Samstag, Mai 21, 2011

8 Kilogramm

Zu den Freuden meiner neuen Ausgabe gehört es auch, die Fluggäste beim Ein- und Aussteigen zu begrüssen. Ein «guten Morgen» da, ein «bonjour» hier und hie und da auch ein «Grüezi». Ich mache das nicht ungern, denn so sieht man, wen und vor allem was man transportiert.
Schon nach kurzer Zeit als Kurzstreckenpilot durfte ich so zum Beispiel erfahren, dass das Leben in Nizza ein ganz schweres sein muss. Die Leute lachen nie und scheinen unter ihren Sorgen und dem Handgepäck sehr zu leiden. Oder die Morgenflüge nach Deutschland. Vollgestopft mit Geschäftsreisenden, die sich gewohnt sind Effizienz zu predigen und das zu meiner Verwunderung an Bord auch leben. Bei diesen Flügen kann man durchaus auch einmal etwas harter landen. Manager sind sich gewohnt, dass alles was sie nicht selber machen per se nicht perfekt sein kann. Nicht vergessen darf man auch die Hüpfer nach Paris. Wer freiwillig eine Stunde vor Abflug eincheckt, unzählige Sicherheitskontrollen über sich ergehen lässt, noch einmal über eine Stunde im Flugzeug sitzt (wobei man den grössten Teil damit verbringt, über die kilometerlangen Rollwege von CDG zu holpern), durch die unendlichen Weiten vom Flughafen Charles de Gaulle wandert, auf die RER wartet, stehend eine Dreiviertelstunde durch die Banlieus pendelt und dann ohne einmal eine Viertelstunde in Ruhe ein Buch gelesen zu haben, völlig ausgelaugt und verschwitzt am Hotel ankommt, der liebt das Fliegen wirklich. Mit dem TGV dauert die Reise vom Zentrum Zürich ins Zentrum von Paris übrigens genau fünf Stunden, was in etwa reicht um einen dünnen Roman zu lesen – aber vielleicht sollte ich das als Pilot so nicht propagieren. Aus diesem Grund sind die Passagiere nach Paris gar nicht so schlecht wie ihr Ruf.
Egal ob Tscharrrrrter (Charter) oder Linie, eines haben alle Reisenden gemeinsam: das überdimensionierte Handgepäck. Ich frage mich wirklich, warum die Fluggäste so liebend gerne Tonnagen durch die Abflugshallen tragen, wenn die Angestellten ihnen das abnehmen, kostenlos zum Flugzeug tragen, dort in klimatisierten Räumen zwischenlagern und nach der Landung hinter die Schützengräben der Passkontrollen liefern? Angst vor Verlust kann es nicht sein, denn das Gepäck ist nirgends so unsicher wie in der Kabine! Oft kann der Passagier sein «carry on baggage» nicht in einsehbaren Bereich zwischenlagern. Dann liegen Pass (unangenehm), Geld (sehr unangenehm), Handy (egal) und iPad (Katastrophe!) ungesichert und unbewacht in irgendeiner Hutablage über irgend einem unbekannten Menschen. Und wenn der böse Kapitän ihnen das Handgepäck aus Platzgründen abnimmt und mit einem handgeschriebenen Label in den Frachtraum verdammt, können sie nur noch beten. In diesem Fall kann das Gepäck nämlich aus logistischen Gründen nicht «durchgechecked» werden und sie müssen vor dem nächsten Weiterflug ihr «carry on baggage» auf dem Rollband suchen gehen. Alles sehr unangenehm.
Der Stauraum heisst wirklich noch Hutablage und ist auch so konstruiert. So eine Hutablage muss so stabil gebaut sein, dass im Falle einer königlichen Hochzeit die Hüte der Gäste sicher transportiert werden können. Untersuchungen haben ergeben, dass das Durchschnittsgewicht dieser Hüte bei Kate & Bill‘s Hochzeit so um die 8 Kilogramm betrug. Nicht von ungefährt ist das Gewicht des Handgepäck für nicht royale Hochzeitsgäste auf eben diese 8 Kilogramm begrenzt. Und das hat gleich mehrere gute Gründe: Erstens finden dann alle Passagieren über ihren Köpfen Platz für ihr mitgebrachtes Hab und Gut, zweitens schmerzen 8 Kilogramm weit weniger, wenn sich die Klappen der Gepäckablagen bei schweren Turbulenzen (kann durchaus vorkommen) öffnen und sich die Mitbringsel über die Sitzreihen verteilen und drittens macht das Reisen mit leichtem Handgepäck viel mehr Spass.
Leute mit leichtem Gepäck kommen besser durch Leben!

Kommentare:

  1. Vielleicht hast du den film " up in the air" gesehen, da wird das mit dem handgepäck und der freude am leicht reißen sehr genau gezeigt. Solltest du dir unbedingt mal ansehen
    Lg aus Wien

    TB

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  2. Reisen selbstverständlich mit "S" =)

    T.B.

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  3. Hallo NFF,
    ich habe mein Handgepäck noch nie gewogen. Ich habe aber immer nur ein Flightkit mit an Bord, in dem sich mein "Büro" + iPod befindet.
    Mein "normales" Reisegepäck gebe ich immer - aus den von Dir ausgeführten Gründen - auf. Warum soll ich mich mit meinem Koffer abmühen, wenn das auch andere für mich machen können. Zumal es mich nicht einen Cent mehr kostet...

    Viele Grüße,

    Ingo.

    P.S.: Warum ist bei diesem und dem "Bananen-Artikel" die Schrift auf einmal so klein?

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  4. Ich bin letzte Woche seit langem mal wieder Swiss geflogen (NUE-ZRH-ARN und zurück), als Geschäftsreisender, einmal als solcher erkennbar, beim Rückflug sah ich aus wie ein Tourist.

    Ich fand es total sympathisch, dass der Pilot die Passagiere beim Aussteigen verabschiedete. Kompliment, das erlebt man so selten.

    Das mit dem Handgepäck versteht keiner... Dein letzter Satz hat was philosophisches - und stimmt: Mit leichtem Gepäck kommt man viel besser durchs Leben. Manche müssen das noch lernen. Vor allem diese pseudo-perfekten Manager. ;-)

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  5. In Nizza heisst das doch nicht Handgepäck, sondern Louis Vuitton ;-) und eigentlich bräuchte das gute Stück einen eigenen Sitzplatz, denn als Monsieur Vuitton hat man nichts an den Füssen verloren und über dem Kopf schon gar nicht %-)

    PS: Die Schrift ist wirklich sehr klein oder liegt das meinen greisen Augen ;-)

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  6. Aber Sie sind sicher noch nicht von/nach ATH bzw. SKG geflogen! Dort erlebt man sehr gut wie subjektiv Gewicht und vor allem Zahl der mitzunehmenden Gepäckstücke verstanden wird!

    Ich frohe mich sehr, dass es wieder ein blogender Swiss Pilot auf der Kurzstrecke gibt und jetzt sogar als Kapitän!

    Viele Grüße,
    Theodor

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  7. Ich bin Flugbegleiterin und was soll ich sagen, du schreibst mir aus der seele :-D

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  8. Als ich letztens lediglich mit nem Roman in der Hand ins Flugzeug kam (FRA / TXL) hat mich sogar das Personal komisch angeschaut. Geschweige denn die an der Sicherheitskontrolle...

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  9. "Leute mit leichtem Gepäck kommen besser durch's Leben"...

    Ein leichtfüssiger Beitrag;
    super Lese!

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  10. Ich fliege seit längerem praktisch wöchentlich ZRH-BUD-ZRH sowie zwischendurch auch immer mal wieder ZCH-STR-ZRH. Dabei kann ich das beschriebene jedes mal aufs neue beobachten. Was die Leute – zum Teil auch die ach so fluggewandten Manager - alles mit sich schleppen ist einfach unglaublich. Manchmal kann ich mir ein lächeln einfach nicht verkneifen. Besonders lustig ist es im Jumbolino, wenn die Leute völlig entgeistert vor den „flachen“ Hutablagen in Reihe 8 stehen und nicht wissen, wie sie Ihre mindestens 8 Kilo verstauen sollen…
    Leider fliege ich anscheinend die falschen Strecken :-( hätte mich gefreut mal mit dem bloggenden Kapitän zu fliegen.

    PS: Herzlichen Glückwunsch zum Kapitän und danke, dass der Blog nun wieder weiter geht!

    Herzlichst Sini

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  11. ich kann sini bezüglich des Jumbolinos zur zustimmen. Besonders lustig war die Sache mal am Donnerstag Abend von LCY (=nur Banker) nach Basel. Ein "Manager" hat den Abflug fast 10 Minuten aufgehalten, weil er partout sein Gepäck nicht einchecken oder gar - böse, böse - als Gate checked aufgeben wollte. Am Ende hat nur die unmissverständliche Drohung des Kapitäns geholfen, dass er dann halt in London bleiben muss.

    Nebenbei: Bei aller Kritik an europäischen Mitreisenden, in Amerika ist die ganze Sache nochmal deutlich verschärft. Da nützen anscheinend auch die zwei kostenlosen Gepäckstücke (z.B. bei Southwest) nichts mehr - schade!

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  12. Was auffällt ist, dass die Schrift jetzt auch etwas grösser geworden ist. Angepasst an die Wichtigkeit und an die erhöhte Verantwortung, die der Job des Jungkapitäns mit sich bringt?

    M

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  13. ja das mit dem Handgepäck, ich pers. kaufe nur leichte Taschen (und fülle sie mit leichtem Inhalt), dessen Abmessungen weltweit für Handgepäck taugen und habe stets ein Auge drauf. Aber wenn ich so manch andere sehe, die teilw. sogar mit 2 Gepäckstücken dann ankommen finde ich das schon irgendwie assozial. Vor allem wenn Sie dann nachdem sie 10 Min. alles verstaut haben nochmal aufstehen und irgendwas suchen und nochmal den Verkehr aufhalten ... naja, für meine europaweiten Reisen nehme ich fast nur noch mein Auto und fliege nur in Notfällen ... ; die Sache mit Paris Flug nach CDG spricht mir aus der Seele, nächstes Mal auch lieber TGV oder Auto :-) liebe Grüße j

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  14. Mein Gepäck ist immer am Limmit. Zu oft habe ich schon gehört, dass mein Gepäck doch das kleinere sei und ich es bitte zu den Füssen nehmen soll...
    :-D

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  15. Warum ich möglichst viel Gepäck mit in die Kabine nehme? Weil Ihre Kollegen am Boden es zu häufig verschlampen. Oder mir Dinge daraus stehlen.

    Es heißt nicht umsonst, man würde sein Gepäck "aufgeben".

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