Freitag, Dezember 31, 2010

Königin Maria

Der Blick aus dem Zimmerfenster 1413 ist einmalig. Das Licht ist noch weich und mit einem Blauton versetzt. Die Grautöne scheinen noch zu schlafen. Riesige Kräne lassen ihre Hälse im Hafen von Long Beach hängen, beobachtet von der Queen Mary, die froh ist, dass sie in ihren alten Tagen noch schwimmt.
Das Shoreline Village döst noch vor sich hin. Einige Jogger laufen über den Müll der gestrigen Partynacht dem Strand und der Sonne entgegen.

Ich mag diesen Ausblick.

Lange kann ich nicht mehr widerstehen. Bald tauche auch ich hier in Kalifornien in den letzten Tag des Jahres ein und werde – vielleicht zum letzten Mal in den nächsten sechs Jahren – einen freien Tag in Kalifornien geniessen.
Ich werde mich von meinem Lieblingskaffee Polly's verabschieden; einen Berg Klamotten kaufen; mit einem Wagen dem Strand entlangcruisen; im Cinemax im weichen Sessel abtauchen und garantiert schlafend den Jahreswechsel verbringen. Ich werde mich bei der charmanten Concierge für das Gastrecht in den letzten Jahren bedanken, beim Fischrestaurant ein Glas Weisswein mit einem Duzend Austern geniessen und im 7Eleven an der Ecke eine Gallone Wasser erstehen. Ich werde in Newport Beach den Apple Shop besuchen, den Kleiderladen Tilly wegen Abziehbildern stürmen und mich ein letztes Mal in den stinkenden, roten Bus setzen. Ich werde durch den Borders latschen, obwohl ich lieber deutsche Bücher mag. Ich werde im Hooters Schenkel essen und Schenkel angucken und ich werde meine zehn Kilometer entlang dem Strand joggen.

So ist Abschied nehmen nun mal. Ob vom neuen Jahr oder von einem Ort, der einem in den letzten 15 Jahren irgendwie ans Herz gewachsen ist.

Rutscht gut liebe Leser!

Bis nächstes Jahr unter flugschreiber.ch!

Mittwoch, Dezember 22, 2010

kennen sie Dichlorphenoxyessigsäure?

Nein, ich bin kein Chemiker und will auch nicht angeben. Ich will zur Abwechslung einen Blick in die Natur werfen. Das ist allerdings hier in Hongkong nicht gar so einfach. Es hat an diesem Flecken schöne Natur – und das nicht zu knapp, aber die Verantwortlichen geben sich allerhand Mühe, diese hinter Blech, Beton und Glas zu verstecken. Dass es nur noch zwei Tage dauert, bis der Geschenkberg unter der Tanne in unendliche Höhen wächst, geht auch an den Leuten hier in China nicht spurlos vorbei. Merry Christmas, ja das wünsche ich euch allen auch.

Hongkong ist als Einheimischer nur zu ertragen, wenn man kritiklos an das unendliche Wachstum glaubt. Wachstum zum Wohle der Wirtschaft und Wachstum zum Wohle der Menschheit. Wobei der Begriff Menschheit etwas eingeschränkt werden muss. Mit Menschheit ist in diesem Zusammenhang der Teil der Bevölkerung gemeint, der sich den Drittfernseher und das iPhone 4 leisten kann.

Ich verzettle mich und sollte wieder zum Titel zurückkommen. Unkraut verzettelt sich übrigens auch. Es frisst sich durch die heimische Beete und nimmt sich den Platz, den wir für ästhetischere Pflänzchen vorgesehen haben. Und genau hier kommt die Dichlorphenoxyessigsäure ins Spiel. Dichlorphenoxyessigsäure ist ein Herbizid, das dem Unkraut den Garaus machen soll. Das Prinzip ist ganz einfach, man lässt die Pflanze so schnell wachsen, dass sie elendiglich daran verreckt.

Und was lernen wir daraus? Schnelles Wachstum kann tödlich sein! Tödlich für das Pflänzchen, aber auch tödlich für das Umfeld. Sie glauben mir nicht? Dichlorphenoxyessigsäure war in nicht unerheblichem Masse Bestandteil des "Agent Orange", wenn es auch nicht das Giftigste der Zutaten war.

Interessanterweise kann man das was in der Natur passiert, auch in der Wirtschaft beobachten. Früher pflegte ein Gärtner die Pflänzchen. Nicht selten hatte er eine Beziehung zu den Blumen und Sträuchern und verbrachte sein Leben damit, die immer gleichen paar Quadratmeter Grünfläche unbeschadet durch die Stürme der Jahreszeiten zu bringen. Bier war ein wirkungsvolles Mittel gegen Schnecken und den Durst; der Morgenkaffee weckte nicht nur die Lebensgeister des Verantwortlichen, sondern als Kaffeesatz auch die Blumen verschiedenster Herkunft.
Dann wurde aus dem Gärtner der "Chief Gardening Officer" (CGO). Es brauchte kein Feingefühl mehr, sondern ein Studium – keine Beziehung zu den Pflanzen, sondern eine Mitgliedschaft in einer Alumni Organisation. Global abgestimmte Programme diktierten, wo Ressourcen eingespart und wann und wie Wachstum erzielt werden kann. Lokale Gegebenheiten wie Wind, Wetter und Vorlieben wurden ausgeklammert. Alles unnützes Beigemüse, so die CGOs.

So kommt es dazu, dass Firmen eingehen, obwohl "die Auftragslage dank organischem Wachstum" ausgezeichnet war und alle Parameter der globalen Rechenzentren auf grün standen. Die Gärtner haben es schon lange vorausgesehen, doch auf die hören die CGOs aus Prinzip nicht.

Man könnte zu einen Aufstand gegen die CGOs ausrufen, doch davor hüte ich mich an dieser Stelle tunlichst. Es könnte falsch verstanden werden.
Eines möchte ich hier klarstellen: Weder ich noch die traditionellen Gärtner aller Welt haben etwas gegen Wachstum. Wachstum ist gut und belebt die Beete. Ein bisschen Mist zur richtigen Zeit reicht völlig aus. An dem mangelt es bekanntlicherweise nicht. Die vielen Rindviecher in den globalen Schaltzentralen produzieren mehr als genug Scheisse.

Dieser Blog macht Pause bis ins Jahr 2011. Ich darf in einer Woche noch zwei Tage in den Simulator und gleich anschliessend – das heisst ein paar Stunden später, Richtung Los Angeles fliegen.
Damit der letzte Beitrag im 2010 nicht mit dem Wort Scheisse endet, hänge ich ein Weihnachtsgedicht von Heinz Erhardt an. Wünsche Euch allen humorvolle und spassige Festtage!

Ach fast vergessen: Von mir lest ihr noch einige Geschichte von der Langstrecke. Unsere CGOs haben zuviel Dichlorphenoxyessigsäure geschluckt und jetzt fehlen Piloten. Mein Kapitänskurs wurde verschoben. Tja, jetzt lautet das letzte Wort im 2010 trotzdem Scheisse.


Der Karpfen kocht, der Truthahn brät,
man sitzt im engsten Kreise
und singt vereint den ersten Vers
manch wohlvertrauter Weise.

Zum Beispiel „Oh Du Fröhliche“,
vom „Baum mit grünen Blättern“
und aus so manchem Augenpaar
sieht man die Träne klettern.

Die Traurigkeit am Weihnachtsbaum
ist völlig unverständlich:
Man sollte lachen, fröhlich sein,
den ER erschien doch endlich!

Zu Ostern - da wird jubiliert,
manch buntes Ei erworben!
Da lacht man gern - dabei ist ER
erst vorgestern gestorben.

Heinz Erhardt

Sonntag, Dezember 12, 2010

Schlussspurt


Die Sonne scheint und der Wind lässt die Temperaturen kälter scheinen als sie sind. In Blickweite kämpfen die Schweizer Skimädels um Hundertstelsekunden und ich auf meinen schmalen Langlauflatten gegen den Wind. Die Loipe ist perfekt präpariert, meine Skier mit dem Wachs vom letzten März auch.

Es ist unglaublich befreiend, mit Tempo 30 über den Schnee zu skaten. Ich fühle mich wie ein junger Hund, der gerade aus dem Zwinger befreit wurde. Sport ist das einzige Mittel, wie ich meinen inneren Rhythmus wieder einigermassen synchronisieren kann.

Der Leser meines Blogs hat gemerkt, dass ich immer mehr mit meinem Beruf hadere. Es ist nicht die Tätigkeit an und für sich, sondern die Belastung für den Körper, die mich psychisch und physisch schwächt. Seit gut drei Jahren fliegen wir mit derart erhöhter Taktzahl, dass Erholung kaum mehr möglich ist. Jammern auf hohem Niveau? Das mag für Aussenstehende so klingen, für Fachleute – und da sind Manager explizit ausgeschlossen – sind die Fakten schon längstens klar.

Jemand spielt mir meiner Gesundheit und da reagiere ich gereizt.

Noch drei Flüge über total 42 Zeitzonen habe ich vor mir. Davon einmal nach Los Angeles und zweimal nach Hong-Kong. Danach ist hoffentlich für ein paar Jahre Schluss mit dem Schlafentzug. Wenn ich in der Fachliteratur von Ermüdungssymptomen lese, kann ich hinter jedem Begriff einen Haken machen, weil er auf mich zutrifft.

Noch drei Flüge also. Ich freue mich darauf, den Destinationen, die mir in den vergangenen Jahren ans Herz gewachsen sind, auf Wiedersehen zu sagen. Der Sprung über die 42 Zeitzonen werde ich auch noch überleben, schliesslich ist es wie beim Langlauf: der Schlussspurt zählt.

Ab dem 2. Februar bin ich dann im UPG. UPG ist die Abkürzung für Upgrading und heisst nichts anderes, dass ich die Kapitänsausbildung auf dem A320 beginne. Mir gefällt der Ausdruck UPG nicht, ich rede lieber vom FKK. FKK steht für Flugkapitänskurs und beginnt wie das andere FKK damit, dass man am ersten Tag die Hosen runter lässt.

Ach übrigens:
Im Springer Verlag ist dieser Tage ein ausgezeichnetes Buch zum Thema «Human Factors im Cockpit» erschienen. Es ist nicht ganz billig, kann für Piloten aber fast zur Pflichtliteratur erklärt werden.

Montag, Dezember 06, 2010

EAT, SLEEP, LAND

Rückenwind, in Zürich herrscht immer Rückenwind.
Langsam hebt sich die Nase des A340 gegen den Himmel und das Flugzeug hechelt nach Höhe. Höhe bedeutet Leben in der Fliegerei und nie wird einem das deutlicher vor Augen geführt, als bei einem Start mit Rückenwind und 94.7 Tonnen Kerosin im Bauch.
Die Nase zeigt nach Osten, wir wollen nach Westen. Als ob uns die Elemente zeigen wollten, dass wir auf dem falschen Weg sind, blasen sie und tief über das Appenzell und später über deutsche Hügel.

Wir haben ein Ziel, aber noch keine Richtung.

Ich mache mich im Schlafgemach klein und versuche wertvolle Zeit totzuschlagen. Nürnberg verschwindet unter uns in den Wolken, der Magen knurrt.

EAT

Es ist Nachmittag um halb drei, die Küchenmannschaft ein paar Schritte neben meinem Kopf lässt die Öfen dampfen. Edle Kost aus Engadiner Küche wird serviert. Edel? Aufgewärmt! Auf mich wartet etwas Besseres. Frisch geschroteter Hafer, eine Nacht eingelegt, verfeinert mit Vanille Joghurt aus einer Zürcher Oberländer Molkerei und als Zugabe ein Löffel Haselnussmuss mit Liebe daruntergemischt. Es schmeckt – und wie.
Müde werde ich dabei nicht.
Dann halt Pläne schmieden.
In San Francisco werde ich Alcatraz besuchen. Eine Strafanstalt, die keinen Besucher unbeeindruckt lässt. Tausende von freien Leuten wollen zwei Stunden lang wissen, wie die Unfreien über Jahre oder gar Jahrzehnte gelebt haben. Doch sind wir Freien denn frei? Jean-Jaques Rousseau hat darauf eine Antwort.

«Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will.»

Ein Satz, der mich im Moment mehr beschäftigt als mir lieb ist. Soll ich das tun, was ich nicht will? Will ich es oder will ich es nicht? WAS WILL ICH?

SLEEP

Der Film «one week» von Joshua Jackson flimmert auf meinem iPad. Der Hauptdarsteller Ben bricht nach einer Krebsdiagnose aus seinem geordneten Leben aus. Für eine Woche nur, für die wichtigste in seinem Leben. Ben sattelt seine «Norton Commando 850» und fährt gegen Westen.

Er hat kein Ziel, dafür eine Richtung.

Ich schlafe ein.

LAND

Acht Stunden sitze ich im Cockpit. Vier davon mit einem Jungsporn. Er schäumt fast über von Energie und erklärt mir ununterbrochen Dinge, die ich längstens weiss. War ich auch so?

Zwanzig Stunden nachdem ich im eigenen Bett erwacht bin, landet der Chef den Airbus in San Francisco. Das Wetter ist lausig, meine Verfassung auch. Ich bin müde, will einfach nur schlafen.

Morgen ist ein neuer Tag, ich muss noch ein paar Fragen beantworten, ein Ziel definieren oder wenigstens eine Richtung finden. Ist EAT, SLEEP, LAND wirklich das Leben, das ich will?