Samstag, November 13, 2010

rauchige Stimme

Eine Erkältung ist eine seltsame Sache. Irgendwo im Kopf zelebriert sie ihre Uraufführung. Hat sie sich die Nase ausgesucht, wird die kommende Nacht zur Qual. Ist es der Hals, hilft heisser Tee, den Schmerz einige Minuten zu lindern. Sind es die Stirnhöhlen, dann wird Salzwasser durch die Nase gezogen, wie anderorts das weisse Pulver namens Kokain.
Doch eigentlich ist es völlig egal wo das Drama beginnt. Innerhalb der obligaten sieben Tage bekommen alle etwas davon ab.

Ich bin jetzt bei Tag neun.

Am achten Tag waren alle meine Höhlen im Kopf frei und das Nasensekret hatte nicht mehr die Farbe der Moitie-Moitie-Fonduemischung der Migros. Ausserdem hätte ich am achten Tag wegen eines Attestes zum Arzt gehen müssen. Um Himmelsgottswillen nur das nicht, ich will ja nicht krank werden.

So zog ich das Flugdunkelblau an und meldete mich zum Dienst. Los Angeles hiess das Ziel und da gehe ich in letzter Zeit ganz gerne hin.
Dass noch nicht alles so perfekt geölt lief, merkte ich an meiner Stimme. "Bärig" tief klang sie und scherbelte wie die von Rod Stewart auf Segeltour. Die acht Frauen in unserer Besatzung fanden das ganz sexy, einzelne Passagierinnen scheinbar auch.

Wie mir die Kabinenchefin über Baffin Island berichtete, hatte Passagierin auf 9B* rote Backen (in der Schweiz dürfen wir den Wangen auch Backen sagen). Eigentlich war das gar nicht so leicht zu erkennen, waren doch die Läden mitten am Nachmittag unten und die Kabine dunkel. Auch das ist so eine Sache mit diesen kleinen Fensterläden. Wenn man im November über die nordkanadische Landschaft fliegt, kann man die Augen von der Schönheit der Natur kaum lassen. Dieses blaue Novemberlicht ist traumhaft. Da fragt man sich natürlich zu Recht, warum die Passagiere soviel für einen Flug bezahlen, damit sie sich an einem viel zu kleinen Bildschirm einen stinklangweiligen Film anschauen, statt der traumhaften Winterrealität in die Augen zu blicken? Die Antwort ist ein Geheimnis, das ich jetzt lüfte: Wenn es dunkel ist, wird weniger gesoffen und gefressen – ergo haben die Kolleginnen weniger zu tun. Jawohl, so ist es. Jetzt zurück zu Passagierin 9B. Man erkannte die roten Backen in der Dunkelheit, weil sie glühten. Frauenwangen glühen nur bei zwei Gelegenheiten: entweder kaufen sie Schuhe, oder sie haben Sex. Wir führen keine Schuhe im Bordverkauf.

Jetzt weiss ich, was in ihnen vorgeht. Männer stellen sich vor, wie das in den Businesssitzen funktioniert und Frauen fragen sich, warum es im Bordverkauf eigentlich keine Schuhe zu kaufen gibt. Ich versuche Licht ins Dunkel zu bringen. Bill Clinton würde das, was auf diesen Sitzen geschehen ist, nicht als Sex bezeichnen, es war aber auch nicht das, was Bill Clinton unter Eid explizit nicht unter Sex versteht. Es war zärtlicher, diskreter – so hat man mir erzählt. Der Wonnemacher war die Hand des Gatten, Freundes, Liebhabers oder was-auch-immer. Der Frau scheinst gefallen zu haben – so wurde mir berichtet.

Ob sie etwas gesagt hätte zu dem aktiven Pärchen, wollte ich von meiner Kollegin wissen. Da rundherum gepennt wurde und das Stöhnen leiser war als das Summen der Airconditioning, hätte sie davon abgesehen, zu intervenieren.
Doch eine Frage hätte sie sich nicht verkneifen können: Would you like some Sparkling-Water? Ich finde die Frage in dieser Situation passend.

Wir flogen weiter auf Flugfläche 360 und starrten in die Landschaft hinaus. Mit rauchiger Stimme verabschiedete ich mich von den Fluggästen und wünschte ihnen ein schönes Wochenende. Als ich nach der Landung die Kabine betrat, war Frau 9B schon gegangen. Schade, ich hätte die roten Wangen auch gerne einmal gesehen.


* Sitzpseudonym; dem Verfasser ist die tatsächliche Sitzposition bekannt

Kommentare:

  1. Irgendwie erinnert mich der Beitrag daran, daß man sich nicht in seiner Sonntagshose auf Reisen begeben oder sich wenigstens eine Decke zum draufsetzen bestellen sollte. Sicherlich hinterlassen diese "Glühwürmchen" nicht nur CO2 und Schweiß ...

    "Tweety"

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  2. seeehr geiler Beitrag, wirklich wunderbar geschrieben! Vielen Dank :-D

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  3. Deine rauchige Stimme war für dich sicherlich vorteilhafter als mein geschwollenes und entzündetes Auge kürzlich auf einem Rückflug.

    Niemand, aber auch wirklich niemand fand dies auch nur im Ansatz sexy.

    Fazit: was man nur hört und nicht sieht regt die Fantasie viel mehr an.

    M

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  4. ...und nicht alles was Sex hat, ist auch wirklich sehenswert. :D

    Erblindet landet es sich jedenfalls äußerst schlecht-erklär das mal den Paxen. ;)

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