Donnerstag, Mai 19, 2011

gestreckte Glieder

Aus dem Piemont sei er, gibt er in fliessendem Italienisch von sich. Minderjährig, dafür aber knackig und wild. Ich gönne mir diese kleine Sünde und strecke meine Glieder. Herrlich so verwöhnt zu werden. Ich bleibe passiv, er verwöhnt meine empfindlichsten Stellen. Mmmmh, dieser Wein ist fabelhaft: etwas Sangiovese, eine Prise Merlot – wunderbar.
Endlich habe ich wieder Zeit, den Flaschenvorrat im Keller ohne schlechtes Gewissen zu dezimieren. Vorrat habe ich mir nach Aushändigung des vierten Streifens genug angelegt. Schliesslich stand am Freitag noch eine Party an und – glauben sie mir, dies braucht bedeutend mehr Rebenreserven als ein spontanes Kapitänsfest – soll der Wüstenfuchs bald wieder im Land sein.
Bevor ich erste Kapitänsgeschichten zum Besten gebe, muss ich mich noch bei Volkswirtschaftsminister Schneider-Ammann entschuldigen. Der Einbruch des BIP am letzten Donnerstag/Freitag ist erklärbar. Die Leser meines Blogs haben die Arbeit ruhen lassen und mir die Daumen gedrückt, wofür ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte.
So, jetzt zu meiner neuen Rolle. Es ist ja nicht so, dass alles anders wäre, aber irgendwie ist trotzdem alles anders. Bei Problemen schaute ich als Copilot nach links. «Was macht der Alte jetzt? Hat er eine Idee?»
Schaue ich jetzt nach links, sehe ich den Ramper, den Coordinator, den Mechaniker und einen Haufen anderer wichtiger Leute, deren Funktion ich im Moment noch nicht kenne. Alle scheinen sich zu fragen, was der Alte jetzt wohl macht? Und der Alte bin ich!
Ja, das ist wirklich neu. Doch glauben sie mir, ein wichtiges Gesicht, kombiniert mit meinen 196 cm Länge und dem bescheidenen Gewicht von leicht über einem Zentner, lösen Probleme fast von alleine. Aufpassen muss man nur, dass man als Jungkapitän nicht Teil oder gar Ursache des Problems ist.
So auch am Final Check.
Ich wusste, dass wenn ich keinen Bock schiesse und den ersten Tag mit guter Leistung über die Bühne bringe, ich am Abend die vier Streifen in Empfang nehmen und zusammen mit der Crew in Barcelona feiern kann. Das ist doch ein Ziel – oder?
Zürich-Düsseldorf-Zürich-Barcelona, das mein Programm am wichtigsten Tag meiner Pilotenlaufbahn.
Erster Steckenabschnitt: kein Problem. Saubere Planung, kein Gewitter, fabelhafte Landung, souveräne Boden-Operation.
Zweiter Streckenabschnitt: Starke Gewitter in Zürich. Da ich keine Angst vor vollen Tanks habe, war auch dieses Hindernis ein kleines.
Dritter Abschnitt: Flugzeug nicht da, warten, Verspätung. Als Kommandant muss ich die Prozesse beschleunigen, ohne die Leute wütend zu machen. Gelingt mir dank Schweizer Schokolade ausgezeichnet. Auch das geschafft. Die Gäste steigen geladen ein, wollen eine Erklärung. Ich erläutere, erkläre, organisiere, schlichte. Das alles ist notwendig bei 15 Minuten Delay. Wir spinnen in unserer Gesellschaft komplett, doch das ist ein anderes Thema. Mitten im grössten Tohuwabahu steckt mit die Kollegin der Kabine eine Banane zu, die ich zwischen Düsseldorf und Zürich bestellte. Nicht der beste Augenblick, aber nett gemeint.
Die Banane verschwindet im Cockpit, ich in der Businessklasse.
Endlich kommt das Ladeblatt, endlich die Abmeldung vom Gate. Der Slot ist noch zu machen und ich schnalle mich an. CHECK BEFORE ENGINE START - und los gehts.
Knapp über der Limite und unter dem Grüezi (Swiss Piloten wissen was ich meine) rollte ich dem Slot-Ende entgegen.
Freigabe, Hebel nach vorne und GO!
Bei Gear-up bedankte sich mein Allerwertester für den weichen Untergrund, beim Einfahren der Landelichter störte sich mein Schritt ob der ungewohnten Feuchtigkeit und beim Beschleunigen auf 320 Knoten realisierte mein Hirn, dass ich mich wohl auf die reife Banane gesetzt hatte. Und das am Final-Check auf einem fast fabrikneuen Flugzeug…
An den Hosen prangerte ein weisser Fleck, der sich über meinen ganzen Arsch verteilte. Der Sitz war voller reifer Südfrucht-Mus und der Instruktor kugelte sich im Cockpit vor Lachen. Diskret verschwand ich im Klosett, reinigte in den Unterhosen meine Uniform und versuchte das gut hörbare Lachen hinter der schusssicheren Tür zu ignorieren. Bis Top-of-Descent war auch der Sitz wieder einigermassen sauber.
Gelandet sind wir sicher, gefeiert haben wir auch und am nächsten Morgen nahm ich auf einem sauberen Sitz platz und liess mich vom Instruktor nach Zürich fliegen.
Lesson learned:
Die Banane gehört, auch wenn sie noch so reif ist, nicht auf einen Kapitänssitz. Auch nicht am Final Check – nein, auch am Final Check nicht.

Kommentare:

  1. Die Zeit des Hosenrunterlassens war offenbar doch noch nicht ganz zu Ende ;-)

    TWR Mädel

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  2. Herzlichen Glückwunsch. Jetzt sind sie einer von denen, die einen "kennen der lesen und schreiben kann".

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  3. ...und ich war stets der Ansicht, für Jungkapitäne gelte absolutes Bananenverbot...

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  4. Lieber die Banane plattsitzen, als auf der Schale ausrutschen ;-)

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  5. entschuldigung, aber der muß sein:

    das zeichnet den kapitän aus:
    -lesen
    -schreiben
    -rechnen
    -(und jetzt:) richtige anwendung von bananen

    :-)

    gruessle! und herzlichen glühstrumpf!!!

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  6. Auch wenn es etwas verspätet ist: Herzlichen zum vierten Streifen und immer sichere Flüge! :)

    Ein Tipp: Nimm das nächste Mal einen Apfel, die spürt man deutlicher unter dem Allerwertesten wenn man sich draufsetzt ;)

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