Mittwoch, Mai 26, 2010

Flugbücher

Wissen sie, was der wahre Reichtum der Piloten ist? Es ist weder der Haufen Geld, den sie angeblich verdienen und auch nicht die goldenen Streifen an den Ärmeln. Es ist die Zeit, die man losgelöst von Verpflichtungen und Terminen in fremden Städten geniessen kann. iPod, iPhone, iPad, iBook und andere iTerroristen auf OFF – kein Internet, kein TV, kein Radio – einfach nichts. Das sind Momente, in denen einige in Panik verfallen und andere als unendliches Glücksgefühl empfinden.

Ich gehöre zur zweiten Gruppe.

Mit einem Buch unter dem Arm sitze ich in ein Kaffee, auf eine Parkbank oder einfach in einen japanischen Vorortszug. Die Zeit spielt keine Rolle, hat keinen Wert. OpportunitätsKosten tendieren gegen Null – das Paradies schlechthin!
Das wechselseitige Abtauchen in die fremde Welt vor den eigenen Augen und die Phantasiewelt im Buch ist unbeschreiblich entspannend, bereichern und erregend!
Wichtig ist dabei die richtige Auswahl des Lesestoffs. Nicht zu schwer – thematisch und physisch – darf er sein, bitte keine Klassiker, die alle kennen, aber niemand gelesen hat und auch nichts melancholisches. Ideal für einen Zweinächter ist das Taschenbuch mit etwa 300 Seiten und einem Inhalt, der einem in jeder zweiten Seite zum Schmunzeln bringt.
300 reichen gerade für zwei Tage. Das Buch sieht danach aus, als wäre es hundert Mal ausgeliehen worden. Die Seiten sind zerknittert, das Cover zerzaust. Ich verschlinge die Bücher förmlich und lese sie bis zur Unkenntlichkeit. Mit der letzten Seite nehme ich Abschied und werfe es in den nächsten Abfalleimer. Die Geschichte verschwindet, ich schaffe Platz für neue Abenteuer. Manche verstehen das nicht, manche sehen das als Respektlosigkeit gegenüber des Autors an. Ich nicht. Ich bin einfach kein Sammler. Bücher sind für das Herz, für den Kopf und die Seele geschrieben worden, nicht um in Bücherwänden zu stehen.

So, trotz grosser Freiheit an meinen arbeitsfreien Tag habe ich einen Termin. Der Bus fährt gleich und ich entschwinde für ein paar Stunden in den Häuserschluchten von Tokio. Unter dem Arm ein Buch. Adieu liebe Leser, bis bald!


Intelligenz, behaupten die Intelligenten, ist die Fähigkeit, sich der Situation anzupassen. Wenn du ein Buch verkehrt in die Hand genommen hast, lerne, es verkehrt zu lesen.

Wieslaw Brudzinski

Kommentare:

  1. statt die bücher wegzuwerfen kann man sie prima mit BookCrossing in die freiheit entlassen: http://www.bookcrossing.com/

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  2. Na solange Du nicht das lästige dicke graue Buch so entsorgst ;-)....

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  3. Ich lese wahnsinnig gerne bei Dir. Fühle ich mich doch so oft an die Zeit meiner 6jährigen Fernbeziehung (Zürich - Düsseldorf - Zürich) erinnert.

    Danke - lesenswerter Blog!

    Grüessli
    Sternenzauber

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  4. Das Gefühl kenne ich gut.
    Man bracuht so wenig, um glücklich zu sein.
    Freiheit und Ruhe.

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  5. ein wunderbares buch für ein 2-täger:
    love story: http://www.amazon.de/Love-Story-Roman-Erich-Segal/dp/3596167698

    hat sogar nur 160 seiten, müsste also in einem abend gelesen sein.

    ich beneide dich ehrlich gesagt um diese "auszeiten".

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  6. Danke für die Tipps!

    Bei mir beginnen die 35 langen Bereitschaftstage. Nur der Planungs-Gott weiss, wo er mich hinbringt. Der richtige Zeitpunkt endlich KRIEG & FRIEDEN zu lesen. 1580 Seiten in Kleinstschrift...

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