Freitag, August 26, 2011

Small brother is watching you

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Aviatik wohl eine der meist überwachten und kontrollierten Industrien ist.

Passagiere merken das täglich, Crews noch mehr.
Hätte sich jemand vor Jahren noch über den Sicherheitsbeamten aufgeregt, der dem Kapitän in London ein Fläschchen mit Brillenreiniger konfisziert, ärgert sich heute die ganze Crew über den Kapitän, dass er sich so einen Fehltritt in seiner Position leistet.

Wir wurden hart erzogen und leisten aus eigenem Interesse kaum Gegenwehr. Schade – eigentlich Schade!

Ist die Flugzeugtüre einmal zu, lebt es sich fast wie im Paradies. Man haltet sich selbstverständlich weiterhin an Vorschriften und Verfahren, aber interessanterweise machen diese ab diesem Zeitpunkt Sinn. Involvierte Personen sind vom Fach und sowohl Lob als auch Tadel kommen aus sachverständigem Mund. Zumindest galt dies bis in die jüngste Vergangenheit.

Diverse Informationssystem ermöglichen plötzlich einem viel grösseren Teil der Bevölkerung Einblick in die Operation von Flugzeugen.
Ein Flugzeug über dem eigenen Haus? Kein Problem, mit dem Smartfon orten und Gesellschaft, Flughöhe und Reiseziel in Sekundenbruchteilen bestimmen. Die Besatzungsliste ist noch nicht verfügbar, kommt aber bestimmt mit dem nächsten oder übernächsten update.

Ist mein Gotti schon in New York gelandet? Nichts einfacher als das! Die Seite mit dem live Funkverkehr aufstarten und dabeisein, wenn der Pilot den Standplatz sucht.

Wie geht es dem Flugzeug indem meine Tochter sitzt? Hurtig bei den entsprechenden Twitter-Seiten einloggen und den Alarm abonnieren, der in Realtime informiert, wenn irgend wo auf der Welt ein Flugzeug einen Notfall deklariert. Während die schwitzende Besatzung mühsam versucht auf HF ein Mayday abzugeben, kriegt Herr Small-Man einen SMS-Alarm auf sein Flachfon und kann in Foren mitdiskutieren, um welches Problem es sich wohl handelt und ob der Pilot das Flugzeug noch sicher landen kann. Via Live-ATC analysiert die Small-Man-Gemeinde den Stresslevel der Pilotenstimme und postet das Sekunden später im YouTube, unterlegt mit Bildern vergangener Katastrophen. Radio und Farbfernsehen haben die Twitter-Meldungen auch abonniert und bombardieren die involvierten Stellen mit Fragen, noch bevor diese über den Vorfall informiert sind.

Hat der Pilot nach erfolgreicher Landung die Bremsen gesetzt, ist er im Internet schon über mehrere Seiten verurteilt, blossgestellt oder im besten Falle zum Helden erklärt worden – selbst wenn es sich beim Vorfall um eine Bagatelle handelte.

Informationsfreiheit hat seine Grenzen, vor allem wenn die Informationen in Hände fallen, die mit diesen nicht umgehen können.
Die besprochene Internetseite kann kaum aus dem Netz verbannt werden, obwohl es vielleicht sinnvoller wäre, sensible Echtzeitdaten zu verschlüsseln, als dem Kapitän die Brillenputzflüssigkeit zu konfiszieren.

Ich habe fertig!




Kommentare:

  1. Und wenn dann noch Internet und Telefonie von jedem Sitz aus angeboten werden, dann sind die jetzigen Horrorvisionen des NFF leicht zu übertreffen. Das Eco Galley Flight Attendant kann dann gleich noch dem bestzahlenden News Channel ihre Expertenmeinung live vie FaceTime abgeben.

    Eine "In-Seat Captain Restraining Device" ist bis dahin sowieso eingebaut und kann wahlweise von Homeland Security oder von der Anwaltskanzlei der Opfervertretung gleich nach dem Andocken remote ausgelöst werden. Quasi im Sinne einer sowieso berechtigten Vorverurteilung.

    M

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  2. small brother? I would say any kind of brother is watching!! Auch welche auf die ich in der Luft gerne verzichten möchte!! Von wegen PAX-Liste etc..
    Aber das ist halt der Preis, den wir für Fortschritt zu bezahlen haben.



    semper fidelis!

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  3. Das Problem ist eigentlich, wie ist der "Konsument" dem Flugverkehr gegenüber eingestellt?
    Und wie steht es mit seiner geistigen Reife?
    Tatsache ist, ihr übt euren Beruf nicht grade im Verborgenen aus. Ich selber habe das "Glück", in den Anflugvectoren von Düsseldorf und Dortmund zu wohnen. An schönen Tagen genieße ich es, mich auf dem Balkon zu räkeln, einen Laptop neben mir stehen zu haben und auf flightradar24.de zu sehen, wer grade über mein Anwesen lärmt.
    Nur ist es bei mir halt so, daß ich "ProFlug" eingestellt bin, ich bringe dem Flugverkehr über meinem Kopf das selbe Interesse und das selbe Wohlwollen entgegen, das ich auch dem Pizzabäcker meines Vertrauens entgegen bringe, während der den Boden meines zukünftigen Essens in die Luft wirft. Funkverkehr abhören ist in Deutschland leider verboten (in meinen Augen blödsinn), ein "Lauschangriff" über die Grenze hinweg lehrt mich aber auch: 99% des Geredes sind streng nach Vorschrift und stinklangweilig. Jedenfalls, wenn man kein ATC ist.
    Zusammengefasst: Solange ihr Riesengeräte für alle sicht- und hörbar durch die Luft tranportiert, werdet ihr Avioniker damit leben müssen, daß euch erhebliches Interesse entgegengebracht wird (Dein Bog lebt auch davon ;)). Dass es geistge "Lowperformer" gibt, welche sich in Internetforen um Kopf und Kragen diskutieren, das mag als Problem gesehen werden, wird aber oft durch die "Selbstreinigungskräfte" der Foren kompensiert und sollte von Qualifizierten nicht zu eng gesehen werden.
    Hier gibt es den Spruch: "Was kümmert es die Eiche, wenn sich ein Wildschwein an ihr reibt?"

    Wenn ihr also wollt, daß sich niemand für euer tun interessiert... schult um auf Tramfahrer oder noch besser->U-Bahn. Dummerweise müsste ich dann den Blog wechseln :)

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  4. http://www.flightradar24.com/#!/about.php

    Vielleicht sollte die SWISS einfach anderes Gerät fliegen. Dann ist nichts mehr nachvollziehbar. Und der geneigte Zuhörer des LIVE ATC ist in der Regel luftfahrtbegeistert und somit meist auch "Mitflieger". Ergo: er sorgt für Ihren Arbeitsplatz. Zum Glück gibt es in Europa die Freiheit des Arbeitsplatzes, d. h. jeder kann sich seinen neuen Arbeitgeber aussuchen wenn ihm der alte nicht mehr passt. Aktuelle Stellenanzeige finden Sie unter: http://www.fromtheflightdeckbook.com/

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