Freitag, August 06, 2010

die schönsten Laufstrecken der Welt – Engadin


Laufstrecke: 6.21 Kilometer
Ort: Surlej, Engadin
Publikum: Joggingsüchtige aus aller Welt
Laufniveau: Weltklasse
Beste Tageszeit: bei Tageslicht, wenn kein Schnee liegt (also im Juli)
Highlight: am Ufer von fünf Bergseen

Vom brasilianischen Winter in den Schweizer Berg-Sommer. Das bedeutet von 15°C in Sao Paulo nach 1°C und Schneefall auf dem Julierpass. Ideales Joggingwetter! Skimütze oder nicht?, das beschäftigte mich vor dem Lauf an diesem August-Tag. Ich entschied mich aus Prinzip dagegen. Welcher Depp läuft im August schon mit Skimütze herum?

Langsam jogge ich mich auf der via da Surlej ein. Es geht leicht bergab und das ist auch gut so. Meine Glieder sind noch müde vom morgendlichen Hundespaziergang und steif vom langen Nachtflug vor Tagesfrist. An der Brücke bereue ich meine Prinzipien zum ersten Mal. Die Ohren scheinen am Kopf angefroren zu sein. Der Silvaplanersee ist für einmal kitefrei (wen wunderts…). Der Blick geht hoch zur Corviglia, wo sich alles in frischem Weiss präsentiert. Es ist übrigens gar nicht so selten, dass im August die Flocken bis ins Tal fallen. Hier oben schneit es jeden Monat mindestens ein Mal, ausser im Januar.
Der schmale Weg ist feucht und ganz «Goof», lasse ich keine Pfütze aus. Entlang dem Champferersee begegnet mir keine Seele. Ich laufe mein Tempo und habe das Gefühl zu schweben.
Kurz vor dem Schanzenanstieg dann der Schock. Eine Gruppe Kenianer überholt mich lautlos und in einem Tempo, als hätte ich Leim am Schuh. Obwohl ich noch nie Gazellen gesehen habe behaupte ich einmal, dass die so leichtfüssig wie diese Viecher traben. Und schlank sind die! Gopfritschtutz! Man bekommt glatt Mitleid.

Das Herz schlägt schneller beim Anstieg zum Lej Marsch. Die Ohren sind etwas wärmer, die Beine heiss. Rauch schlägt mir ins Gesicht, als ich die Anhöhe erreiche. Holländer am Grillen! Das müssen Holländer sein, wer sonst feuert bei diesen Temperaturen im Freien an?

Die Serpentinen zum Lej Nair sind brutal. Zum Glück habe ich keine Zuschauer. Ich gebe ein erbärmliches Bild ab. Am See angekommen ein paar Hündeler. Doch nicht sie versperren mir den Weg, es ist eine junge Mutter mit einem Kinderwagen. Gut, Kinderwagen ist vielleicht der falsche Ausdruck. Es handelt sich eher um eine Sänfte. Wenn der Kleine sich schon jetzt an solche Dimensionen gewöhnt, was steht da in ein paar Jahren wohl in der Garage?
Lej Zuppa ist der letzte See auf meinem Ausflug. Wieder geht es aufwärts. Nach weiteren 70 Höhenmetern endlich der Kulminationspunkt. Jetzt nur noch runter, jetzt subito an die Wärme. Beim Auslaufen zeigt der Computer 724 verbrannte Kilokalorien an. 724 Kilokalorien, die jetzt mit Süssigkeiten aus der Bäckerei nachgeschoben werden...