Montag, Juni 13, 2011

Sechstagerennen


Mein erstes Zürcher Sechstagerennen habe ich hinter mir. Sechs Tage rauf und runter, sechs Tage 04:30 Uhr aus den Federn und sechs Tage Kampf um jede Minute – und das ganz ohne Doping, dafür mit viel Koffein.

In Paris war ich, in Nizza auch. Die Schwedinnen habe ich mal live getroffen und nicht nur in der IKEA. In Wien gab es in der Pause Apfelstrudel mit heisser Vanillesauce und am Abend in Rom eine Pizza Napoli. In Lissabon habe ich neuerlich (und vergeblich) versucht sanft auf der Piste 03 zu landen und am Tag darauf flog ich gegen die Deutsche Charterflotte einen Luftkampf um einen Landeplatz in Palma de Mallorca. Zum Abschluss besuchte ich gestern die Kollegen in Genf und flog danach noch «expeditivo» nach Valencia und zurück.

In diesen sechs Tagen arbeitete ich 52:39 h, war 29:51 h in der Luft und war bei 18 Starts und Landungen zuvorderst mit dabei. Ich habe schätzungsweise 2000 Passagiere begrüsst, fünf Copiloten verbraucht, 20 charmante Flight-Attendants kennengelernt und zehnmal in drei Sprachen erklärt, warum wir noch nicht starten dürfen.

In den sechs Tagen hat meine Handpressomaschine einen Kolbenklemmer produziert und der Chef in der Sonntagspresse ein Interview gegeben, wie schwer das Jahr 2011 doch werden würde (das haben die Chefs schon 1992, 1993, 1994, 1995, 1996, 1997, 1998, 1999, 2000, 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2007, 2008, 2009 und letztes Jahr gesagt, wobei man fairerweise sagen muss, dass sie 2001 Recht hatten).
Ein Sicherheitsbeamter hat mich wegen eines Brillenputztuchs im Hosensack gerügt (ja, die geben in der Piep-Maschine an…) und ein Passagier wegen drei Minuten Verspätung angeschnauzt. Die Passagiere von Paris haben den Handgepäcksweltrekord gebrochen und die Station in Valencia den kürzesten Turnaround hingelegt.

Das nächste Sechstagerennen steht schon vor der Tür, ich muss mich erholen.

Bis bald.

Kommentare:

  1. Danke, dass du uns trotz allem gestern auch noch sicher von Genf nach Zürich gebracht hast ;-)

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  2. … nicht nur sicher, sondern auch in der richtigen Klasse – oder?

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  3. Als ich den Titel gelesen habe dachte ich zuerst an eine Durchfallerkrankung.
    Wir leben ja im EHEC-Zeitalter...

    "Tweety"

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  4. Aber gell, die Besatzungen sind jung und frisch, öfters mal für ein gemeinsames Essen zu haben (wenn die Energien denn reichen) und die Tage vergehen wirklich wie im Fluge. Aber eben, nach 6 Tagen gibts selten mehr als 3 Tage frei und um 4:30 aus den Federn Tag für Tag, dafür sind wir eigentlich auch nicht gemacht.

    Trotzdem weiterhin noch viel Vergnügen und lass uns wissen wenn du genug von den Begrüssungen hast. Captains die das noch mitmachen sind extreem selten.

    Gruess, Severin

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  5. Sechs Tage Rennen? Und das bei einem Legacy Carrier? Das geht ja nicht mal bei der "deutschen Charterflotte", da ist nach maximal 5 Tagen Schluss. Ach ja, Charter ist das in PMI auch nicht mehr, ist ein kleiner Hub, wenn man da in den Rush gerät hat man echt Pech gehabt ;)

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  6. Mit der deutschen Charterflotte kämpft man aber nicht nur in der Luft über Palma, sondern auch in Nürnberg am Boden. 24 Minuten lang durfte ich in der HB-LUO am Holding-Point stehend einem nach dem anderen beim Take-Off zuschauen. Kommentar vom TWR: "Ja das hier ist ein *** ******-Drehkreuz, da müssen Sie mit sowas rechnen!" Danke auch...

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  7. Genau dasselbe über die Schwarzmalerei des Chefs haben wir auf dem Rückweg von PVG auch gesagt :-D

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  8. Der Luftkampf um Palma, herrlich! Wie sagte doch der englische Kommentator an der letzten WM: "They are all over us. Again!"

    Aber um apolitisch zu bleiben: Dass du dann noch die Energie hast, mit der Crew ein Restaurant zu besuchen, bewundernswert. Vermutlich siegen die Grundbedürfnisse des Körpers halt doch über die akkumulierte Müdigkeit. Und die jungen und frischen Besatzungen motivieren einen halt auch a Bisserl...

    M

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  9. Danke für diese herrlichen Einsichten in den Pilotenalltag. Ein wirklich tolles Blog.
    Es ist aber als Passagier auch immer wieder schön zu sehen, wenn ein Pilot seine Gäste tatsächlich noch selbst begrüßt :)
    Was ich mal nebenbei fragen wollte. Führst du über deine Flüge buch mit (openflights zum Beispiel) damit du weißt wie weit du schon geflogen bist oder interessiert das einen Piloten eher weniger?

    Grüße
    Spunkt

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  10. @severin: das mit den Begrüssungen macht mir echt Spass. Manchmal lustig, manchmal bedenklich, was man da sieht...

    @Denti: Es geht noch viel mehr und es ist an uns, diesen Wahnsinn zu stoppen.

    @G!: Jammern können sie die Meister der Teppichetage!

    @M: Essen und Trinken muss sein. Ich bin froh, dass mich die Kolegen mit Jahrgang 90 und so noch mitnehmen!

    @Spunkt: Eigentlich macht das die Firma für uns. Doch seit ein paar Jahren mache ich das wieder. Wir kommen heute näher an die gesetzlichen Limiten als uns lieb ist und das muss überwacht werden.
    nff: 12000 Flugstunden

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  11. wieviel Tage hat man denn nach so einem "Sechstagerennen" frei?
    Hat man denn genug Zeit für Familie oder reicht die freie Zeit gerade dazu aus sich für den nächsten Turn auszuruhen?

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  12. ... ein Arbeitstag gibt 0.5 Freitage, unabhängig der Belastung. Sechs Tage Arbeit sind gut für 3 Ruhetage, usw.

    Das Sozialleben leidet schon. Steht man sechs Mal um 0400 Uhr auf, dann fallen die Augen am Abend um 20 Uhr zu. Nicht immer zur Freude der Gattin.

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