Samstag, Oktober 09, 2010

die schönsten Laufstrecken der Welt – Montreal



Die Schiebetüre des Hotels öffnet sich, draussen ist es noch dunkel. Kalte Luft schlägt mir ins Gesicht und lässt mich an meiner Kleiderwahl zweifeln. Klamotten, in denen ich im Engadin bei zweistelligen Minuswerten über die Loipe schwebe, reichen nach einem warmen Sommer nicht aus, meinen noch müden Körper zu erwärmen. Das Terrain steigt sofort an. Ich folge der geraden Strasse und erklimme Höhenmeter um Höhenmeter. Langsam zeigt sich auch die Sonne und färbt den Himmel rot. Bereits nach einem Kilometer lasse ich den Asphalt hinter mir und tauche in den noch schlafenden Wald ein. Wie immer in grossen Städten, bin ich trotz früher Morgenstunde nicht allein. Eine sportliche Sie überholt mich, was mich nicht im Geringsten stört.

Ich habe heute keine Augen für weibliche Kurven. Auf dem Kiesweg liegen Blätter in allen Farben und Formen. Die ersten Sonnenstrahlen scheinen durch den Blätterwald und lassen die Bäume im Sekundentakt in verschiedenen Farbtönen erstrahlen. Gestern hat es geregnet und der Boden ist nass. Nebelfetzen liegen noch da und dort herum und geben dem Ganzen eine weiche Note. Erinnern sie sich an David Hamilton und seinen Film Bilitis? Die Stimmung ist ähnlich kitschig. Während dem Joggen versuche ich mich an den zweiten grossen Kinohit des gleichen Regisseurs zu erinnern, der damals mein pubertierendes Blut in Wallungen brachte. Vergeblich.

Nach knapp drei Kilometern habe ich das Hochplateau auf dem Mont-Royal erreicht. Der steife Wind, der mich gestern während der Landung forderte, ist immer noch da. Mein reichlich vorhandenes Körperfett schützt mich vor weiterem Ungemach. "Zärtliche Cousinen" – jetzt fällt mir der Name des Films wieder ein. Die Körpertemperatur steigt auch gleich um ein paar Grad.

Es führt eine kleine Runde um den höchsten Punkt des Mont-Royal. Läuft man sie wie ich im Uhrzeigersinn, dann folgt der Höhepunkt am Schluss. Beim "Chalet" angekommen, geniesst der Besucher einen herrlichen Blick über die Olympiastadt von 1976. Ich komme mir vor wie ein Bergsteiger am Eiger. Verschwitzt und leicht fröstelnd geniesse ich kurz den Gipfelsieg und mache mich subtito wieder auf den Heimweg.

Obwohl ich für den Abstieg den gleichen Weg (Südostgrad) nehme wie für den Aufstieg, zeigt sich mir der herbstliche Wald in einem völlig anderem Kleid. Erst jetzt kommen die kräftigen Farben zur Geltung, erst jetzt verstehe ich, warum der Herbst in dieser Gegend der Erde so einmalig ist. Genau eine Stunde nach meinem Start und 9.16 traumhaften Kilometern, stehe ich wieder in der überfüllten Lobby des Hotels.

Adieu Montreal!

Kommentare:

  1. Jetzt machst du mich grad doppelt neidisch!
    1. Laufen (wird erst im Frühling wieder Thema bei mir - bin gestern meine Krücken losgeworden)und
    2. dann grad noch auf den Mont Royal, wow...

    Nächstes Mal bitte noch eine Runde für mich anhängen ;-)

    Gruess vo underem Näbel
    TWR Mädel

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  2. Nice!
    Hört sich an wie Indian Summer durchgejoggt.

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  3. Der Vollständigkeit halber hier noch die gesamte Filmographie des David Hamilton gemäss IMDb:

    (6 titles)
    1984 Premiers désirs
    1983 Un été à Saint-Tropez
    1980 Tendres cousines
    1979 Laura, les ombres de l'été
    1977 Bilitis
    1975 Hildegard Knef und ihre Lieder

    Wobei unsere pubertären Träume sich auch gerne um Sophie Marceau drehten. Bevor wir Piloten wurden. Dann drehten sie sich um allerlei andere...

    M

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  4. @TWR Mädel:
    KRÜCKEN!?! Oje. Ich wünsche gute Besserung!

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  5. @anonym:
    ... danke für die Erinnerungen.
    La Boum – das waren noch Zeiten!

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  6. Danke - es geht aufwärts :-)

    Handelt sich um eine Alterserscheinung - ich musste in den Service... Bin inzwischen aber wieder on air.

    TWR Mädel

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  7. Gleich merken, die Strecke, da gehts in etwas mehr als einem Monat auch hin :-)

    @TWR Mädel: ebenfalls gute Besserung

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  8. ..und denn es Zmorge im Eggspectation oder ?

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  9. Alternativ und weniger Wind-exponiert beim nächsten Mal: Rue Peel runter bis an den Canal Lachine, dann diesem auf der Südseite à volonté in Richtung Westen folgen, vorbei an Schleusen und Industriegeschichte. Zurück auf der Nordseite und beim Marché Atwater im grossartigen Bäckerei-Café Première Moisson zmörgele. Und dem mit Migros-Säcken einkaufenden Schreiberling Hallo sagen! ;-)

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