Sonntag, Juli 17, 2011

von hinten

Einen Blogbeitrag schreibt man nicht unbedingt, wenn man etwas zu sagen hat, sondern wenn man gehört beziehungsweise gelesen werden möchte. Da spielt schon der Titel eine wichtige Rolle und dieser will sorgfältig ausgesucht sein.

Wobei auch das Wort sorgfältig etwas von seinem Glanz eingebüsst hat. Sorgfältig bedeutet heute, dass man es gegoogelt hat, was bekanntlich nur einige Millisekunden dauert.

"Von hinten" brachte 19'800'000 Einträge, "Rückenwind" nur deren 3'350'000. Die Wahl war einfach.

In meiner sehr kurzen Karriere als Kurzstreckenflieger, schlug ich mir schon zum zweiten Mal eine Nacht um die Ohren. Da fragt sich der geplagte EX-Langstreckenflieger natürlich, was das für einen Sinn macht? Wenn schon nicht schlafen, dann wenigstens an einem Strand angespült werden, wo man sich die nächsten paar Tage den Bauch bräunen kann. Nichts dergleichen, ein Flug Richtung Sao Paulo stand auf dem Programm.

Bei der Planung schöpfte ich die Kapazitäten der Tanks fast vollständig aus. Trotzdem mussten wir Stunden später – zu einem Zeitpunkt wo sich die Kollegen auf dem Flug nach Brasilien gerade den Baliklachs widmeten – für den Sinkflug anfragen. Porto hiess unser Reiseziel und der Grund für das viele Kerosin in unseren Tanks war nicht im Fernweh des Jungkapitäns zu suchen, sondern beim Wetter in der Stadt mit dem berühmten Süsswein.

Nebel herrschte vor und dazu gesellte sich eine steife Brise, die genau in der falschen Richtung wehte. Mehr Rückenwind als erlaubt auf der Piste, wo auch bei Nebel gelandet werden kann und viel zu wenig Sicht für die ungenaue Anflughilfe auf der gegenüberliegenden Seite.

Dank eines Planungstricks durften wir trotzdem legal in die Luft. Geplant wurde der Flug über Porto nach Lissabon (erster Ausweichflughafen) mit einer Ausweichmöglichkeit nach Faro (zweiter Ausweichflughafen), was natürlich die bestellte Treibstoffmenge ziemlich nach oben schiessen liess. Getreu dem Motto: "Fuel is your best friend", störte mich das wenig.

Die Destination kam näher und die Kollegen nach Sao Paulo verabschiedeten sich Richtung Südatlantik. Wir starteten unseren Anflug mit gemeldeten acht Knoten Rückenwind (erlaubt sind 10) und einer Sichtweite, die stark an den Sommer in San Francisco erinnerte. Der Automat landete das Flugzeug ganz passabel, was den Jungkapitän vor einer möglichen Blamage rettete. Mitlesende Piloten wissen genau, dass man bei einem "upslope" von 0.8% und einem Gleitwinkel von 2.7% nur verlieren kann.

Mit leichter Verspätung erreichten wir den Parkplatz und verabschiedeten die verwirrten Gäste, die sich unter Sommerurlaubswetter vermutlich etwas anderes vorgestellt haben.

Porto bei Nacht im Vollmondlicht


Zurück flog der Copilot und ohne zu übertreiben muss betont werden, dass er viel sanfter landete als der Automat von Airbus. Rückenwind hatte es auch in Kloten, aber das ist ja bekanntlich zu jeder Tageszeit und auf jeder Piste normal.
Der Copilot hatte übrigens einen interessanten Werdegang. Er verdiente seine Brötchen vor der Fliegerei als Bläser – Waldhornbläser um genau zu sein – in einem Opernorchester irgendwo in unserem nördlichen Nachbarland.

Auch dieser Satz wird mir wieder viele Besucher bescheren…


Anmerkung: vielleicht sollte man nach einem Nachtflug nicht bloggen…

Kommentare:

  1. …wenn die Piste ansteigt

    AntwortenLöschen
  2. Aha, dann hatte ich euch auf der Frequenz auf 135.675 (Sektor West) :-)

    AntwortenLöschen
  3. Bitte benutze nicht solch fiese Wörter wie Waldhornbläser.

    Da kannst du uns Hornisten (wie wir bevorzugt genannt weden) auch gleich, wie manch gemeiner Dirigent, "Hörnchen" nennen :-(

    AntwortenLöschen
  4. Äxgüsi, nicht absichtlich geschehen.

    Doch ich kann Dir nachfühlen, auch ich wurde in den letzten 17 Jahren ständig gefragt, wann ich endlich ein richtiger Pilot werde…

    AntwortenLöschen