Mittwoch, März 31, 2010

soll ich Pilot werden?

Immer wieder werde ich von Nachwuchspiloten und Wannabes gefragt, ob ich den Pilotenberuf noch einmal ergreifen würde? Die Frage ist meist eine versteckte und meint in Wirklichkeit, ob der Gefragte dem Fragesteller empfehlen könne, Pilot zu werden.
Jetzt stehen wir schon vor zwei Fragen, die so einfach nicht zu beantworten sind, besonders nicht per Mail oder in einem Blog.

Fragt mich das ein flugverrückter Junge mit feuchten Augen auf der Besucherterrasse am Flughafen (erlaubt) oder im Cockpit (nicht erlaubt), dann ist die Antwort klar. Junge tue es! Steck deine ganze Energie, dein Erspartes und das Vermögen deines Vaters in das Projekt «Pilot werden». Geniesse es, die Physik, die Zweifel, die Ängste, die Hürden und die vielen Prüfungen zu überwinden und verwirkliche deinen Traum. Träume verwirklichen ist das schönste und befriedigendste was dir passieren kann, vielleicht sogar der Sinn des Lebens.

Muss ich die Frage bzw. die Fragen aber elektronisch beantworten, ist das schon schwieriger. Warum fragt er mich das? Will er eine ganz persönliche Einschätzung oder einen Rat fürs Leben? Einen Rat fürs Leben kann ich ihm nicht geben, eine persönliche Einschätzung will ich dem Unbekannten auch nicht auf dem Serviertablett präsentieren. Dazu bin ich zuwenig «Generation Facebook».

Ich weiche den Fragen am liebsten aus, verweise auf bereits publizierte Texte und Beiträge in Blogs. Zum Beispiel den Artikel (siehe Seite 9) eines jungen Piloten bei der Swiss, der nach knapp einem Jahr auf der «Strecke» Bilanz gezogen hat. Oder den eines alten Copiloten, der sich in einer Verbandszeitschrift (siehe s.13) Gedanken über das Image der Piloten machte.

Zurück zur Frage. Lassen wir diese von einem Kapitän beantworten. Chesley "Sully" Sullenberger hat in einem Hearing vor dem «subcommittee of the House Transportation and Infrastructure Committee» folgenden bemerkenswerten Satz gesagt:

«I do not know a single professional airline pilot who wants his or her children to follow in their footsteps.»

Samstag, März 27, 2010

Bierjunge!

Während meines Studiums hätte ich mir vorher auf die Zunge gebissen, bevor mir dieses Wort über die Lippen gekommen wäre. Jetzt darf ich es ungestraft – oder bleibt dies hier nicht ungestraft? – in meinem Blog als Überschrift benutzen.

Ich habe – lassen sie mich rechnen – vor 24! Jahren ja nicht nur studiert, sondern auch ein bisschen das Leben genossen. Dazu gehörte auch das freitägliche Singen und die verbalen Duelle im Keller der Studentenverbindung. Der Wirt duldete uns, die Wirtstöchter liebten uns und die Dozenten hassten unsere Fratzen am Tag danach. Ja, damals besuchte man auch samstags die Vorlesungen – zumindest war man im Hörsaal anwesend.

Warum ich das hier schreibe? Ganz einfach, wieder einmal flog eine reine Elektraner-Cockpit-Besatzung das weiss-rote Flugzeug nach irgendwo auf dieser Welt. Das letzte mal war ich mit Ikarus unterwegs, im Moment mit Pfupf. Mit Pfupf sass ich schon auf der 747 auf den harten Cockpit-Stühlen und wanderte über die Mauer in Peking. Nach Jahren studentenverbinderischer Cockpit-Absenz, hat sich endlich wieder einmal Gelegenheit dazu ergeben. Er mittlerweile Langstrecken-Kapitän, ich immer noch Copilot.

So sitzen wir zusammen im 37-Grad heissen Delhi, essen scharfes Curry und hängen uns gefahrlos Bierknaben an. Passieren kann nichts dabei, wir haben Bierverbot, wir fliegen bald wieder.

Falls sich farbentragende Mitleser an dieser Stelle berufen fühlen, einen entsprechenden Kommentar abzugeben, muss ich betonen, dass ich allfällige Duelle nur in Hong-Kong austrage.

Mis Blüemli!

Donnerstag, März 25, 2010

Handjob

Fliegen ohne Espresso ist brutal, Wandern auch!

Handpresso hat uns Espresso-Liebhaber erlöst.



Endlich gibt es eine Alternative zur Cimbali, die auch in einem A320 Cockpit Platz findet.
Irgendwann muss ich wieder auf die Kurzstrecke, dank Handpresso hat dieses Szenario an Schrecken eingebüsst.

Donnerstag, März 18, 2010

Freikörperkultur

Mmh, jetzt habe ich ein Problem.

Schade, denn bis jetzt lief alles perfekt. Ein freier Tisch, warme Temperaturen, ein dampfender Milchkaffee und meine Lieblingszeitung «die Zeit» – alles war bereit und jetzt das! Die Zeit ist eine deutsche Zeitung und deutsche Zeitungen muss man mit Schwung und viel Energie aufschlagen. Nicht nur die klare deutsche Sprache verlangt nach diesem Einsatz, sondern auch das grosse Format.
Kleingeratene Blätter wie «20-Minuten» sind für Leser ohne Selbstvertrauen. Man kann sich klein machen, in der Ecke verstecken und Klatschspalten studieren.
Deutsche Lektüre braucht Platz, nimmt Raum ein. Nachbarn von Zeit-Lesern wissen schon bevor sie sich im Flugzeug setzen, wem die Armlehne gehört. Dem Leser der Zeit! Er braucht einen Wendeplatz für seine mit Buchstaben beschriebene Tapete, er braucht Raum zum Nachdenken.
Deutsche Zeitungen sind für selbstbewusste Frauen und Männer mit Eiern.

Verzeihen sie mir diesen Ausdruck, aber ich brauche diese Metapher um den Bogen zu meinem Problem zu spannen. Seit vielen Jahren bin ich Abonnent der Zeit und darum mit dieser Inszenierung des Zeitungsaufschlagens bestens vertraut. So setze ich mich vor ein paar Minuten an den freien Tisch unter blauem Himmel und löste die Plastikfolie, die meine Lektüre vor Transportschäden schützte. Sekunden später verstummten die Gespräche im Gärtchen des Kaffeehauses.
Über die halbe Titelseite erstreckte sich ein Bild, das eben die oben erwähnten Eier im Grossformat zeigte. Daneben war eine ebenfalls nackte Frau, die sich mit der Hand die Scham verdeckte. Der Artikel handelte von «Sexualität und Moral». Was aber meine Nachbarn in den Bann zog, war nicht die Überschrift des Leitartikels, sondern die Grossaufnahme dieses männlichen Glieds. Entgegen dem allgemeinen Trend unrasiert, aber von stattlicher Grösse. Glücklicherweise nicht erigiert.

Sehen sie das Problem nicht?

Ich schon: Ich bin in K A L I F O R N I E N!

Vor meinem geistigen Auge laufen die Boulevard Schlagzeilen vom Freitag vorbei:

Copilot belästigt Kalifornierinnen mit obszönen Bildern.
oder
Flug abgesagt, Passagiere gestrandet, Copilot im Knast.

Die Dame schräg gegenüber schüttelt den Kopf; die Mutter von zwei kleinen Mädchen hält den beiden die Hand vor die Augen; ein alter Mann stupst seine Frau, die verzweifelt nach der Brille sucht.

I‘m in deep trouble!

Hastig und beschämt verstaue ich «die Zeit» in der Tasche und greife nach meiner anderen Lieblingszeitung. Mit der habe ich in den Staaten garantiert keine Probleme, dafür hie und da in der Schweiz. Warum verstehe ich nicht, die WOZ ist doch ein gut recherchiertes Blatt ...

Samstag, März 13, 2010

ein Königreich für ein Bett

Er schläft, aber er schnarcht nicht.

Mein Kollege hat die Augen geschlossen und versucht so Kraft zu sammeln für die restlichen Stunden in der trockenen Röhre. Leise verrichte ich meine Tätigkeiten. Ich will ihn nicht wecken, er braucht die Pause.
Auf der Frequenz von Dakar ist es ruhig. Die wenigen Flugzeuge, die um diese Zeit den afrikanischen Himmel durchpflügen, machen wenig Lärm. Positionsmeldungen werden mit gedämpfter Stimme durchgegeben, Begeisterung hört man selten.
Wenn ich um diese Zeit auf die Uhr schaue, muss ich an die Partygemeinde denken, die sich heute Nacht freiwillig um den Schlaf bringt. Wissen diese Leute nicht, wie wertvoll Schlaf ist? Wie schön es ist, sich unter einer Daunendecke zu strecken? Schlafentzug ist Folter, nicht Vergnügen.

Senegal ist dunkel, wie der Rest Afrikas auch. Weit und breit keine Lichter zu sehen. Schwarze Farbe in ihrer ganzen Reinheit. Kein Bitzen und Blinken – einfach schwarz.

Der Kapitän schläft, der andere Copi auch. Ich bin alleiniger Herr über die A340. Boss von über 179 Tonnen Aluminium, Gepäck und Passagieren – und nicht zu vergessen, ein kleiner Ölscheich mit noch 40‘000 Litern Kerosin in den Tanks. Mein Arbeitgeber überlässt mir eine hübsche Stange Geld in dieser dunklen Nacht. Die Versicherungssumme beläuft sich auf einen Betrag, der ziemlich genau zehntausendmal Grösser ist als mein Jahreslohn. Eine grosse Verantwortung, auch eine grosse Ehre. Dennoch würde ich es gerne gegen ein grosses Bett eintauschen, ein Bett in einer ruhigen Umgebung mit kuscheliger Decke. Ein Königreich für ein Bett! Wer tauscht?

Donnerstag, März 11, 2010

Fleisch ist und bleibt das beste Gemüse

Schliessen sie die Augen, gehen sie in sich und Atmen sie ruhig. Wenn das Gleichgewicht hergestellt ist, stellen sie sich blauen Himmel und Temperaturen um die dreissig Grad vor. Die Hautporen öffnen sich und die Seele auch. Willkommen in Brasilien!

Herrlich, wieder einmal mit Shirt und kurzen Hosen im Ibirapuera Park zu joggen. Inmitten von sehr schönen Leuten zwölf Kilometer zu rennen und dem Schweiss freien Lauf zu lassen. Die Mitstreiter und vor allem die Mitstreiterinnen sind knapp bekleidet und verstecken ihre Reize nicht unter Schichten von Gore-Tex und Baumwolle. Das beflügelt –, das beflügelt weit mehr als der Zuckersaft aus dem Österreichischen.

Apropos Zuckersaft. Etwas trübt meine Lauffreude, und zwar der Zuckersaft von gestern Abend. «Vitaminos» habe ich mit bestellt und es kamen Gläser voller Limetten, Zucker und anderen Ingredienzien. Es schmeckte nach den Bergen von Fleisch ganz lecker und ich bestellte noch einen, dann noch einen, dann…
Ein Fehler, wie sich später herausstellte.

Doch was soll‘s? Neunzig Minuten hatte ich nun Zeit, meine Sünden von gestern reinzuschwitzen und dem Körper wieder Gutes zu tun. Die Beine wurden beansprucht, der Magen durchblutet, die Lungen durchlüftet und die Netzhaut gereizt –, gereizt durch die abgasgeschwängerte Luft und die ungeschwängerten Läuferinnen. Man ist auch nur ein Mann.

Am Abend werden die Kalorienspeicher wieder mit gesunder Kost gefüllt. Fleisch ist und bleibt das beste Gemüse und von diesem Gemüse hat es hier in Brasilien reichlich. Wer weiss, vielleicht trinke ich dann nach dem Essen noch einen «Vitaminos» – nur einen, ich schwöre es!

Jetzt wiederholen wir die Übung vom Anfang.
Schliessen sie die Augen, gehen sie in sich und Atmen sie ruhig. Wenn das Gleichgewicht hergestellt ist, stellen sie sich blauen Himmel und Temperaturen um die dreissig Grad vor. Die Hautporen öffnen sich und die Seele auch. Grüsse aus Brasilien in das kalte Europa!

Donnerstag, März 04, 2010

Selektive Hörschwäche

In den Weiten des Internets gefunden:

Selektives Hören ist ein unter Männern weit verbreitetes, von Frauen oft unterschätztes, ontologisches Syndrom.

Wenn z.B. eine Frau sagt:
"Hör mal zu! Das hier ist ein einziges Durcheinander! Du und ich, wir machen jetzt sauber. Dein ganzes Zeug liegt auf dem Fußboden und wenn wir nicht bald waschen, läufst du demnächst ohne Klamotten herum. Du hilfst mir jetzt, und zwar sofort!'

Dann versteht der Mann:
Blablablabla Hör mal zu
Blablablabla du und ich
Blablablabla auf dem Fußboden
Blablablabla ohne Klamotten
Blablablabla und zwar sofort!

Diese temporäre Hörschwäche gilt leider als schwer therapierbar.
Männer konzentrieren sich eben auf das Wesentliche.