Mittwoch, Dezember 22, 2010

kennen sie Dichlorphenoxyessigsäure?

Nein, ich bin kein Chemiker und will auch nicht angeben. Ich will zur Abwechslung einen Blick in die Natur werfen. Das ist allerdings hier in Hongkong nicht gar so einfach. Es hat an diesem Flecken schöne Natur – und das nicht zu knapp, aber die Verantwortlichen geben sich allerhand Mühe, diese hinter Blech, Beton und Glas zu verstecken. Dass es nur noch zwei Tage dauert, bis der Geschenkberg unter der Tanne in unendliche Höhen wächst, geht auch an den Leuten hier in China nicht spurlos vorbei. Merry Christmas, ja das wünsche ich euch allen auch.

Hongkong ist als Einheimischer nur zu ertragen, wenn man kritiklos an das unendliche Wachstum glaubt. Wachstum zum Wohle der Wirtschaft und Wachstum zum Wohle der Menschheit. Wobei der Begriff Menschheit etwas eingeschränkt werden muss. Mit Menschheit ist in diesem Zusammenhang der Teil der Bevölkerung gemeint, der sich den Drittfernseher und das iPhone 4 leisten kann.

Ich verzettle mich und sollte wieder zum Titel zurückkommen. Unkraut verzettelt sich übrigens auch. Es frisst sich durch die heimische Beete und nimmt sich den Platz, den wir für ästhetischere Pflänzchen vorgesehen haben. Und genau hier kommt die Dichlorphenoxyessigsäure ins Spiel. Dichlorphenoxyessigsäure ist ein Herbizid, das dem Unkraut den Garaus machen soll. Das Prinzip ist ganz einfach, man lässt die Pflanze so schnell wachsen, dass sie elendiglich daran verreckt.

Und was lernen wir daraus? Schnelles Wachstum kann tödlich sein! Tödlich für das Pflänzchen, aber auch tödlich für das Umfeld. Sie glauben mir nicht? Dichlorphenoxyessigsäure war in nicht unerheblichem Masse Bestandteil des "Agent Orange", wenn es auch nicht das Giftigste der Zutaten war.

Interessanterweise kann man das was in der Natur passiert, auch in der Wirtschaft beobachten. Früher pflegte ein Gärtner die Pflänzchen. Nicht selten hatte er eine Beziehung zu den Blumen und Sträuchern und verbrachte sein Leben damit, die immer gleichen paar Quadratmeter Grünfläche unbeschadet durch die Stürme der Jahreszeiten zu bringen. Bier war ein wirkungsvolles Mittel gegen Schnecken und den Durst; der Morgenkaffee weckte nicht nur die Lebensgeister des Verantwortlichen, sondern als Kaffeesatz auch die Blumen verschiedenster Herkunft.
Dann wurde aus dem Gärtner der "Chief Gardening Officer" (CGO). Es brauchte kein Feingefühl mehr, sondern ein Studium – keine Beziehung zu den Pflanzen, sondern eine Mitgliedschaft in einer Alumni Organisation. Global abgestimmte Programme diktierten, wo Ressourcen eingespart und wann und wie Wachstum erzielt werden kann. Lokale Gegebenheiten wie Wind, Wetter und Vorlieben wurden ausgeklammert. Alles unnützes Beigemüse, so die CGOs.

So kommt es dazu, dass Firmen eingehen, obwohl "die Auftragslage dank organischem Wachstum" ausgezeichnet war und alle Parameter der globalen Rechenzentren auf grün standen. Die Gärtner haben es schon lange vorausgesehen, doch auf die hören die CGOs aus Prinzip nicht.

Man könnte zu einen Aufstand gegen die CGOs ausrufen, doch davor hüte ich mich an dieser Stelle tunlichst. Es könnte falsch verstanden werden.
Eines möchte ich hier klarstellen: Weder ich noch die traditionellen Gärtner aller Welt haben etwas gegen Wachstum. Wachstum ist gut und belebt die Beete. Ein bisschen Mist zur richtigen Zeit reicht völlig aus. An dem mangelt es bekanntlicherweise nicht. Die vielen Rindviecher in den globalen Schaltzentralen produzieren mehr als genug Scheisse.

Dieser Blog macht Pause bis ins Jahr 2011. Ich darf in einer Woche noch zwei Tage in den Simulator und gleich anschliessend – das heisst ein paar Stunden später, Richtung Los Angeles fliegen.
Damit der letzte Beitrag im 2010 nicht mit dem Wort Scheisse endet, hänge ich ein Weihnachtsgedicht von Heinz Erhardt an. Wünsche Euch allen humorvolle und spassige Festtage!

Ach fast vergessen: Von mir lest ihr noch einige Geschichte von der Langstrecke. Unsere CGOs haben zuviel Dichlorphenoxyessigsäure geschluckt und jetzt fehlen Piloten. Mein Kapitänskurs wurde verschoben. Tja, jetzt lautet das letzte Wort im 2010 trotzdem Scheisse.


Der Karpfen kocht, der Truthahn brät,
man sitzt im engsten Kreise
und singt vereint den ersten Vers
manch wohlvertrauter Weise.

Zum Beispiel „Oh Du Fröhliche“,
vom „Baum mit grünen Blättern“
und aus so manchem Augenpaar
sieht man die Träne klettern.

Die Traurigkeit am Weihnachtsbaum
ist völlig unverständlich:
Man sollte lachen, fröhlich sein,
den ER erschien doch endlich!

Zu Ostern - da wird jubiliert,
manch buntes Ei erworben!
Da lacht man gern - dabei ist ER
erst vorgestern gestorben.

Heinz Erhardt

Kommentare:

  1. Na Bravo :-((((( wenigstens hast Du den Ordner schon parat.... Ich hoffe nicht allzuweit nach hinten?

    Trotzdem VERY MERRY CHRISTMAS!

    LG aus KLO

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  2. Das wäre auch meine Frage, ist der Lehrgang in absehbarer Zeit?

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  3. Merry Christmas und en guete Rutsch!

    Gruss, Tomy

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  4. Trotzdem alles Gute.

    Ein treuer Leser.

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  5. ... im Moment wurde der Kurs zwei Wochen nach hinten geschoben.... im Moment.

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  6. Na 2 Wochen gehen ja noch ;-) Ich halte Dir die Daumen dass es nicht noch mehr Wochen werden.

    LG jetzt aus SIR

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  7. Leider muss ich sagen, dass auch ich das sündhaft teure iPhone mittlerweile mein Eigen nenne. Allerdings nicht, weil es so gut ist, sondern weil die Geräte der Konkurrenz so schlecht sind (v.a. NOKIA). Nach einem Jahr Abstürzen, Softwareproblemen usw. habe ich nun in den sauren Apfel gebissen und mir den kommunikativen Luxusartikel gegönnt. Er funktioniert wenigstens... Leider gehöre ich damit wohl auch zur Überflussgesellschaft :-(

    Jedenfalls wünsche ich Ihnen Frohe Weihnachten, schöne Feiertage und Alles Gute für 2011, dann bald auf der linken Seite und im Kurzstreckenwahnsinn!

    Viele Grüße
    Stefan

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