Sonntag, September 26, 2010

f****** cold

Von den asiatischen U-Bahnen ist man es sich gewöhnt, auch in Restaurants herrschen dort frostige Temperaturen. Doch in Schweizer Flugzeugen wird in der Regel für eine kuschelige Atmosphäre gesorgt. 24 Grad sind üblich, 30 Grad möglich.
Jetzt ist aber bei uns die Heizung ausgefallen und wir sitzen mit unseren dünnen Uniformhemden schlottern im Cockpit und erfreuen uns ab Temperaturwerten von 16 Grad. Ich kommen mir vor wie in einem Biwak in einer Nordwand – einfach ohne Biwaksack… Das Einzige, das mich jetzt vom Bergsteiger im Himalaya unterscheidet, ist die Nespresso-Maschine, die im Viertelstundentakt warmen Trost spendet. Seit zehn Stunden ist die Heizung im Cockpit bereits defekt. Der Chef und ich haben uns Decken um alle möglichen und unmöglichen Körperteile geschlungen und der sonst verhasste PaceBlade spendet etwas Wärme auf den Oberschenkeln. Ich fühle mich wie Lindberg bei seiner Atlantiküberquerung, einfach ohne pelzgefüttertes Lederkombi. Das Approach-Briefing in Zürich beginnt mit dem Satz: «Let‘s do a deep frozen Flight-Director Approach for RWY 34 ...»

Gesundheit!

Freitag, September 24, 2010

ich habe es getan

Ich bin in Bangkok und ich habe es getan. Lange habe ich der Versuchung widerstanden und mich geweigert das zu machen, was viele im heimlichen treiben. Wenn Crewmitglieder von zu Hause weg sind, vergessen sie Prinzipien und Vorsätze. Moralische Grenzen sind schnell verschoben und die Distanz zum familiären Umfeld fördert das überschreiten der imaginären Linie noch zusätzlich.

Unter meinesgleichen kann ich es kaum beichten, Kolleginnen verstehen mich nicht. Befinde ich mich allerdings in Begleitung männlicher Piloten, steigt das Verständnis exponentiell an. «War es schön?», «Bist du schneller ermüdet als sonst?» – das sind die meistgehörten Fragen nach dem Outing.

Interessant finde ich die Tatsache, dass sich die Meisten am Anfang schwer taten. So was tut man einfach nicht, das entspricht nicht unserer Kultur und unserer Erziehung. Doch nach dem ersten Mal sind sich alle einig: Es ist befreiend, gar nicht so schlimm, manchmal sogar schön und in gewissen Situationen peinlich. Ich habe noch keinen ER getroffen, der es nicht wieder tun würde. Ich habe aber auch noch kein SIE kennengelernt, die es zugeben würde. Seltsam, nicht?

Ich will niemanden bekehren, auch nicht zur Sünde überreden. Wenn sie wieder einmal einsam sind und im Dunkeln nicht wissen was mit der Zeit anstellen, überwinden sie ruhig die Hemmungen. Laden sie ein Buch auf das iPad und lesen sie es elektronisch. Es ist erstaunlich angenehm, einfach und glauben sie mir, im Versteckten tun das viele – vor allem Männer.

Dienstag, September 14, 2010

Barfuss

Im Frühling dieses Jahres war ich mit einem Kapitän unterwegs, der sportlich ist wie kein zweiter. Nicht krankhaft sportlich, sondern sportlich aus Leidenschaft. Wenn er nicht fliegt, dann rennt er oder kraxelt mit dem Fahrrad einen Berg hoch – oder er pafft eine Marlboro grün und spielt Karten dazu. Widerspruch? Vielleicht.
Auf jeden Fall ist er ein Genussmensch und das Bewegen ist Genuss pur für ihn. Auf über zehn Kilometern Höhe über den Rocky Mountains erzählte er mir von seinen Plänen, geplanten Touren und von einem faszinierenden Buch, das er gerade lese. «Born to Run» stand auf dem Buchdeckel und es handelte vom einem Amerikanischen Journalisten, der sich aufmachte Indianer in den Copper Canyons aufzuspüren, die ohne Waffen jagten indem sie die Tiere zu Tode hetzten.
Man muss nicht extra betonen, dass dies eine gute Kondition voraussetzt. Müssen die Jäger doch regelmässig Distanzen von über 70 Kilometer zurücklegen, bis das Tier an Überhitzung stirbt.
Die Tarahumara waren weder von Nike noch von Adidas gesponsert, sondern liefen Barfuss oder in selbst geschneiderten Sandalen.

Das Buch ist nicht nur eine philosophische Läuferreise, sondern vor allem ein Angriff auf die Laufschuhindustrie und ihre Produkte. So wird im Buch eine Studie von der Uni Bern zitiert, wo nachgewiesen wurde, dass die Verletzungen bei Läufern mit dem Preis der Laufschuhe korrelieren. Mit anderen Worten, je teurer der Laufschuh, desto mehr Verletzungen …
Mmmh, man neigt dazu, der Studie nicht zu glauben. Da drängt sich ein Selbstversuch förmlich auf. Mit meinen über 110 Kilogramm falle ich aus jedem Schema. Seit Jahren laufe ich in Hightechschuhen, die im «Ochsner Sport» 280 Sfr. kosten und bei «Foot Locker» 99 U$. Nach Laufausflügen von mehr als einer Stunde oder nach Läufen auf Asphalt, litt ich regelmässig unter harten Waden und schmerzenden Achillessehnen. Genau wie der Autor des Buchs. Er hat dies mit Barfuss-Laufen weggebracht, warum sollte das nicht auch bei mir klappen?
So kaufte ich mir vor ein paar Monaten ein Paar Nike Free (160 SFr. in der Schweiz, 85U$ in Amerika), die laut Werbung dem Barfusslaufen nahe kommen. Seit über 400 Laufkilometern bin ich beschwerdefrei. Faszinierend!

Selbst in den Bergen funktioniert es einwandfrei. Der gestrige Lauf von Silvaplana zum Hahnensee und über Munt San Gian zurück, überzeugte mich trotz steilen Serpentinen vom «Barfusslaufen». Auf jeden Fall lief ich den Bündner Jägern um die Ohren, die meine Anwesenheit gar nicht erfreute, weil ich ihnen das Wild vor dem Karabiner verscheuchte. Doch vor mir mussten die Gämse keine Angst haben, 70 Kilometer habe ich noch lange nicht drauf….

Donnerstag, September 02, 2010

Panik

Läuft die Zeit auf der Langstrecke langsam ab, kommen existentielle Ängste auf. Fragen beschäftigen einen, die auch mal ein paar Stunden Schlaf kosten können und somit indirekt auch die Flugsicherheit und die Gesundheit gefährden. Geteiltes Leid ist halbes Leid, darum Liste ich mal meine Fragen auf. Vielleicht weiss wer Antwort...

Wo kriegt man in Europa Schuhe in Grösse 49?
Wann und wo geht der gewöhnliche Europäer zum Friseur und was kostet das?
Wo kriegt man Laufschuhe unter 100 Franken?
Wo isst man gute Sushi?
Wo ist die Massage pro Minute billiger als der Minutentarif der Swisscom?
Sind die Jeans in Europa im Vergleich zu denen in der USA wirklich soviel mal besser als sie kosten?
Darf man in der Schweiz mit dem Auto bei Rot rechts abbiegen?
Kommt man während eines Kurzstreckenflugs zum Zeitungslesen?
Wer weiss, wo ich die Socken in meiner Grösse bekomme?
Wo befindet sich im A320 die Nespresso-Maschine?

Danke für die Antworten!

NFF, Los Angeles