Freitag, Februar 04, 2011

ein treuer Freund

Das Leben geht weiter, auch wenn sich um mich die Manuals stapeln und ich mich selber mit meinen eigenen Führungsqualitäten auseinandersetzen muss. Führungsqualitäten, auch so ein lustiges Minenfeld. Doch darüber möchte ich jetzt nicht schreiben, sondern über einen treuen Freund. Ich habe einige Freunde. Dicke, dünne, alte, zu jung gebliebene und fremdsprachige. Doch keiner ist so treu wie Ivar.

Ivar habe ich Ende der 80er Jahre kennengelernt. Die ersten Worte waren keine freundlichen. Ich erinnere mich gut, wie ich über ihn geflucht habe. Seine störrische Art missfiel mir und dazu ärgerte er mich mit seiner Widerspengstigkeit. Trotzdem zog er bei uns ein. Zusammen mit meiner damaligen Freundin bezogen wir eine Wohnung in Winterthur und bildeten unsere erste WG. Auf Ivar könnte ich meinen ganzen Ballast abladen. Er hörte geduldig zu, mischte sich nicht ein, liess die Finger von meiner Freundin und war mit seinem Platz im Wohnzimmer zufrieden. Ich überliess ihm meine Bücher und sogar meine Schallplatten. Im Wissen, dass er meine Schätze hütete wie seine eigenen.

Wir zogen um, Ivar kam mit. Ein neuer Ort, ein neuer Platz. Ivar wechselte vom Wohn- ins Arbeitszimmer. Die Freundinen kamen und gingen, Ivar blieb.

Eines Tages wuchs unsere WG um einen stämmigen Berner. Urs S. aus Münsingen machte sich im Wohn- und Arbeitszimmer breit. Ivar und Urs S. aus Münsingen vertrugen sich nicht. Mein alter und treuer Freund zog in den Keller. Ivar machte das nur scheinbar nichts aus. Beim Umzug passierte zu allem Übel noch ein Unglück. Ein Sturz, ein lautes Knacken und ein stummer Schrei. Ivar brach ein Bein, das dank vier Schrauben fixiert werden konnte. Dieser Zwischenfall veränderte unsere Beziehung. Ivar verfiel dem Alkohol. Er schmückte sich mit unzähligen Flaschen Wein und kümmerte sich kaum mehr um sein Äusseres. Staub setzte sich auf seinem Haupt an und er und die Umgebung verwahrlosten immer mehr. Er stapelte unnötigen Ballast auf seinen Schultern und wollte sich von gesammelten Objekten nicht trennen. Trotzdem fand er immer wieder Zeit und Platz, um auch meinen Ballast aufzunehmen.

Letzte Woche passierte dann das Unausweichliche. Ivar brach zusammen, er starb. Nach fast zwanzig Jahren die Trennung. Traurig brachte ich Ivar und den ganzen Müll, den wir auf ihm abgeladen haben in die Kehrichtverbrennung, fuhr schnurstracks in die IKEA und kaufte ein neues Kellergestell. Ja welches wohl? IVAR natürlich!

PS: ich fluchte beim Aufstellen noch ärger als anno 1988...

Kommentare:

  1. Dachte zuerst an einen Hund... +gg+

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  2. wirklich grandios geschrieben, sehr lustig!

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  3. *schnief*
    das ist so traurig!

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  4. Mein Ivar darf noch im Wohnzimmer wohnen, wie es Ihm über die nächsten Jahre wohl ergeht. Schöne geschichte

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  5. Hammer... wir teilen und diesen guten Freund.... den Ivar...
    mein Ivar senior ist - trotz seines methusalemischen Alters von 23 Jahren noch immer für viele Schandtaten (ok nur welche meinerseits) zu haben! Er hütet brav meine ganze Oster-/Halloween & Weihnachtsdeko bis die zum jährlichen Einsatz entstaubt wird!
    Mit Ivar junior - vor 5 Jahren dazugekauft - fechte ich nun so die pubertäten Kränzchen einen Halbwüchsigen aus... der Gute hat schon mal Schieflage... aber ich denk das ergibt sich wenn er dann statt allein im Flur - an Senior angedockt im Keller steht!
    In diesem Sinne ...
    welcom to the club & best regards

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  6. Ach so, es geht nicht um einen Hund?

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  7. Habe mich köstlich amüsiert!
    Mein Ivargestell kam nach ein paar Jahren Aufenthalt in Basel für 5 Jahre auf den verstaubten Boden eines Bauernhauses im Aargau, dann für 9 Jahre in die VAE, wo das Teil wieder mal ergänzt wurde (ja..., auch Dubai hatte im 99 bereits eine Ikea), und jetzt steht das Teil in neuem Glanz mit seiner Last in einem umgebauten Spycher im Emmental..., liebe Grüsse, Margrit

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