Mittwoch, August 24, 2011

Chocolate Route

Effizienz wird in der Fliegerei grossgeschrieben. Es wird gespart, optimiert, verbessert, wieder optimiert und noch einmal gespart. Ein ganz grosser Kostenfaktor in unserem Flugbetrieb ist der Treibstoff. Auch aus Umweltschutzgründen lohnt es sich, mit dem Rohstoff vorsichtig umzugehen.

Doch wie kann ein Pilot eigentlich sparen? Hier unterscheiden sich Auto und Airbus wenig. Je langsamer, je sparsamer.
Doch manchmal ist Vollgas dennoch angesagt, so auch gestern. Bereits bei ihrem ersten Flug am Morgen ist die arme HB-JLP in Brüssel hängengeblieben. Ein Gewitter verunmöglichte ihren Start zur vorgesehenen Zeit. Verspätung war die Folge und diese lastete auf der Operation wie eine Hypothek.

Dies spürten auch wir in Heathrow. Statt um 13 Uhr, rollte unsere Maschine erst vierzig Minuten später an den Standplatz 249. Das ist bis am Abend kaum aufzuholen, dachte ich im Stillen, habe dabei aber meinen innovativen Copiloten vergessen.

Eine gute Viertelstunde, nachdem die Fahrwerke im Schacht verstaut waren, murmelte der Copilot für mich unverständliche Sätze in das Mikrofon.

"Was hat Du gefragt?"
"Ich verlangte nach der Chocolate Route"

"Nach was?"
"Nach der Chocolate Route. Lass Dich überraschen!"

"Swiss 33D proceed direct BLM."

Hoppla, was für eine Abkürzung! Ein vorbildlicher Service der Anflugkontrolle in Zürich half uns noch zusätzlich. Stand der Verspätung nach dem London-Flug: 17 Minuten.

Am Boden brauchte es eine Aussprache mit dem Copiloten. Natürlich wollte ich wissen, was es mit der Schokolade-Route auf sich hat und er klärte mich auf. In einem der vielen Zentren der Luftverkehrsleitstellen in Europa gibt es einen Pausenraum, der regelmässig mit Schokolade gefüllt wird. Einer der Lieferanten sass auf dem Flug neben mir und das bescherte mir die ungewohnte Flugroute. Ob das immer klappe, fragte ich ihn. Leider nein, seine Antwort.
Einmal hätte die Lufthansa gefragt, ob es für sie auch so etwas wie eine Schokoladen-Route gäbe. Die Antwort des Kontrollers war ehrlich und brutal zugleich:
"Sorry, we don't like German chocolate…"

Zurück zu unserem Flug. Nächstes Teilstück: Flug nach Tegel. Ein Gewitter im Süden war für einmal hilfreich. Die Zelle stand so glücklich, dass wir statt des langen Anflugprozederes, direkt auf den Endanflug steuern durften und mussten. Der Copilot flog schnell, landete fein und wir parkierten um 19:06 am Standplatz Nummer 1.
Stand der Verspätung nach dem Zürich-Berlin-Flug: 1 Minute.

Dann das Rennen gegen die Zeit. Wenn in Zürich vor 21 Uhr gelandet werden kann, darf die Piste 14 benutzt werden. Nach 21 Uhr ist die Landung zwingend auf der 28. Plus 10 Minuten, plus 300kg Fuel. Da lohnt sich das Rasen!

Nach dem Start steht auf dem Bordcomputer, dass wir um 2106 Uhr landen werden. Mhhh… Eine Anfrage an Bremen Radar bringt Erleichterung. Wir dürfen abkürzen, und zwar gewaltig. Neue geplante Ankunftszeit 2103 Uhr. Den Kollegen bei Rhein Radar erkläre ich mein Dilemma. Sie koordinieren, telefonieren und ermöglichen einen Direktkurs Richtung Trasadingen. Neue geplante Ankunftszeit 2100 Uhr. Ui, das wird knapp! Eine kurze Nachfrage im Zürich bringt Entspannung: Wir werden die letzten auf der 14 sein. Mission accomplished! Viel Zeit und ungefähr 500kg Kerosin über den ganzen Tag gespart.
Stand der Verspätung beim Feierabend: -11 Minuten.

Wohin kann ich die Schokolade schicken?

Kommentare:

  1. Heja NFF

    Genau drum vermisse ich die Kurzstrecke so sehr... Wie du ja bestens weisst, machen wir auf der Langstrecke keine Gümpe für 300kg Fuel. Und die Verspätung holen wir sowieso oder eben gar nie auf. Und die Schoggi verputzen wir selber.

    Gruss, Greg (langsam und stetig schwerer werdend)

    PS: Kann es sein, dass Chinesen Chocolate nicht ausstehen können...?

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  2. Wir haben einen neuen Reiseblog und als Fan von deinem Blog möchten wir Dir diesen kurz zeigen. Danke für einen Besuch und vielleicht ein kurzes Feedback!

    http://tells-enkel.blogspot.com/

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  3. Wer mag schon Schokolade aus Deutschland ;-)

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  4. Spannende Geschichte! Wer kommt denn überhaupt als Konkurrent für die Chocolate Route in Frage? SN?

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  5. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  6. Denkbar wäre nun, dass wir die diversen ATC-Zentren dieser Welt mit weiteren CH-Top-Produkten beliefern: Frische Kuhmilch nach China (Freshmilk route), Grosslöchrigen Käse in die USA (Big hole Cheese route) oder Breitling und IWC Ticker nach Russland (Expensive watch route). Stellt euch vor, wieviel Sprit sich auf diese Weise einsparen liesse...

    Liest eigentlich HH hier mit...?

    Gruss
    Dide

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  7. und so schmilzt der traum vom schoogijob dahin... gibt den strafen vom konzern wenn man keinen sprit spart?

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  8. Danke für den Blog-Post, you made my day...
    ...oder, wie man(n) sich die Tränen vom Lachen aus dem Gesicht wischt.
    Wie schade, daß ich "Ritter Sport" mag ;-)

    user68

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  9. Hallo NFF

    Wir ATCOs in Wangen mögen alle gerne Schokolade:-) Einfach vorbeibringen! Danke. Wir garantieren, dass restlos alles verputzt wird:-)

    Liebe Grüsse
    Hopsy

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  10. …@ACC Wangen: ist notiert ;-)

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  11. Wohin mit der Schokolade?
    Na gerne zu uns, den Kollegen von RheinRadar aus der "EBG West" die das Trasadingen koordiniert haben *g*

    Obwohl man zugeben muss, dass da Langen nud Zürich auch mitgespielt haben :-)

    Die Adresse wäre die DFS GmbH Rintheimer Queralle 6 in 76131 Karlsruhe oder du meldest dich bei mir für nähere Details (RheinRadar@vorabend-einchecker.de)

    Weiterhin gute Flüge und danke für den Blog, sehr schön zu lesen!

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