Montag, April 26, 2010

verpasst und ausgegrenzt

Ich fühle mich wie ein Primarschüler, der den jährlichen Klassenausflug verpasst hat. Die Gespräche im Operation Center drehen sich alle um das eine Thema. «Wo warst du in den Vulkanferien?» «Wo bist du stecken geblieben?» Ich stehe mit meinem Automatenkaffee stumm am Tisch, lausche den Geschichten und werfe ab und zu die Frage «Vulkan?» in die Runde. Auch dieser bescheidene Versuch humorvoll zu sein hilft nicht, mir Gehör zu verschaffen.

Der junge Steward mit dem Gesicht eines Sechzehnjährigen und der Weisheit eines Greisen, erzählt von der Dramatik des fünftägigen Aufenthalts ohne Facebook in Japan. Seine Jahrgängerin quittiert mit «so schlimm!» und berichtet von ihrem Sonnenbrand, den sie sich während vier Tagen am Pool in Delhi geholt habe «so schlimm! – und dann dieses Essen – so schlimm!».

Brauche ich schon wieder Ferien? Nein, ich brauche andere Gesellschaft. Ein Tisch weiter stehen die alten Copiloten. «Alte Copiloten» darf man in unserer Firma sagen, das ist kein Tabu, das ist eine Tatsache. Fünfzehn und mehr Jahre Langstrecke hinterlassen Spuren an Bauch und Seele, auf der Haut und an der Haarpracht.
Hier sieht man den Vulkansausbruch gelassener. Man zeigt Verständnis für die Sturm- und Drangzeit isländischer Vulkane, schliesslich war es für die Meisten von uns nicht das erste Grounding.

Der Arbeitstag nimmt seinen Lauf. Planung des Flugs, Papiere ausfüllen, Treibstoff bestellen. Ich darf zuerst schlafen und lege mich in die kleine Kammer und das mitten am Tag. Dass ich nicht schlafen kann liegt nicht nur an der Tageszeit, sondern auch an meiner Reiselektüre. Franz Hohler hat vor Jahren das Buch «der neue Berg» geschrieben. Da bricht ein Vulkan im Zürcher Unterland aus und bringt einiges durcheinander. Aus aktuellem Anlass habe ich das Buch in den Crewbag gepackt. Zehntausend Meter unter mir liegt Island, neun Stunden entfernt die Destination Los Angeles.

Tragödien verlieren mit einem guten Buch ihre Dramatik!

Kommentare:

  1. Ein Grund wiedereinmal ein Buch in die Hände zu nehmen, demnach ein gelungener Text!

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  2. Andere waren, während die ganze Firma Vulkan- oder andere Ferien hatte im Simulator. Dieser funktioniert nämlich bei Tag und Nacht, bei Regen und Sonnenschein und sogar bei Vulkanasche...

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  3. Gut getroffen.

    Ich bin auch ein bißchen traurig, am Vulkanchaos nicht aktiv beteiligt gewesen zu sein. Schließlich hat diese Vulkangeschichte großes Potential ein markanter Punkt in Geschichten rund um die zivile Luftfahrt zu werden - und immer wieder als Aufhänger herausgekramt zu werden, wenn man sich in der Crew nichts zu sagen hat.

    Sätze wie "Und, wo warst Du am 11.September?", "Bist Du beim Riesen-Schneechaos 1984 geflogen?" oder jetzt auch "Wo bist Du beim Vulkanchaos hängengeblieben?" gehen ja immer :)

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