Mittwoch, November 24, 2010

Happy Holidays

Auf den Bussen steht es in grossen Lettern, in jedem Laden wird man so begrüsst und selbst auf der Strasse ruft einem ab und zu einer «Happy Holidays» zu. Man könnte fast meinen, dass sich die Amerikaner mit den SWISS-Piloten solidarisiert hätten und uns endlich die Ferien wünschen, die uns ja eigentlich zustehen.
Dem ist nicht so, denn Herr und Frau Amerika freuen sich auf den morgigen «Thanksgiving», wo landesweit das Truthahnwettessen stattfindet. Ein schöner Anlass. Nicht für das Federvieh, aber für die Amerikaner. Man spürt die Vorfreude auf das lange Wochenende. Interessiert fragen mich die Leute, wie wir in Europa diesen Anlass feiern und ernte regelmässig Unverständnis wenn ich berichte, dass wir diesen normalen Tag mitten im November arbeitend verbringen.

Das sind Kulturunterschiede, die das Leben interessant machen.

Solche Kulturunterschiede gibt es auch in unserem kleinen Land. Ich lobe mir diese Vielfalt und verstehe einzelne Regionen gut, wenn andere einen Frontalangriff auf heimische Institutionen starten. Knapp an so einer Tragödie vorbeigeschlittert ist Basel. Da wollte ein Tessiner die Hauspostille der Basler kaufen und holte sich dabei den Rat eines Zürchers der grinsend erzählt, wie in New York die Türme zu Schutt und Asche wurden. In letzter Sekunde ist jetzt ein Retter auf dem Parkett erschienen. Ein Basler, ein Patron alten Schlags, wie der Tagi zu berichten weiss.
Als erste Amtshandlung hat der Verwaltungsrat einer Ausschaffungs-Luftgesellschaft den Chefidiologen der Ausschaffer ausgeschafft, schreiben die Online-Medien.

Ach, ein bisschen viel Politik.

Zwischen den Fronten sind wie immer die Mitarbeiter. Doch ich kann die Betroffenen beruhigen. Auch ich habe schon einmal unter diesem Basler gewirkt. Naja, viel Gutes kann ich nicht berichten aber glücklicherweise bleibt er in der Regel nicht sehr lange. Bis Weihnachten solltet ihr ihn wieder los sein. In diesem Sinne: «Happy Holidays»!

Fleischeslust

Der Grund für meine neu geweckte Reiselust mitten in der Nacht ist sündiger Natur. Aussen scharf und knackig, innen weich und körperwarm. Etwas Alkohol dazu mildert das schlechte Gewissen und das gedämpfte Licht im Raum filtert alles Unwichtige aus. Nicht nur visuell ist das rosafarbene Innere umwerfend, auch die anderen Sinne tanzen vor Freude im Kreis.
Es ist vier Uhr in der Früh in der Schweiz. Zu Hause ahnt niemand was von meinem sündigen Tun. Falls meine Kollegen dicht halten, wird dieser Ausflug mein Geheimnis bleiben.

Hammer diese Steaks hier in Kalifornien. Wenn nur diese Zeitverschiebung nicht wäre …

Samstag, November 20, 2010

Kultur

Kultur ist im Pilotenberuf überlebenswichtig. Immer nur die doofen Schalter und Bildschirme betrachten, kann das Gehirn ohne Ablenkung nachhaltig schädigen.
Darum braucht es Kulturtage und heute ist so ein Kulturtag.

Als Einstimmung etwas klassischer Gesang gemischt mit britischem Humor. Der Videoclip zum Thema "Cheap Flights" passt da ausgezeichnet. Zuschauer mit "Level 4" müssen den Film vielleicht drei Mal schauen. Es lohnt sich.



Doch die richtige Kultur folgt heute Abend. Ein Berufskollege von mir hat nicht nur ein Buch geschrieben, sondern führt die Geschichte auch als Musical auf. Gestern war Premiere, heute sitze ich im Publikum. Es hat noch Tickets!

Samstag, November 13, 2010

rauchige Stimme

Eine Erkältung ist eine seltsame Sache. Irgendwo im Kopf zelebriert sie ihre Uraufführung. Hat sie sich die Nase ausgesucht, wird die kommende Nacht zur Qual. Ist es der Hals, hilft heisser Tee, den Schmerz einige Minuten zu lindern. Sind es die Stirnhöhlen, dann wird Salzwasser durch die Nase gezogen, wie anderorts das weisse Pulver namens Kokain.
Doch eigentlich ist es völlig egal wo das Drama beginnt. Innerhalb der obligaten sieben Tage bekommen alle etwas davon ab.

Ich bin jetzt bei Tag neun.

Am achten Tag waren alle meine Höhlen im Kopf frei und das Nasensekret hatte nicht mehr die Farbe der Moitie-Moitie-Fonduemischung der Migros. Ausserdem hätte ich am achten Tag wegen eines Attestes zum Arzt gehen müssen. Um Himmelsgottswillen nur das nicht, ich will ja nicht krank werden.

So zog ich das Flugdunkelblau an und meldete mich zum Dienst. Los Angeles hiess das Ziel und da gehe ich in letzter Zeit ganz gerne hin.
Dass noch nicht alles so perfekt geölt lief, merkte ich an meiner Stimme. "Bärig" tief klang sie und scherbelte wie die von Rod Stewart auf Segeltour. Die acht Frauen in unserer Besatzung fanden das ganz sexy, einzelne Passagierinnen scheinbar auch.

Wie mir die Kabinenchefin über Baffin Island berichtete, hatte Passagierin auf 9B* rote Backen (in der Schweiz dürfen wir den Wangen auch Backen sagen). Eigentlich war das gar nicht so leicht zu erkennen, waren doch die Läden mitten am Nachmittag unten und die Kabine dunkel. Auch das ist so eine Sache mit diesen kleinen Fensterläden. Wenn man im November über die nordkanadische Landschaft fliegt, kann man die Augen von der Schönheit der Natur kaum lassen. Dieses blaue Novemberlicht ist traumhaft. Da fragt man sich natürlich zu Recht, warum die Passagiere soviel für einen Flug bezahlen, damit sie sich an einem viel zu kleinen Bildschirm einen stinklangweiligen Film anschauen, statt der traumhaften Winterrealität in die Augen zu blicken? Die Antwort ist ein Geheimnis, das ich jetzt lüfte: Wenn es dunkel ist, wird weniger gesoffen und gefressen – ergo haben die Kolleginnen weniger zu tun. Jawohl, so ist es. Jetzt zurück zu Passagierin 9B. Man erkannte die roten Backen in der Dunkelheit, weil sie glühten. Frauenwangen glühen nur bei zwei Gelegenheiten: entweder kaufen sie Schuhe, oder sie haben Sex. Wir führen keine Schuhe im Bordverkauf.

Jetzt weiss ich, was in ihnen vorgeht. Männer stellen sich vor, wie das in den Businesssitzen funktioniert und Frauen fragen sich, warum es im Bordverkauf eigentlich keine Schuhe zu kaufen gibt. Ich versuche Licht ins Dunkel zu bringen. Bill Clinton würde das, was auf diesen Sitzen geschehen ist, nicht als Sex bezeichnen, es war aber auch nicht das, was Bill Clinton unter Eid explizit nicht unter Sex versteht. Es war zärtlicher, diskreter – so hat man mir erzählt. Der Wonnemacher war die Hand des Gatten, Freundes, Liebhabers oder was-auch-immer. Der Frau scheinst gefallen zu haben – so wurde mir berichtet.

Ob sie etwas gesagt hätte zu dem aktiven Pärchen, wollte ich von meiner Kollegin wissen. Da rundherum gepennt wurde und das Stöhnen leiser war als das Summen der Airconditioning, hätte sie davon abgesehen, zu intervenieren.
Doch eine Frage hätte sie sich nicht verkneifen können: Would you like some Sparkling-Water? Ich finde die Frage in dieser Situation passend.

Wir flogen weiter auf Flugfläche 360 und starrten in die Landschaft hinaus. Mit rauchiger Stimme verabschiedete ich mich von den Fluggästen und wünschte ihnen ein schönes Wochenende. Als ich nach der Landung die Kabine betrat, war Frau 9B schon gegangen. Schade, ich hätte die roten Wangen auch gerne einmal gesehen.


* Sitzpseudonym; dem Verfasser ist die tatsächliche Sitzposition bekannt

Dienstag, November 09, 2010

Simulatorflug gewinnen



Wer eine Stunde gratis den Airbus-Simulator fliegen möchte, beteiligt sich am Wettbewerb der AEROPERS!

Samstag, November 06, 2010

männliche Diven



Was denken sie, wenn sie das Wort Malediven hören? An Inseln? An Strand? An Ehekrise? Ich denke im Moment an Emser Salz, Eukalyptus Bäder und Schwitzkuren.
Tja, eigentlich sollte ich in diesem Augenblick im Flugzeug sitzen, das Cockpit vorbereiten, den Kolleginnen die Tageszeitungen klauen, Startberechnungen machen und den Tankvorgang überwachen.
Stattdessen schwitze ich Käfer aus meinem Leib und kommuniziere wegen des rauhen Halses schriftlich. Ich bin krank. Halsschmerzen statt Sonnenbrand, Kräutertee statt «Sex on the Beach».

Pech, wäre ich doch heute zum ersten Mal auf die Malediven geflogen. Für 24 Stunden nur – für mich als Bergfan ideal. Hurtig ins Meer springen, ein paar Longdrinks an der Bar schlürfen und dann mit scharfem Essen im Bauch im Bungalow verschwinden. Ein perfekter Strandurlaub.

Aber eben, so ist das Leben...

Ach so, den Titel meines Beitrages habe ich noch nicht begründet. Regelmässig-Leser wie der Eppler aus den Emiraten werden mir nicht ganz zu unrecht vorwerfen, dass ich damit Besucher in die Falle locken will. In Wahrheit habe ich einfach mal Malediven ins Google-Sprachprogramm eingegeben.
Bei Englisch - Deutsch kommt «männliche Diven» heraus. Laut Google bedeutet Malediven in Holländisch «männlicher Taucher». Was aber die Traumdestination wirklich bedeutet, weiss der Italienisch - Deutsch Übersetzer. Ich spreche nicht italienisch, Google schon. «Male diven» bedeute krank werden, weiss der Bit und Byte Übersetzer.

Das ist das erste Mal in meiner Karriere, dass mir der Computer eine Grippe im Voraus plant. Schweinerei!

Mittwoch, November 03, 2010

Lena Meyer-Landrut war gestern – es lebe Leo Wundergut!

Unsere Nachbarn haben sich letztes (oder war es dieses Jahr?) in Lena Meyer-Landrut verliebt, weil sie angeblich so authentisch ist. Die Schweiz wird nächstes Jahr das gelbe Saab-Cabrio und seinen Halter Leo Wundergut in den Ritterstand erheben, weil sie für uns den Eurovisionstitel holen.

ABSTIMMEN!

Trommelwirbel



Irgend jemand trommelt immer in Afrika. Diese Kraft, dieser Lärm, dieser Rhythmus – das alles wirkt ansteckend und belebend. Doch muss das unbedingt in den frühen Morgenstunden geschehen? Muss das Spektakel ausgerechnet dann über die Bühne gehen, wenn ich ausgestreckt im Bett liege und Träumen nachhänge, die ich an dieser Stelle gar nicht erläutern möchte?
Ändern kann ich es kaum. Schlaftrunken taste ich mich im dunklen Zimmer zur Toilette und suche nach dem Lichtschalter. Draussen trommelt es noch immer und etwas, was mit vergangenen Träumen zu tun haben könnte, behindert mich während einer Tätigkeit, die man nach dem Schlafen als erstes so macht.

Guten Morgen Kamerun!

Draussen regnet es. Ich blicke auf eine rot gefärbte Landschaft die aussieht, wie ein schlecht gewarteter Tennisplatz am Ende der Saison. Beim Tennisplatz endet der Sand spätestens in der Duschkabine, hier liegt er überall. Die Trommler trommeln, die Fahrer hupen, die Handwerker im Zimmer über mir hämmern. Jetzt fehlen nur noch die bunten Plastiktrompeten und die Afrika-Symphonie wäre perfekt.

Bonjour Yaoundée!

Der Frühstücksraum ist gut besetzt, das Buffet üppig beladen. Als Freund frischer Backwaren bin ich genau richtig. Hier sind die Brote nach französischem Rezept hergestellt und nicht nach chemischen Formeln wie bei uns. Die Eierspeise lasse ich beiseite, ich möchte heute Nacht noch nach Hause fliegen.
Die Angestellten kennen mich. Ich war gestern Morgen schon da und gestern Abend auch. Unüblich für Besatzungsmitglieder, dass sie am Abend im Hotel essen. Das gehört sich irgendwie nicht, warum weiss kein Mensch. Grund genug, die ungeschriebenen Gesetze einmal zu brechen. Ich kann es gleich vorwegnehmen, das Essen mundete ausgezeichnet, wenn es auch soviel kostete, wie ein Angestellter hier im Monat verdient. Sympathisch auch, wie sich die Leute um mich kümmerten. Der Kellner präsentierte die Speisen in den Kochtöpfen und eine einzelne Kakerlake verkroch sich unter dem Behälter mit dem Rindfleischragout. Wer jeden Abend hier isst kann nicht irren und so entschied ich mich für eben dieses Ragout. Eine ausgezeichnete Wahl übrigens.

Zurück zum Frühstück. Der Saal ist voll, Geschäftsleute stärken sich vor dem hektischen Arbeitstag. Wie überall in Afrika, sind chinesische Gesichter zahlreich vertreten. Diese Volksgruppe liebt ihre Handys noch mehr als unsere jungen Flugbegleiterinnen ihre Kommunikationsgeräte. Mit dem Unterschied allerdings, dass die Telefone in einer Lautstärke klingeln, die eigentlich für Förster im Kettensägeeinsatz entwickelt wurden. Und es ist nicht einfach ein Klingeln, es ist die Lieblingsmelodie des Besitzers. Dann schon lieber Trommelwirbel!

Zeit Adieu zu sagen. Wenn diese Zeilen im Blog erscheinen, bin ich schon wieder zu Hause. Das Internet hatte gerade Pause hier in Kamerun, ich konnte den Artikel erst nach der Heimkehr ins Netz stellen. Das Hotelmanagement entschuldigte sich gestern schriftlich über den temporären Zusammenbruch des World Wide Web und versprach Abhilfe. Moment, jetzt verstehe ich den Trommelwirbel! Sie haben das Ersatzsystem aufgeschaltet, alte und vergessene Kommunikationskanäle aktiviert! Sympathisch!

Flexibilität hilft in diesem Land, Geduld auch – oder wie heisst es hier in Kamerun:
«Vous avez les montres, nous avons le temps!»