Donnerstag, März 18, 2010

Freikörperkultur

Mmh, jetzt habe ich ein Problem.

Schade, denn bis jetzt lief alles perfekt. Ein freier Tisch, warme Temperaturen, ein dampfender Milchkaffee und meine Lieblingszeitung «die Zeit» – alles war bereit und jetzt das! Die Zeit ist eine deutsche Zeitung und deutsche Zeitungen muss man mit Schwung und viel Energie aufschlagen. Nicht nur die klare deutsche Sprache verlangt nach diesem Einsatz, sondern auch das grosse Format.
Kleingeratene Blätter wie «20-Minuten» sind für Leser ohne Selbstvertrauen. Man kann sich klein machen, in der Ecke verstecken und Klatschspalten studieren.
Deutsche Lektüre braucht Platz, nimmt Raum ein. Nachbarn von Zeit-Lesern wissen schon bevor sie sich im Flugzeug setzen, wem die Armlehne gehört. Dem Leser der Zeit! Er braucht einen Wendeplatz für seine mit Buchstaben beschriebene Tapete, er braucht Raum zum Nachdenken.
Deutsche Zeitungen sind für selbstbewusste Frauen und Männer mit Eiern.

Verzeihen sie mir diesen Ausdruck, aber ich brauche diese Metapher um den Bogen zu meinem Problem zu spannen. Seit vielen Jahren bin ich Abonnent der Zeit und darum mit dieser Inszenierung des Zeitungsaufschlagens bestens vertraut. So setze ich mich vor ein paar Minuten an den freien Tisch unter blauem Himmel und löste die Plastikfolie, die meine Lektüre vor Transportschäden schützte. Sekunden später verstummten die Gespräche im Gärtchen des Kaffeehauses.
Über die halbe Titelseite erstreckte sich ein Bild, das eben die oben erwähnten Eier im Grossformat zeigte. Daneben war eine ebenfalls nackte Frau, die sich mit der Hand die Scham verdeckte. Der Artikel handelte von «Sexualität und Moral». Was aber meine Nachbarn in den Bann zog, war nicht die Überschrift des Leitartikels, sondern die Grossaufnahme dieses männlichen Glieds. Entgegen dem allgemeinen Trend unrasiert, aber von stattlicher Grösse. Glücklicherweise nicht erigiert.

Sehen sie das Problem nicht?

Ich schon: Ich bin in K A L I F O R N I E N!

Vor meinem geistigen Auge laufen die Boulevard Schlagzeilen vom Freitag vorbei:

Copilot belästigt Kalifornierinnen mit obszönen Bildern.
oder
Flug abgesagt, Passagiere gestrandet, Copilot im Knast.

Die Dame schräg gegenüber schüttelt den Kopf; die Mutter von zwei kleinen Mädchen hält den beiden die Hand vor die Augen; ein alter Mann stupst seine Frau, die verzweifelt nach der Brille sucht.

I‘m in deep trouble!

Hastig und beschämt verstaue ich «die Zeit» in der Tasche und greife nach meiner anderen Lieblingszeitung. Mit der habe ich in den Staaten garantiert keine Probleme, dafür hie und da in der Schweiz. Warum verstehe ich nicht, die WOZ ist doch ein gut recherchiertes Blatt ...

Kommentare:

  1. vielleicht solltest du der zeit-redaktion dein erlebnis schildern und anregen, sofern notwendig, eine zensierte variante zu publizieren. stell dir vor das wäre dir in einem orientalischen land passiert

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  2. Auch in der SBB wurde ich letzte Woche wegen desselben Zeit-Titelbildes etwas schräg von zwei alten Frauen angestarrt.

    Aber einen Vorteil hat es: 4 Plätze für mich allein. Das Format scheint furchteinlösend zu sein.

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  3. Zuerst legte ich sie offen auf den Einkaufswagen. Anch ein paar Blicken klappte ich sie verschämt zusammen, nach innen.So landete sie auch auf dem Kassenband. Die Kassiererin hat alles wieder zurechtgerückt. Die Zeitung wurde offen auf der Ablage ausgelegt. Die WAre hat sie schön daneben gestapelt, damit ja nichts draufkommt.
    Ich bin immer noch begeistert über die Wirkung von zwei nackten Unterteilen.
    Aber in den USA? Sie sind ganz schön mutig.

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  4. Peinlich, peinlich! Aber sieh's positiv: Es hätte auch in Saudi-Arabien passieren können. Das gäbe Schlagzeilen! "Schweizer im Ausland völlig kopflos"...

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  5. Die Augen von den armen Amis hätte ich gerne gesehen :)
    Ich hoffe ihr macht nicht mehr zu viel aufsehen in LA, denn ich möchte am Samstag abend gerne pünktlich LAX verlassen ;)

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  6. Tatsächlich in LAX? Da ist man seinem Idol ja ganz nahe ;)
    Guten Rückflug.

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  7. Interessant finde ich auch die Aussage zu dem Thema aus der aktuellen Ausgabe, dass die 800 "Zeiten" die in GB jede Woche verkauft werden, wegen des Titelbildes auf Seite 1 extra mit einem goldenen Aufkleber überklebt wurden...

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