Sonntag, August 01, 2010

Flug verpasst!

Die Koffer waren gepackt, die Flugunterlagen bereit. Der Pass wartete im Crew-Bag auf einen neuerlichen Stempel und die ¥en auf die Reise in ihr Heimatland. Doch ich reiste nicht, ich verpasste das Flugzeug.
Dass die A340 nicht ohne Copilot Richtung aufgehende Sonne zog, dafür sorgten die Kolleginnen der Crew Disposition. Ein Kollege, der seit fünf Uhr in der Früh Bereitschaftsdienst schob, musste einspringen. Ob er Japan genauso liebt wie ich, entzieht sich meiner Kenntnis. Dass er aber kein Geschenk für die Mechanikerin der Lufthansa dabei hatte, davon bin ich überzeugt. Schade, sie hätte sich gefreut.

Tja, so schwebte das Flugzeug ohne mich, dafür mit massig Verspätung über Sibirien, was mir wiederum einen schönen Samstag-Nachmittag auf der Terrasse bescherte. Jetzt fragt sich der Leser mit Recht, welche Konsequenzen das für mich hatte? Die Antwort ist einfach: keine (oder fast keine). Die Gründe für die Umstellungen sind wie immer in der Fliegerei vielschichtig und die Ursachen liegen nicht selten Tage zurück.
Es gab eine ausserplanmässige Landung, ein Flugzeug fehlte, ein anderes wurde aufgeboten, die Besatzung auch. Einsätze von vielen Besatzungsmitgliedern wurden umorganisiert, damit die Passagieren ihren Bestimmungsort auch erreichten. Dafür wurden Piloten aus der Bereitschaft geholt, die an anderen Orten dann fehlten. Am Ende der Kette stand wie so oft meine Wenigkeit.

Statt «meinen» Flug nach Tokio anzutreten, wurde ich zum Bereitschaftsdienst eingeteilt. Klingt unlogisch, hat aber durchaus seine Berechtigung. Der Kollege, der für meinen geplanten Flug aufgeboten wurde, hatte zwischen 5 Uhr in der Früh und 17 Uhr Bereitschaftsdienst (wir nennen das STBY05). Ab 17 Uhr könnte man ihn nicht mehr aufbieten. Er wäre für die späten Abflügen nicht einsetzbar. Und er war an diesem Tag aufgrund der vielen Umstellungen noch die einzige Reserve.

Kein Soldat zieht gerne ohne Munition in den Kampf und das pünktliche Herausbringen der Spätabflüge mit der neuen Nachtverordnung am Flughafen Zürich kann durchaus als Ernstkampf betrachtet werden. So schickten die Kolleginnen der Dispo die STBY05 nach Narita und mir kam die Ehre zu, der letzte Rettungsanker für die Spätabflüge zu spielen. So schiebe ich schon wieder Reserve-Dienst und kann davon ausgehen, dass der eben publizierte Einsatzplan bereits wieder Makulatur ist. Ich darf damit rechnen, dass der ganze Monat umgekrempelt wird – die Freitage auch …

Mein Kollege hat die Einsatzproblematik mit dem Stones Lied „I can't get no satisfaction…“ beschrieben. Ich bediene mich am heutigen Bundesfeiertag (Tag der Schweizer Uneinigkeit) dem volkstümlichen Liedergut: „Lustig ist das Pilotenleben, faria faria ho, …“

Kommentare:

  1. Immer wieder spannend - und auch erheiternd, Deine Geschichte.
    Bin immer wieder gerne mit an Board!
    Danke, schönen Sonntag und liebe Grüessli
    Franziska Sternenzauber

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  2. ...hättest auch meinen NBO haben können ;-)

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