Dienstag, August 31, 2010

Augenschmalz

Müde reibe ich mir die Augen. Die Sonne scheint im flachen Winkel durch die Scheibe und blendet unangenehm hell.
Nein, ich bin nicht im Cockpit, ich sitze auf der Couch, betreibe Flugvorbereitung und surfe dabei ziellos durch die vielen Seiten des Internets.
Irgendwann zwischen Kaffee und Crewliste landete ich auf meinem Blog: *Hergottsternensiech* – ganze vierzehn Tage keinen Eintrag!
Dabei bin ich geflogen wie ein Verrückter. In Brasilien war ich und in Kalifornien auch. Gerannt bin ich, gesurft habe ich auch. Doch zum Bloggen hat es irgendwie nicht gereicht.
Schuld war nicht etwa ein Schreibstau oder gar verlorene Motivation, Schuld war des Apples iPad.
Zum Einen habe ich mich noch nicht ganz an die Tastatur gewöhnt, zum Anderen werde ich dauern von den Inhalten der Schiefertafel abgelenkt. Es hat so viel Text auf diesen 64GB!
Bücher zu allen Flugzeugtypen, Vorschriften zum Passagier- und Cargo-Handling fanden den Weg auf das iWunderding. Ein Uniform-Reglement existiert genauso wie ein Paragraf, der die Konsistenz des noch tolerierbaren Stuhlgangs beschreibt.
Ab damit in den Speicher!
Funkkarten, Bulletins, Bulletins, Bulletins, ..... und noch mal Bulletins. Alles auf die Tafel, alles in den Kopf!
Einmal in der Karriere sollte man das alle gelesen haben und dieser Zeitpunkt kommt für mich näher und näher.
Das Fliegen bekommt mit alle dem eingesaugten Wissen einen neuen Stellenwert. Man geniesst das neu erworbene Wissen, vermisst aber die Leichtigkeit des Unwissenden.
Mit diesem Satz ist die Flugvorbereitung abgeschlossen. In viel Stunden starte ich Richtung Kalifornien. Die Joggingschuhe im Gepäck, den iPad auch.

Samstag, August 14, 2010

die schönsten Flanierstrecken der Welt – Tel Aviv


Flanierstrecke: 2 Kilometer
Ort: Tel Aviv, Israel
Publikum: da bleibt dir die Spucke weg
Niveau: Weltklasse
Beste Tageszeit: 08:00 bis 23:00 Uhr
Highlight: no comment

Vergesst die South Beach in Miami, vergesst die Copacabana in Rio und das Strandbad Tiefenbrunnen. Der Strand in Tel Aviv zwischen der Marina und «Old Jaffa» hält sogar Hardcorejogger wie mich vom Sport ab. Flanieren ist hier angesagt und das den ganzen Nachmittag lang.
Leider ist der Aufenthalt kurz und leider hatte ich wieder keine Kamera dabei. Schade!
Da ich zum Schreiben keine Lust hatte, lasse ich Nicolas Bouvier meine Gedanken formulieren: Wenn ich nicht viel geschrieben habe, lag es daran, dass ich meine ganze Zeit darauf verwandte, glücklich zu sein.
(Nicolas Bouvier, die Erfahrung der Welt)

Freitag, August 06, 2010

die schönsten Laufstrecken der Welt – Engadin


Laufstrecke: 6.21 Kilometer
Ort: Surlej, Engadin
Publikum: Joggingsüchtige aus aller Welt
Laufniveau: Weltklasse
Beste Tageszeit: bei Tageslicht, wenn kein Schnee liegt (also im Juli)
Highlight: am Ufer von fünf Bergseen

Vom brasilianischen Winter in den Schweizer Berg-Sommer. Das bedeutet von 15°C in Sao Paulo nach 1°C und Schneefall auf dem Julierpass. Ideales Joggingwetter! Skimütze oder nicht?, das beschäftigte mich vor dem Lauf an diesem August-Tag. Ich entschied mich aus Prinzip dagegen. Welcher Depp läuft im August schon mit Skimütze herum?

Langsam jogge ich mich auf der via da Surlej ein. Es geht leicht bergab und das ist auch gut so. Meine Glieder sind noch müde vom morgendlichen Hundespaziergang und steif vom langen Nachtflug vor Tagesfrist. An der Brücke bereue ich meine Prinzipien zum ersten Mal. Die Ohren scheinen am Kopf angefroren zu sein. Der Silvaplanersee ist für einmal kitefrei (wen wunderts…). Der Blick geht hoch zur Corviglia, wo sich alles in frischem Weiss präsentiert. Es ist übrigens gar nicht so selten, dass im August die Flocken bis ins Tal fallen. Hier oben schneit es jeden Monat mindestens ein Mal, ausser im Januar.
Der schmale Weg ist feucht und ganz «Goof», lasse ich keine Pfütze aus. Entlang dem Champferersee begegnet mir keine Seele. Ich laufe mein Tempo und habe das Gefühl zu schweben.
Kurz vor dem Schanzenanstieg dann der Schock. Eine Gruppe Kenianer überholt mich lautlos und in einem Tempo, als hätte ich Leim am Schuh. Obwohl ich noch nie Gazellen gesehen habe behaupte ich einmal, dass die so leichtfüssig wie diese Viecher traben. Und schlank sind die! Gopfritschtutz! Man bekommt glatt Mitleid.

Das Herz schlägt schneller beim Anstieg zum Lej Marsch. Die Ohren sind etwas wärmer, die Beine heiss. Rauch schlägt mir ins Gesicht, als ich die Anhöhe erreiche. Holländer am Grillen! Das müssen Holländer sein, wer sonst feuert bei diesen Temperaturen im Freien an?

Die Serpentinen zum Lej Nair sind brutal. Zum Glück habe ich keine Zuschauer. Ich gebe ein erbärmliches Bild ab. Am See angekommen ein paar Hündeler. Doch nicht sie versperren mir den Weg, es ist eine junge Mutter mit einem Kinderwagen. Gut, Kinderwagen ist vielleicht der falsche Ausdruck. Es handelt sich eher um eine Sänfte. Wenn der Kleine sich schon jetzt an solche Dimensionen gewöhnt, was steht da in ein paar Jahren wohl in der Garage?
Lej Zuppa ist der letzte See auf meinem Ausflug. Wieder geht es aufwärts. Nach weiteren 70 Höhenmetern endlich der Kulminationspunkt. Jetzt nur noch runter, jetzt subito an die Wärme. Beim Auslaufen zeigt der Computer 724 verbrannte Kilokalorien an. 724 Kilokalorien, die jetzt mit Süssigkeiten aus der Bäckerei nachgeschoben werden...

Dienstag, August 03, 2010

Die schönsten Laufstrecken der Welt - Sao Paulo


Laufstrecke: zwischen 7,65 und 11 Kilometern
Ort: Parque Ibirapuera, Sao Paulo, Brazil
Publikum: fitnessbewusstes In-People mit zu großen Busen und zu kleinen Büstenhaltern
Laufniveau: zwischen Churchill und Viktor Rötlin
Beste Tageszeit: Morgenstunden ab 7 Uhr

Mit weissen Socken, Shorts und einem Multifunktionsleibchen sehe ich unter all den Schlipsträgern ziemlich dämlich aus. Doch das darf mich in diesem wichtigen Augenblick nicht beeinflussen, steht doch das erste wichtige Monument nach dem Anlaufen unmittelbar bevor: das scharfe Eck. Bauch einziehen und den eben gelandeten Kolleginnen und Kollegen freundlich zuwinken. Einige grüssen mit dem Caipirinha in der Hand, andere zeigen mir den Vogel.

An der Gastankstelle vorbei, versuche ich die zahlreichen Passanten auf dem Gehsteig nicht anzurempeln. Drei Mal muss ich eine lebensgefährliche Strasse überqueren, bis endlich die Abilio Soares in Sicht kommt. Dieser Strasse muss ich jetzt ungefähr einen Kilometer folgen, bis ich in unmittelbarer Nähe zur Militärkaserne auf den Parkeingang Nummer zehn stosse. Die Abilio Soares fällt steil ab und Hindernisse in Form von Schlaglöchern, abenteuerlich betonierten Einfahrten und unvorsichtig aufgestellten Signalmasten, verlangen von mir höchste Aufmerksamkeit. Das am Vorabend kredenzte Kurvenwasser erweist sich bei der Navigation um die kleinen Gemeinheiten als schlechte Hilfe.

89 Höhenmeter nach dem Einstieg in die viel befahrene Serpentine, erreiche ich die Talsohle. Jetzt folgt die Kür. Ein Wachmann mit einem bedrohlichen Schiessgewehr in der Hand winkt mich durch. Ich bin im Park - endlich! Zehn Minuten nach dem siebten Glockenschlag bin ich Teil einer Bewegung. Ein WIR-Gefühl kommt auf. Wir alle tun etwas Gutes oder meinen es zumindest. Im Pulk gehöre ich zur Kategorie der Überholten. Rechts ziehen die Fahrräder mit den maximal erlaubten 20 km/h vorbei, deren Einhaltung zu meiner Verwunderung doch tatsächlich von zwei Polizisten mit Radarpistolen überprüft werden. Auch die Brasilianischen Gesetzeshüter müssen das Geld da eintreiben, wo es etwas zu holen gibt. Auf meiner linken Seite spurten die Damen (sehr zahlreich und jung) und Herren (weniger zahlreich und alt) an mir vorüber.

Die Jogger aller Altersklassen und Geschlecht, scheinen Wettkämpfe zu lieben. Niemand verzichtet auf ein Shirt, das vom Besuch einer Laufveranstaltung zeugt. Bunt müssen sie sein und voller Werbung. Die Runde in dieser grünen Lunge der betonierten Stadt ist schnell zu Ende. Ich verzichte am heutigen Tal auf eine zweite und verschiebe das auf Morgen. Am Ende erscheinen 7.65 Kilometer auf meinem GPS und das reicht doch allemal.

Am Ausgang zehn steht der Wachmann steif wie immer und zeigt mit dem Lauf des Gewehrs auf meinen müden Quadriceps. Ruhig Blut wünsche ich ihm und renne schnellen Schrittes Richtung Abilio Soares. Eine Viertelstunde später und 89 Höhenmeter reicher, passiere ich wieder das scharfe Eck. Die Kolleginnen und Kollegen sehen jetzt wesentlich älter aus. Sie zollen Tribut für den Nachtflug und die vielen leeren Gläser auf dem wackligen Tisch. Jetzt kann ich den Vogel zeigen, bemerkt wir es von den müden Gestalten eh nicht. 51 Minuten später (ja, ich bin so langsam) betrete ich wieder die Lobby und neue Schlipsträger begutachten mich neuerlich mit Verachtung. Mir egal, ich bin glücklich!

Montag, August 02, 2010

Flug wieder verpasst!

Ach dieser 1. August! Nachdem mich die Knallerei am Vorabend nicht einschlafen liess, weckte mich der Hund um sechs Uhr in der Früh. Morgenstund hat Gold im Mund. Der Rest vom Morgen war dafür ruhig. Doch bereits in der ersten Minute nach dem Wechsel in den Nachmittag klingelte das Telefon. Miami brauche wegen einer Verspätung eventuell Verstärkung, meinte die Dame am anderen Ende der Leitung. Bereitmachen, aber warten!, lautete der Befehl.
Ich gehorchte. Der Koffer war noch für Japan gepackt. Vom tropischen Osten in den tropischen Westen brauchte es nur marginale Anpassungen im mobilen Kleiderschrank. Die langen Hosen wurden mit kurzen vertauscht, die Badehosen eingepackt.
Die A340 sei jetzt in der Luft, hiess es 30 Minuten später. Augenblicke danach dröhnte der Vierstrahler über meinen Liegestuhl. Da flog er nun, der LX64 und ich nahm zur Kenntnis, dass ich innerhalb 20 Stunden zum zweiten Mal ein Flugzeug verpasste.

Müdigkeit kam auf und ich schloss die Augen. Gerade eingenickt klingelte etwas in meinem Traum. Zuerst weit weg, dann immer näher. Es brauchte eine ungewöhnlich lange Zeitspanne bis ich merkte, dass mich jemand brauchte.
Sao Paulo heute Nacht! Was nach Notfall klang, entpuppte sich als Blindgänger. Take-Off in sechs Stunden - naja! Wann merken die Leute der Disposition endlich, dass ihre Kunden am Nachmittag ein Nickerchen machen, wenn ihnen ein Nachtflug droht.
Ans Schlafen war nicht mehr zu denken, so packte ich den Koffer neuerlich. Weg mit den tropischen Lumpen, es geht in den brasilianischen Winter! Faserpelz statt Badehose, solides Schuhwerk statt Flip-Flops.

So liege ich mitten in der Nacht im dunklen Crewbunk und versuche meine 196 cm im 190 cm langen Bett zu platzieren. Die Meteorologen melden für Sao Paulo Nieselregen und 13 Grad, in Miami wäre es kurz vor Mitternacht Ortszeit 29 Grad. Fast so warm wie unter der heimischen Bettdecke, wo ich jetzt liebend gerne wäre ....

Sonntag, August 01, 2010

Flug verpasst!

Die Koffer waren gepackt, die Flugunterlagen bereit. Der Pass wartete im Crew-Bag auf einen neuerlichen Stempel und die ¥en auf die Reise in ihr Heimatland. Doch ich reiste nicht, ich verpasste das Flugzeug.
Dass die A340 nicht ohne Copilot Richtung aufgehende Sonne zog, dafür sorgten die Kolleginnen der Crew Disposition. Ein Kollege, der seit fünf Uhr in der Früh Bereitschaftsdienst schob, musste einspringen. Ob er Japan genauso liebt wie ich, entzieht sich meiner Kenntnis. Dass er aber kein Geschenk für die Mechanikerin der Lufthansa dabei hatte, davon bin ich überzeugt. Schade, sie hätte sich gefreut.

Tja, so schwebte das Flugzeug ohne mich, dafür mit massig Verspätung über Sibirien, was mir wiederum einen schönen Samstag-Nachmittag auf der Terrasse bescherte. Jetzt fragt sich der Leser mit Recht, welche Konsequenzen das für mich hatte? Die Antwort ist einfach: keine (oder fast keine). Die Gründe für die Umstellungen sind wie immer in der Fliegerei vielschichtig und die Ursachen liegen nicht selten Tage zurück.
Es gab eine ausserplanmässige Landung, ein Flugzeug fehlte, ein anderes wurde aufgeboten, die Besatzung auch. Einsätze von vielen Besatzungsmitgliedern wurden umorganisiert, damit die Passagieren ihren Bestimmungsort auch erreichten. Dafür wurden Piloten aus der Bereitschaft geholt, die an anderen Orten dann fehlten. Am Ende der Kette stand wie so oft meine Wenigkeit.

Statt «meinen» Flug nach Tokio anzutreten, wurde ich zum Bereitschaftsdienst eingeteilt. Klingt unlogisch, hat aber durchaus seine Berechtigung. Der Kollege, der für meinen geplanten Flug aufgeboten wurde, hatte zwischen 5 Uhr in der Früh und 17 Uhr Bereitschaftsdienst (wir nennen das STBY05). Ab 17 Uhr könnte man ihn nicht mehr aufbieten. Er wäre für die späten Abflügen nicht einsetzbar. Und er war an diesem Tag aufgrund der vielen Umstellungen noch die einzige Reserve.

Kein Soldat zieht gerne ohne Munition in den Kampf und das pünktliche Herausbringen der Spätabflüge mit der neuen Nachtverordnung am Flughafen Zürich kann durchaus als Ernstkampf betrachtet werden. So schickten die Kolleginnen der Dispo die STBY05 nach Narita und mir kam die Ehre zu, der letzte Rettungsanker für die Spätabflüge zu spielen. So schiebe ich schon wieder Reserve-Dienst und kann davon ausgehen, dass der eben publizierte Einsatzplan bereits wieder Makulatur ist. Ich darf damit rechnen, dass der ganze Monat umgekrempelt wird – die Freitage auch …

Mein Kollege hat die Einsatzproblematik mit dem Stones Lied „I can't get no satisfaction…“ beschrieben. Ich bediene mich am heutigen Bundesfeiertag (Tag der Schweizer Uneinigkeit) dem volkstümlichen Liedergut: „Lustig ist das Pilotenleben, faria faria ho, …“