Dienstag, April 12, 2011

Schleppgang

Flughäfen sind seltsame Orte. Kühle Architektur bremst die Lebenslust und fördert die Hast. Rundherum tummeln sich Geschäfte, die von der Langeweile leben. Dazwischen Leute, die sich ein paar Tage etwas Abwechslung vom Alltag erhoffen und aus Angst vor der Fremde in riesigen Koffern eben diesen Alltag mitnehmen. Alle sind in Eile. Wer keinen Stress hat wirkt suspekt.
Die Abläufe sind einstudiert, der urbane Vielflieger kennt sich aus. Mit dem entschlossenen Blick schiesst er sich den Weg durch die herumstehenden Touristen frei. Aus dem Weg, hier kommt das wichtige Ich!

Inmitten dieses Ameisenhaufens bremst eine technische Unzulänglichkeit den ganzen Ablauf. Es ist nichts Schlimmes - ganz im Gegenteil. Es scheint eher, als dass die Rolltreppe heute ausschläft. Statt wie Cancellara den Berg zu erklimmen, müssen sich die Passagiere mit dem "Nacht-Energie-Sparmodus" zufrieden geben. Die Rolltreppe will nicht schneller, der Schleppgang scheint ihr zu gefallen. Für die rund zwanzig Treppenstufen brauchen die Passagiere trotz technischer Unterstützung mehrere Minuten - und das ist nicht übertrieben! Flugmöglichkeiten gibt es keine, eine Notbremsung würde die Situation nur verschlimmern, denn vorne und hinten stehen Gepäckwagen vollbeladen mit Alltag im Weg.
Es ist nicht die Schadenfreude, die mich zum Zuschauen animiert, sondern die Neugierde Wie die hochgetakteten Individuen wohl mit den geschenkten Minuten umgehen? Diese Langsamkeit inmitten dieser Hektik ist doch eine Wohltat - oder nicht?

Langsamkeit, etwas das ich auch wieder vermisse. Seit Anfangs Monat bin ich nun als Azubi-Kapitän unterwegs und sehe an einem Tag mehr Flughäfen als früher in einem Monat. Über 600 Personen pro Tag verhelfe ich zur Alltagsflucht, blicke mehr Prominenz in die Augen als alle Glanz&Gloria Moderatorinnen zusammen und bin froh, wenn ich am Abend beim Ausfüllen des Flugbuchs noch weiss, wo ich überall war.

Doch es macht Spass. Rauf und runter, rechts und links. Es ist dynamisch, spannend und herausfordernd. Dennoch wäre ich dankbar, wenn mir jemand verraten könnte, wo sich der Knopf für den Schleppgang befindet. Manchmal wäre ich froh, wenn ich die ganze Dynamik etwas bremsen könnte. Im Gegensatz zu den Gästen auf der beschriebenen Rolltreppe würde ich mich über die geschenkten Minuten wahnsinnig freuen!

Kommentare:

  1. Wilkommen zurück auf der Kurzstrecke. Den Knopf für den Schleppgang vermisse ich auch oft.

    Viele Grüße,


    Golfox

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  2. Vielleicht ist der Knopf für den Schleppgang zur Zeit bei der AEROPERS
    in Funktion
    Smile
    und Gruss
    Glissade

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  3. Da oben am Panel hat es einen Drehknopf fuer irgend etwas komischesnamens SPD. Auf 250 einstellen und gegen Dich ziehen...

    Richi

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  4. Lieber nff

    Spätestens wenn Du nicht mehr "nur" Azubi- sondern "richtiger" Captain bist, kann die ganze Arbeit auf den Copi geschoben werden...

    Wie geht es ohne die kleine Cloney-Maschine? Entzugserscheinungen?;-)

    Lieben Gruss

    Ferdinand

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  5. Der Winter und damit kleinere Verschnaufspausen lassen meist nicht länger als ein halbes Jahr auf sich warten. Mit der Routine die du bis dahin gesammelt haben wirst werden diese kleinen Pausen zum Genuss und Flüge nach Moskau kommen dann einem aufsmal wieder lange vor...

    Weiterhin viel Spass,
    Severin

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  6. ...ohne die kleine Clooney-Maschine?

    Hast Du schon Erfahrungen gesammelt mit Deiner Short-Haul-Espresso-Maschine? Oder traust Du Dich noch nicht mit dem wachsamen Kollegen auf dem Rücksitz?

    Urs im Pensionierten-Schleppgang

    "Handpresso - what else!"

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  7. Bekanntlich ist der Capt für die Pace verantwortlich und meiner ausgiebigen Shorthaulerfahrung nach ist "langsamer" immer "schneller". Aber bei dir habe ich keine Angst, dass du die Pace nicht auf das richtige Niveau drosseln kannst.

    Weiterhin viel Erfolg (bei der Checkerzuteilung und als CMA)

    G! (im Schleppgang)

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  8. Was für ein schöner Text :) Könnte ihn immer wieder lesen...

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