Dienstag, August 03, 2010

Die schönsten Laufstrecken der Welt - Sao Paulo


Laufstrecke: zwischen 7,65 und 11 Kilometern
Ort: Parque Ibirapuera, Sao Paulo, Brazil
Publikum: fitnessbewusstes In-People mit zu großen Busen und zu kleinen Büstenhaltern
Laufniveau: zwischen Churchill und Viktor Rötlin
Beste Tageszeit: Morgenstunden ab 7 Uhr

Mit weissen Socken, Shorts und einem Multifunktionsleibchen sehe ich unter all den Schlipsträgern ziemlich dämlich aus. Doch das darf mich in diesem wichtigen Augenblick nicht beeinflussen, steht doch das erste wichtige Monument nach dem Anlaufen unmittelbar bevor: das scharfe Eck. Bauch einziehen und den eben gelandeten Kolleginnen und Kollegen freundlich zuwinken. Einige grüssen mit dem Caipirinha in der Hand, andere zeigen mir den Vogel.

An der Gastankstelle vorbei, versuche ich die zahlreichen Passanten auf dem Gehsteig nicht anzurempeln. Drei Mal muss ich eine lebensgefährliche Strasse überqueren, bis endlich die Abilio Soares in Sicht kommt. Dieser Strasse muss ich jetzt ungefähr einen Kilometer folgen, bis ich in unmittelbarer Nähe zur Militärkaserne auf den Parkeingang Nummer zehn stosse. Die Abilio Soares fällt steil ab und Hindernisse in Form von Schlaglöchern, abenteuerlich betonierten Einfahrten und unvorsichtig aufgestellten Signalmasten, verlangen von mir höchste Aufmerksamkeit. Das am Vorabend kredenzte Kurvenwasser erweist sich bei der Navigation um die kleinen Gemeinheiten als schlechte Hilfe.

89 Höhenmeter nach dem Einstieg in die viel befahrene Serpentine, erreiche ich die Talsohle. Jetzt folgt die Kür. Ein Wachmann mit einem bedrohlichen Schiessgewehr in der Hand winkt mich durch. Ich bin im Park - endlich! Zehn Minuten nach dem siebten Glockenschlag bin ich Teil einer Bewegung. Ein WIR-Gefühl kommt auf. Wir alle tun etwas Gutes oder meinen es zumindest. Im Pulk gehöre ich zur Kategorie der Überholten. Rechts ziehen die Fahrräder mit den maximal erlaubten 20 km/h vorbei, deren Einhaltung zu meiner Verwunderung doch tatsächlich von zwei Polizisten mit Radarpistolen überprüft werden. Auch die Brasilianischen Gesetzeshüter müssen das Geld da eintreiben, wo es etwas zu holen gibt. Auf meiner linken Seite spurten die Damen (sehr zahlreich und jung) und Herren (weniger zahlreich und alt) an mir vorüber.

Die Jogger aller Altersklassen und Geschlecht, scheinen Wettkämpfe zu lieben. Niemand verzichtet auf ein Shirt, das vom Besuch einer Laufveranstaltung zeugt. Bunt müssen sie sein und voller Werbung. Die Runde in dieser grünen Lunge der betonierten Stadt ist schnell zu Ende. Ich verzichte am heutigen Tal auf eine zweite und verschiebe das auf Morgen. Am Ende erscheinen 7.65 Kilometer auf meinem GPS und das reicht doch allemal.

Am Ausgang zehn steht der Wachmann steif wie immer und zeigt mit dem Lauf des Gewehrs auf meinen müden Quadriceps. Ruhig Blut wünsche ich ihm und renne schnellen Schrittes Richtung Abilio Soares. Eine Viertelstunde später und 89 Höhenmeter reicher, passiere ich wieder das scharfe Eck. Die Kolleginnen und Kollegen sehen jetzt wesentlich älter aus. Sie zollen Tribut für den Nachtflug und die vielen leeren Gläser auf dem wackligen Tisch. Jetzt kann ich den Vogel zeigen, bemerkt wir es von den müden Gestalten eh nicht. 51 Minuten später (ja, ich bin so langsam) betrete ich wieder die Lobby und neue Schlipsträger begutachten mich neuerlich mit Verachtung. Mir egal, ich bin glücklich!

Kommentare:

  1. Die Taktik des sich Überholenlassens wende ich jeweils auch an, vornehmlich bei den erwähnten Damen im Park. Der Wachmann ist übrigens sehr nett und hat noch nie geschossen als ich vorbei lief. Vermutlich sah ich nach der Runde so bemitleidenswert aus, dass er auf diese Weise schlichtweg sein Erbarmen bekundete.

    M

    AntwortenLöschen
  2. Bei der Laufzeit hast du sicher einige Fotos vom "Publikum" geschossen, die du mit uns teilen willst, gell?! :-)

    AntwortenLöschen
  3. Eine Viertelstunde für die 89 Höhenmeter vom Park zum Scharfen Eck? Da bist Du wohl näher bei Röthlin als bei Churchill...

    Oder hat Dein IPhone die gleiche Wirkung wie RedBull?

    AntwortenLöschen
  4. @M.:
    ... in Narita ist das ja wesentlich unspektakulärer. Die Amerikanerinnen auf dem Langlauf-Simi geben kein so schönes Bild ab :-)

    @G!:
    ... nö, habe nicht geschossen, weder Bilder noch ...

    @skypointer:
    ... genau genommen 11:31 Minuten laut dem GPS. Da gibt es halt nichts mehr zu sehen :-)

    AntwortenLöschen
  5. Das Lauftempo verhält sich umgekehrt proportional zur optischen Reizung des Sehnerves während des Laufens.

    @nff: Gebe dir recht, im Fitness in Narita ist jederzeit mit einem Erdbeben zu rechnen, wenn die F/A der AA aufs Laufband steigt...

    M

    AntwortenLöschen