)

    Allzeit gute Flüge und wer weiss, bis bald mal wieder...

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