Mittwoch, Juni 22, 2011

Russisches Donnerwetter


Flüge auf der Kurzstrecke beginnen eigentlich immer gleich. Aus der Ecke der Planungscomputer gesellt sich der Copilot mit einem Bündel Papier an den Tisch und der Kapitän versucht die gut gefüllten Kaffeebecher nicht zu verschütten, die er vorher bei der rentabelsten Kostenstelle der SWISS (dem Kaffeeautomaten) erstanden hat.

Meistens folgt dann die Frage an den Copiloten, was er fliegen möchte. Ausser das Wetter spielt verrückt. Beim letzten Flug nach Moskau riss ich das Teilstück Richtung Osten an mich. Nicht dass ich das besser könnte als mein junger Kollege (das Gegenteil ist der Fall), aber den Rapport muss ich in Gottesnamen schreiben, dann kann ich auch gleich selber fliegen.
Das Wetter präsentierte sich etwa folgendermassen: 250/18-22 TS 1800 BKN010 TSRA TEMPO VRB45 +TSGR 0500. Für nicht Aviatiker: das Wetter war richtig Scheisse, der Flugplatz wegen Gewitters temporär geschlossen.

Wir entschlossen uns den Flug über Moskau zu planen, mindestens einen Durchstart abzudecken und einen Ausweichflughafen weit ausserhalb des russischen Einzugsgebiets in die Rechnung miteinzubeziehen. Gesagt getan, fast 17 Tonnen Treibstoff landeten in unseren Tanks, was in Genf ein besonderes «Briefing» zur Folge hatte. Weder ich (4 Monate Erfahrung auf der A320) noch mein Copilot (2 Jahre Erfahrung auf der A320) konnten sich erinnern, dass sie jemals Treibstoff in den mittleren Tanks hatten. Wieviel Staub da wohl rumliegt? Im Steigflug werden wir es wissen, ab ungefähr 4000 Metern wird von den Aussentanks auf die mittleren Tanks umgeschaltet und das Kerosin von dort genommen. Um es vorwegzunehmen: natürlich passierte nichts. Es geht nichts über gut gepflegtes Fluggerät!

Unser kleines Wunderding, mit dem wir Wetter aus der ganzen Welt bestellen können, war an diesem Tag im Streik. Das heisst wir konnten nichts bestellen, dafür aber empfangen. Der Defekt wurde von der Technik bestätigt, was uns veranlasste das Ding gar nicht zu initialisieren. Als wir Zürich überflogen, vereinbarten wir mit der Flugplanungsstelle, dass sie uns eine Stunde vor der Landung die neusten Wettermeldungen zustellen. Alles organisiert: es herrschte Gemütlichkeit.

Moskau kam näher und da war weit und breit kein Gewitter. Kleine Cumuli da und dort, aber nichts Beängstigendes. Die Landung war unproblematisch, die Bodenabfertigung auch. Nach 40 Minuten rollten wir wieder zum Start und staunten, was sich uns da präsentierte. Wo vorher kleine Wölklein am Himmel tanzten, standen jetzt Riesen von Gewitterzellen. Nichts wie weg!

Nach dem Start gab uns der Kontroller auf der dritten von ungefähr zehn Flugfrequenzen im Steigflug die Generalvollmacht um den Zellen auszuweichen. Ein Novum für mich, habe ich doch in den letzten 15 Langstreckenjahren so quasi als «running Gag» den Moskauer Kontroller immer mit Abkürzungswünschen genervt, die auch prompt abgeschmettert wurden.
Das Radarbild präsentierte sich violett-rot, die Passagiergesichter weiss. Mein Copilot navigierte gekonnt um die Gewitter herum und ich informierte die Gäste, warum es erst in ein paar Minuten den ersten Wodka gibt. Ich muss zugeben, dass mir die Flugzeuge mit Destination Moskau leid taten. Was die wohl noch erwartete?

Der lange und interessante Tag fand seinen Abschluss mit einer Landung bei schönstem Wetter auf der Piste 14 in Zürich. Mit 8 Knoten Rückenwind – what else… ?

Kommentare:

  1. Ihr wisst doch gar nicht wie ihr bei uns mit Headwind landen müsstet...

    TWR Mädel

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  2. MAYDAY MAYDAY MAYDAY – THIS IS SWISS 54TLQ – WE HAVE TO LAND ON 14 WITH UNEXPECTED HEADWIND – REQUEST FIRE BRIGADE ON STAND-BY

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