Donnerstag, April 14, 2011

no hurry

Herzlichen Dank für alle Kommentare auf mein erstes Posting als Azubi-Kapitän. Die zahlreichen Tipps zum Thema Entschleunigung werde ich mir zu Herzen nehmen.

Obwohl die Qualität der Anregungen kaum zu übertreffen ist, hörte ich den besten Tipp gestern im "Biggin-Holding" in London Heathrow. Es schien, als flöge die ganze Welt zu gleicher Stunde an die Stadt an der Themse. Der Flugverkehrsleiter redete wie ein Maschinengewehr und fädelte die Flugzeuge so ein, dass sie mit dem minimalen Abstand von 2.5 nautischen Meilen der ILS 27L folgten. Die Stimme des Lotsen war ruhig aber bestimmt. Niemand der Piloten hätte es gewagt, sich seinen Anweisungen zu widersetzen. Kein Murren beim Kassieren von Warteschleifen, kein Schummeln bei der Einhaltung der Geschwindigkeit. Glücklich, wer "Biggin" auf FL80 auf dem Heading 270 verlassen durfte, leicht betrübt jene, die eben dieses Biggin Hill auf 14'000 Fuss als letzte in der Reihe das erste Mal überflogen.

Plötzlich eine neue Stimme auf der Frequenz. Die Fröhlichkeit und Gelassenheit der Stimmlage passte so gar nicht in die arbeitsame Grundstimmung.

"Good Evening London, this is Saudi XY, we are a 747 at Flightlevel 140 with Information Alpha"
Dann in vierfacher Geschwindigkeit die Antwort: "Saudi XY join Biggin Holding at FL140, expect 15 minutes delay."
Um so lässiger und langsamer die Antwort des 747 Skippers:
"No hurry London, take your time, we have plenty of fuel..."

Das erste Mal war Ruhe auf der Frequenz. Sämtliche Piloten waren damit beschäftigt, sich die Tränen vom Lachen abzuwischen.
Das ist also der Knopf für den Schleppgang: Full Tanks! Ob da die "Fuel Efficency"-Abteilung meines Arbeitgebers damit einverstanden ist?

Dienstag, April 12, 2011

Schleppgang

Flughäfen sind seltsame Orte. Kühle Architektur bremst die Lebenslust und fördert die Hast. Rundherum tummeln sich Geschäfte, die von der Langeweile leben. Dazwischen Leute, die sich ein paar Tage etwas Abwechslung vom Alltag erhoffen und aus Angst vor der Fremde in riesigen Koffern eben diesen Alltag mitnehmen. Alle sind in Eile. Wer keinen Stress hat wirkt suspekt.
Die Abläufe sind einstudiert, der urbane Vielflieger kennt sich aus. Mit dem entschlossenen Blick schiesst er sich den Weg durch die herumstehenden Touristen frei. Aus dem Weg, hier kommt das wichtige Ich!

Inmitten dieses Ameisenhaufens bremst eine technische Unzulänglichkeit den ganzen Ablauf. Es ist nichts Schlimmes - ganz im Gegenteil. Es scheint eher, als dass die Rolltreppe heute ausschläft. Statt wie Cancellara den Berg zu erklimmen, müssen sich die Passagiere mit dem "Nacht-Energie-Sparmodus" zufrieden geben. Die Rolltreppe will nicht schneller, der Schleppgang scheint ihr zu gefallen. Für die rund zwanzig Treppenstufen brauchen die Passagiere trotz technischer Unterstützung mehrere Minuten - und das ist nicht übertrieben! Flugmöglichkeiten gibt es keine, eine Notbremsung würde die Situation nur verschlimmern, denn vorne und hinten stehen Gepäckwagen vollbeladen mit Alltag im Weg.
Es ist nicht die Schadenfreude, die mich zum Zuschauen animiert, sondern die Neugierde Wie die hochgetakteten Individuen wohl mit den geschenkten Minuten umgehen? Diese Langsamkeit inmitten dieser Hektik ist doch eine Wohltat - oder nicht?

Langsamkeit, etwas das ich auch wieder vermisse. Seit Anfangs Monat bin ich nun als Azubi-Kapitän unterwegs und sehe an einem Tag mehr Flughäfen als früher in einem Monat. Über 600 Personen pro Tag verhelfe ich zur Alltagsflucht, blicke mehr Prominenz in die Augen als alle Glanz&Gloria Moderatorinnen zusammen und bin froh, wenn ich am Abend beim Ausfüllen des Flugbuchs noch weiss, wo ich überall war.

Doch es macht Spass. Rauf und runter, rechts und links. Es ist dynamisch, spannend und herausfordernd. Dennoch wäre ich dankbar, wenn mir jemand verraten könnte, wo sich der Knopf für den Schleppgang befindet. Manchmal wäre ich froh, wenn ich die ganze Dynamik etwas bremsen könnte. Im Gegensatz zu den Gästen auf der beschriebenen Rolltreppe würde ich mich über die geschenkten Minuten wahnsinnig freuen!