Donnerstag, Mai 26, 2011

der neue Berg

Eine Lesetipp für alle Leseratten: Der neue Berg von Franz Hohler. Der Autor beschreibt süffisant und messerscharf, wie Politik, gesellschaftliche Zwänge und sonstige Seilschaften das Leben in einer Schweizer Gemeinde beeinflussen.

Jetzt fragt sich der Leser natürlich, was dieses Thema mit der Fliegerei zu tun hat? Mehr als sie meinen! Wie im Buch von Franz Hohler beschrieben, schiesst auch im aviatischen Umfeld jedes Jahr ein neuer Berg aus dem Boden. Nicht wie im Werk Hohlers mitten in der Schweiz, aber doch nahe genug, damit sich studierte Leute über mögliche Folgen Gedanken machen können.
Hiess er letztes Jahr Ejadingsbums, nennt er sich heuer Grimskram – oder so ähnlich. Vulkane sind für die Flugzeuge nicht lustig, da sind sich Piloten einig. Staudruckrohre werden verstopft, Scheiben verklebt, Triebwerkschaufeln verschwefelt und andere gemeine Sachen mit dem Arbeitsgerät angestellt.

Piloten reagieren auf die Aschewolken ähnlich wie auf Gewitterzellen. Wir umfliegen sie. Doch hier beginnt unser Problem. Ja wo ist sie dann, die gemeine Aschewolke? Sehen können diese höchstens die isländischen Kollegen, die sich im Moment aus Mangel an Arbeit auf ihren Motorbooten tummeln. Hier in Europa tappen wir nicht im Dunkeln, sodern im eitel Sonnenschein bei Sichweiten von mehreren hundert Kilometern.

Da sind wir auf die Wissenschaft und die Politik angewiesen. Doch leider sind sich die beiden Parteien zwischeneinander und untereinander nicht immer ganz einig. Eine Aschewolke in Europa, die man nicht sieht, scheint gefährlich, eine radioaktive Wolke in Japan, die man übrigens auch nicht sieht, absolut ungefährlich. Ich bin angewiesen auf Fachfrauen und -männer, denn meine physikalische Grundausbildung ist schon Jahre her. Ich bin auch froh, dass sich Personen mit Doktorwürde Gedanken machen, ob sich im wolkenfreien Himmel nicht doch so eine gemeine Wolke versteckt.

Ich habe Vertrauen, genauso wie die Leute in Hohler Buch oder die Bürger im alten Rom.
«Legis virtus haec est: imperare, vetare, permittere, punire.» Die Eigenschaft des Gesetzes ist jene: Befehlen, verbieten, erlauben, bestrafen.

Montag, Mai 23, 2011

PAX APPs

Smart Phones – wer mag sich noch daran erinnern, wie es früher ohne diese Dinger war? So ganz ohne APPs, WiFi, 3G und wie die Fachwörter noch alle heissen. Damals, als wir noch Papier und Stift missbrauchten, um einer Holden eine Nachricht unter der Hoteltüre hindurch zu schieben und zu hoffen, dass auf der vielleicht eintreffenden Antwort etwas anderes als Arschloch stand. Das waren noch Zeiten!

Doch ich will nicht die alten Tage heraufbeschwören, sondern gestehe, dass ich genau so ein Süchtiger bin wie alle anderen.
Womit wir bei den APPs wären. Diese kleinen Programme, die wir für gar kein oder wenig Geld herunterladen können und die uns dann Dinge sagen, die wir längst wissen. In farbige Quadrate verpackt werden sie feilgeboten und auf dem Glas-Telefon mit viel Sorgfalt geordnet und verwaltet.

Neben vielen unnützen, gibt es auch einige ganz praktische, die ich an dieser Stelle nicht vorenthalten möchte. Da Passagiere unentwegt auf ihre kleinen Helferchen starren, möchte ich ihnen aus dem Blickwinkel des Jung-Kapitäns einige dieser Helfer näher bringen. Diese sind aus meiner Sicht für den täglichen Kampf um Handgepäckleerräume (ein herrliches Wort!), Sicherheitschecks und anderen Unzulänglichkeiten im und um die Flughäfen in aller Welt unersetzlich.

Meine Hitliste:

Samstig-Jass (gratis): Bei Warten am Security-Check kann man bequem einen Schieber machen.

Runkeeper (gratis): Speichert die Route und errechnet die Kalorien, die man beim Joggen zum Gate in Wärmeenergie umgewandelt hat.

Google-Translater (gratis): Übersetzt die gängigsten Schimpfwörter in unzählige Sprachen. Das zu übersetzende Unwort kann ins Mikro gesprochen werden und der eingebaute Lautsprecher gibt das dann in der gewünschten Sprache wieder. Sehr beliebt beim Security-Personal rund um den Globus.

FlightRadar24 (kostenpflichtig): Hat der Google-Translater zu gut übersetzt, kann man mit dieser App in Handschellen gefesselt den Abflug des gebuchten Fliegers beobachten.

Bluefire Reader (gratis): Zum Bücher lesen, die es elektronisch gibt, wie z.B. Suvretta Connection oder Flugnomade :-)

LIDO Nav Viewer (sauteuer): Da kann man mit Hilfe der Navigationskarten beobachten, ob sich der Jung-Kapitän am Boden verfahren hat.

BUMP (gratis): Tauscht mittels Erschütterung Visitenkarten aus (funktionniert wirklich). Praktisch bei harten Landungen von Jung-Kapitänen. Da hat man auf einen Schlag sämtliche Adressen aller Mitpassagiere auf dem Flugzeug, die ihr Handy nicht ausgeschaltet haben.

iPhone Finder (gratis): Praktische App für alle, die ihr Glas-Handy vor der Landung lässig auf die Mittelkonsole legen und während des Bremsmanövers beobachten, wie ihr angebetetes Teil im Bogenflug unter dem vorderen Sitz verschwindet.





Für weitere Tipps steht die Kommentarfunktion zur Verfügung. Ich bin gespannt!

Samstag, Mai 21, 2011

8 Kilogramm

Zu den Freuden meiner neuen Ausgabe gehört es auch, die Fluggäste beim Ein- und Aussteigen zu begrüssen. Ein «guten Morgen» da, ein «bonjour» hier und hie und da auch ein «Grüezi». Ich mache das nicht ungern, denn so sieht man, wen und vor allem was man transportiert.
Schon nach kurzer Zeit als Kurzstreckenpilot durfte ich so zum Beispiel erfahren, dass das Leben in Nizza ein ganz schweres sein muss. Die Leute lachen nie und scheinen unter ihren Sorgen und dem Handgepäck sehr zu leiden. Oder die Morgenflüge nach Deutschland. Vollgestopft mit Geschäftsreisenden, die sich gewohnt sind Effizienz zu predigen und das zu meiner Verwunderung an Bord auch leben. Bei diesen Flügen kann man durchaus auch einmal etwas harter landen. Manager sind sich gewohnt, dass alles was sie nicht selber machen per se nicht perfekt sein kann. Nicht vergessen darf man auch die Hüpfer nach Paris. Wer freiwillig eine Stunde vor Abflug eincheckt, unzählige Sicherheitskontrollen über sich ergehen lässt, noch einmal über eine Stunde im Flugzeug sitzt (wobei man den grössten Teil damit verbringt, über die kilometerlangen Rollwege von CDG zu holpern), durch die unendlichen Weiten vom Flughafen Charles de Gaulle wandert, auf die RER wartet, stehend eine Dreiviertelstunde durch die Banlieus pendelt und dann ohne einmal eine Viertelstunde in Ruhe ein Buch gelesen zu haben, völlig ausgelaugt und verschwitzt am Hotel ankommt, der liebt das Fliegen wirklich. Mit dem TGV dauert die Reise vom Zentrum Zürich ins Zentrum von Paris übrigens genau fünf Stunden, was in etwa reicht um einen dünnen Roman zu lesen – aber vielleicht sollte ich das als Pilot so nicht propagieren. Aus diesem Grund sind die Passagiere nach Paris gar nicht so schlecht wie ihr Ruf.
Egal ob Tscharrrrrter (Charter) oder Linie, eines haben alle Reisenden gemeinsam: das überdimensionierte Handgepäck. Ich frage mich wirklich, warum die Fluggäste so liebend gerne Tonnagen durch die Abflugshallen tragen, wenn die Angestellten ihnen das abnehmen, kostenlos zum Flugzeug tragen, dort in klimatisierten Räumen zwischenlagern und nach der Landung hinter die Schützengräben der Passkontrollen liefern? Angst vor Verlust kann es nicht sein, denn das Gepäck ist nirgends so unsicher wie in der Kabine! Oft kann der Passagier sein «carry on baggage» nicht in einsehbaren Bereich zwischenlagern. Dann liegen Pass (unangenehm), Geld (sehr unangenehm), Handy (egal) und iPad (Katastrophe!) ungesichert und unbewacht in irgendeiner Hutablage über irgend einem unbekannten Menschen. Und wenn der böse Kapitän ihnen das Handgepäck aus Platzgründen abnimmt und mit einem handgeschriebenen Label in den Frachtraum verdammt, können sie nur noch beten. In diesem Fall kann das Gepäck nämlich aus logistischen Gründen nicht «durchgechecked» werden und sie müssen vor dem nächsten Weiterflug ihr «carry on baggage» auf dem Rollband suchen gehen. Alles sehr unangenehm.
Der Stauraum heisst wirklich noch Hutablage und ist auch so konstruiert. So eine Hutablage muss so stabil gebaut sein, dass im Falle einer königlichen Hochzeit die Hüte der Gäste sicher transportiert werden können. Untersuchungen haben ergeben, dass das Durchschnittsgewicht dieser Hüte bei Kate & Bill‘s Hochzeit so um die 8 Kilogramm betrug. Nicht von ungefährt ist das Gewicht des Handgepäck für nicht royale Hochzeitsgäste auf eben diese 8 Kilogramm begrenzt. Und das hat gleich mehrere gute Gründe: Erstens finden dann alle Passagieren über ihren Köpfen Platz für ihr mitgebrachtes Hab und Gut, zweitens schmerzen 8 Kilogramm weit weniger, wenn sich die Klappen der Gepäckablagen bei schweren Turbulenzen (kann durchaus vorkommen) öffnen und sich die Mitbringsel über die Sitzreihen verteilen und drittens macht das Reisen mit leichtem Handgepäck viel mehr Spass.
Leute mit leichtem Gepäck kommen besser durch Leben!

Donnerstag, Mai 19, 2011

gestreckte Glieder

Aus dem Piemont sei er, gibt er in fliessendem Italienisch von sich. Minderjährig, dafür aber knackig und wild. Ich gönne mir diese kleine Sünde und strecke meine Glieder. Herrlich so verwöhnt zu werden. Ich bleibe passiv, er verwöhnt meine empfindlichsten Stellen. Mmmmh, dieser Wein ist fabelhaft: etwas Sangiovese, eine Prise Merlot – wunderbar.
Endlich habe ich wieder Zeit, den Flaschenvorrat im Keller ohne schlechtes Gewissen zu dezimieren. Vorrat habe ich mir nach Aushändigung des vierten Streifens genug angelegt. Schliesslich stand am Freitag noch eine Party an und – glauben sie mir, dies braucht bedeutend mehr Rebenreserven als ein spontanes Kapitänsfest – soll der Wüstenfuchs bald wieder im Land sein.
Bevor ich erste Kapitänsgeschichten zum Besten gebe, muss ich mich noch bei Volkswirtschaftsminister Schneider-Ammann entschuldigen. Der Einbruch des BIP am letzten Donnerstag/Freitag ist erklärbar. Die Leser meines Blogs haben die Arbeit ruhen lassen und mir die Daumen gedrückt, wofür ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken möchte.
So, jetzt zu meiner neuen Rolle. Es ist ja nicht so, dass alles anders wäre, aber irgendwie ist trotzdem alles anders. Bei Problemen schaute ich als Copilot nach links. «Was macht der Alte jetzt? Hat er eine Idee?»
Schaue ich jetzt nach links, sehe ich den Ramper, den Coordinator, den Mechaniker und einen Haufen anderer wichtiger Leute, deren Funktion ich im Moment noch nicht kenne. Alle scheinen sich zu fragen, was der Alte jetzt wohl macht? Und der Alte bin ich!
Ja, das ist wirklich neu. Doch glauben sie mir, ein wichtiges Gesicht, kombiniert mit meinen 196 cm Länge und dem bescheidenen Gewicht von leicht über einem Zentner, lösen Probleme fast von alleine. Aufpassen muss man nur, dass man als Jungkapitän nicht Teil oder gar Ursache des Problems ist.
So auch am Final Check.
Ich wusste, dass wenn ich keinen Bock schiesse und den ersten Tag mit guter Leistung über die Bühne bringe, ich am Abend die vier Streifen in Empfang nehmen und zusammen mit der Crew in Barcelona feiern kann. Das ist doch ein Ziel – oder?
Zürich-Düsseldorf-Zürich-Barcelona, das mein Programm am wichtigsten Tag meiner Pilotenlaufbahn.
Erster Steckenabschnitt: kein Problem. Saubere Planung, kein Gewitter, fabelhafte Landung, souveräne Boden-Operation.
Zweiter Streckenabschnitt: Starke Gewitter in Zürich. Da ich keine Angst vor vollen Tanks habe, war auch dieses Hindernis ein kleines.
Dritter Abschnitt: Flugzeug nicht da, warten, Verspätung. Als Kommandant muss ich die Prozesse beschleunigen, ohne die Leute wütend zu machen. Gelingt mir dank Schweizer Schokolade ausgezeichnet. Auch das geschafft. Die Gäste steigen geladen ein, wollen eine Erklärung. Ich erläutere, erkläre, organisiere, schlichte. Das alles ist notwendig bei 15 Minuten Delay. Wir spinnen in unserer Gesellschaft komplett, doch das ist ein anderes Thema. Mitten im grössten Tohuwabahu steckt mit die Kollegin der Kabine eine Banane zu, die ich zwischen Düsseldorf und Zürich bestellte. Nicht der beste Augenblick, aber nett gemeint.
Die Banane verschwindet im Cockpit, ich in der Businessklasse.
Endlich kommt das Ladeblatt, endlich die Abmeldung vom Gate. Der Slot ist noch zu machen und ich schnalle mich an. CHECK BEFORE ENGINE START - und los gehts.
Knapp über der Limite und unter dem Grüezi (Swiss Piloten wissen was ich meine) rollte ich dem Slot-Ende entgegen.
Freigabe, Hebel nach vorne und GO!
Bei Gear-up bedankte sich mein Allerwertester für den weichen Untergrund, beim Einfahren der Landelichter störte sich mein Schritt ob der ungewohnten Feuchtigkeit und beim Beschleunigen auf 320 Knoten realisierte mein Hirn, dass ich mich wohl auf die reife Banane gesetzt hatte. Und das am Final-Check auf einem fast fabrikneuen Flugzeug…
An den Hosen prangerte ein weisser Fleck, der sich über meinen ganzen Arsch verteilte. Der Sitz war voller reifer Südfrucht-Mus und der Instruktor kugelte sich im Cockpit vor Lachen. Diskret verschwand ich im Klosett, reinigte in den Unterhosen meine Uniform und versuchte das gut hörbare Lachen hinter der schusssicheren Tür zu ignorieren. Bis Top-of-Descent war auch der Sitz wieder einigermassen sauber.
Gelandet sind wir sicher, gefeiert haben wir auch und am nächsten Morgen nahm ich auf einem sauberen Sitz platz und liess mich vom Instruktor nach Zürich fliegen.
Lesson learned:
Die Banane gehört, auch wenn sie noch so reif ist, nicht auf einen Kapitänssitz. Auch nicht am Final Check – nein, auch am Final Check nicht.

Samstag, Mai 14, 2011

Sonntag, Mai 08, 2011

Freitag, der 13.


Die Zeit des FKK und des Hosenherunterlassens neigt sich dem Ende zu. Am Freitag, der 13. (und am Donnerstag, den 12.) habe ich meinen Final-Check!

Daumen drücken liebe Leser und Abkürzungen geben liebes TWRMädel :-)

Wir lesen uns!