Donnerstag, Juli 15, 2010

Schnupperlehre

Eine Schnupperlehre ist eine gute Sache. Wie es der Name schon sagt, schnuppert der Berufsaspirant an seinen neuen Aufgaben und beurteilt dann, ob es ihm gefällt. Unverhofft bin ich heute in den Genuss einer solchen Schnupperlehre gekommen. Eine charmante Dame der Disposition warf mir nach einem kurzen «Guten Morgen» vier Nummernkombinationen an den Kopf, die sich ein Mann meines Alters unmöglich merken kann.
Freundlich, aber bestimmt, klärte mich die Frau auf, dass es sich bei den Nummern um Kurzstreckenflüge handle, und zwar deren vier, um genau zu sein.
Sie hätte sich in der Nummer oder gar in der Airline getäuscht, gab ich zurück und wollte den Hörer auf die Gabel legen.

«60 Minuten», war die kurze Antwort. Genau 60 Minuten hätte ich Zeit, mich und meine Flugunterlagen an den Flughafen zu bewegen. Ich parierte.

Mit einem leicht flauen Magen reihte ich mich in die Kolonne am Gubrist ein. Wenn ich von etwas keine Ahnung habe, dann von Kurzstreckenfliegerei. Ich kam mir vor wie ein Schnupper-Stift und genau so ungeschickt stellte ich mich auch an.
Im Briefing-Raum bekamen die vielen Computer endlich einen Sinn. Hier könne man den Flugplan ausdrucken, bestätigte mir ein junger Copilot. Ich versuchte es vergeblich. Ein anderer Nachwuchsflieger bot mir Hilfe an und schwupps hatte ich vier Flugpläne in der Hand. Viermal 1:20 Flugzeit macht etwas über fünf Stunden. Dazu gesellten sich Wartezeiten, Umsteigezeiten, Planungszeiten – aber zu meinem Erstauen keine Essenszeiten… Die totale Arbeitszeit wurde auf über zehn Stunden berechnet. Da wäre ich in Miami oder in New York oder fast in L.A. – aber nein, nach diesem langen Tag werde ich mich im Stau am Gubrist wiederfinden und zwar mit einem grossen Loch im Magen. So war das zumindest geplant.

Das erste Teilstück führte uns nach London. Damit der Schnupper-Stift nicht ganz aus der Fassung kommt, hiess die Flugnummer gleich wie der Flugzeugtyp. SWISS 332 kann sogar ich mir merken.
Über die Bodenzeit möchte ich mich nicht äussern. Das war ein einziges Ärgernis. Zwei SLOTS verpasst und mit einer Verspätung von fast einer Stunde in die Luft. Endlich!
Der ultraleichte Flieger hüpfte wie eine Feder von einer Windböe zur anderen und verhielt sich wie ein Teenager in der Pubertät. Dieses Flugzeug ist für Reisen gebaut und nicht für Hüpfer.

Wie in einer richtigen Schnupperlehre so üblich, hat sich die Übungsleitung für den Schnupper-Stift eine kleine Gemeinheit ausgedacht. Man will den Kerl doch richtig verarschen. Seitenwind von 30 Knoten. Böen, Windscherungen und Turbulenzen warteten auf meine Wenigkeit. Doch bevor der Höllenritt beginnen kann, trifft man wie in Heathrow üblich, die Vertreter der verschiedenen Allianzen im Biggin Holding. Dreissig Minuten dauerte das …
Völlig unerwartet landete eine dampfende Aluminiumfolie auf meinem Tischchen mit einem Gruss der Küche. Skeptisch hob ich die Folie und sah auf die rotbraune Pampe herunter. Was das sei, fragte ich meinen Kollegen. Das nenne man auf der Kurzstrecke Essen, seine knappe Antwort. Guten Appetit.
Mit reichlich E-Stoffen im Magen steuerte ich die 27L an und traf die Piste sanfter als erwartet.
Der Rest des Tages ist schnell erzählt. SLOT absitzen, warten, Passagiere zählen und so schnell wie möglich wieder abhauen.

Die Verspätung summierte sich auf Höhen, die der Flugnummer gleich kamen. Aus vier Legs wurden zwei. Es bleibt die Erkenntnis, dass sich weder Langstreckenflugzeuge noch Langstreckenbesatzungen für Kurzstreckeneinsätze eignen.

Jetzt sitzt der Schnupper-Stift dank des frühen Feierabends auf dem eigenen Balkon und stellt sich die Frage, ob er diese Lehrstelle wirklich antreten soll ...