Den ersten Ausweis halte ich bei der Einfahrt ins Parkhaus am Flughafen an einen Leser. Die Pforte öffnet sich und eine Werbung wünscht mir einen schönen Flug. Dieser Wunsch deckt sich mit meinen Erwartungen an diesen Arbeitstag und ich hoffe, dass ich in absehbarer Zeit auch ein Cockpit von innen sehe. Das steht im Moment noch in den Sternen, müssen doch bis zum Flugzeug noch einige bürokratische Hürden überwunden werden.
Vor der nächsten Pforte zücke ich meinen Personalausweis und halte ihn an den für mich vorgesehenen «Reader». In der engen Schleuse, in der nur eine Person mit Koffer Platz findet, sind mehrere dieser Lesegeräte eingebaut. Verschiedene Firmen, verschiedene Sicherheitskonzepte - so ist das paranoide Leben heute halt organisiert.
Glücklich in das Innerste des Planungsgebäudes hereingelassen zu werden, schlendere ich zu meinem Spind. Drei Ziffern müssen übereinstimmen, damit der Zugang zu meinem Kittel, meinen Rangabzeichen und meiner Krawatte freigegeben wird. Den Koffer stelle ich mit einer speziellen Sicherheitsmarke versehen in eine Ecke und öffne mein Postfach mit einem extra dafür vorgesehenen Schlüssel. Nach einem Schwatz mit Kollegen stehe ich vor einem Terminal, wo ich mein Kurzzeichen und das hochgeheime Passwort eingeben darf. Das Programm nimmt dankend zur Kenntnis, dass ich anwesend bin und fragt mich neuerlich nach einem Passwort, damit auch meine elektronische Post angezeigt wird.
Endlich treffe ich meinen Kapitän und wir zerbrechen uns gemeinsam die Köpfe, wie viel Kerosen wir heute bestellen sollen. Zahlen werden am ungesicherten Terminal (was für ein Skandal!) eingegeben, Kabinenbesatzung begrüsst und gemeinsam laufen wir zum Sicherheitscheck im Keller. Der Koffer kommt auf das Band, die Tasche auch, der Laptop in die vorgesehene Box, die Gürtelschnalle in eine andere, den Kugelschreiber werfe ich im letzten Moment auf den Laptop und die Brille deponiere ich auf das Tischchen neben der Strahlenschleuder. Es piept nicht, doch trotzdem bittet mich ein Beamter in eine dunkle Kammer, wo ich gründlich abgesucht werde. «Warum dies notwendig sei?», frage ich den grimmigen Herrn in Blau. «Vorschrift!», brummelt er in seinen Bart und ich kann es nicht lassen nachzuhaken. «Jetzt hat die Maschine doch bestätigt, dass ich bomben- und schusswaffenfrei bin.» «Quote», brummelt der Polizist, «Quote - jeder zwanzigste Angestellte, der dieses Tor durchschreitet, wird noch zusätzlich von Hand abgesucht», erwidert er leicht erregt.
Ich unterbreche ihn beim Eiersuchen nicht und lasse die unerotische Prozedur über mich ergehen. Zehn Meter nach dem Darkroom die nächste Kontrolle. Ein weiterer Herr in Blau will genau wissen, wer das gelobte Schengenland verlässt. Brav zeige ich ihm meinen Ausweis, der durch alle Instanzen der Hauptstadt Bern autorisiert wurde und bei dessen Verlust ich beim Bundesrat persönlich vorsprechen muss. «Reicht nicht», höre ich ihn hinter dem Sicherheitsglas brummeln. «Warum?», meine logische Frage. «Bei der Ausreise aus Schengenland braucht es einen Pass oder eine Identitätskarte.» Dass meine Identität durch den hochoffiziellen Ausweis, der an meinem Hals bammelt eindeutig geklärt sei, lässt der Herr nicht gelten. So suche ich halt den Reisepass im grossen Durcheinander.
An der Bushaltestelle «Nicht Schengen Destinationen» warte ich zusammen mit zahlreichen anderen Langstreckenbesatzungen auf eine Fahrgelegenheit zu meinem Arbeitsgerät. Bei der Bushaltestelle «Schengen Destinationen» steht ein leerer Bus und wartet auf Kunden. Jetzt muss man wissen, dass diese beiden Busstops ganze fünf Meter auseinander liegen. Nur ist es dem Busfahrer strengstens untersagt, den Rückwärtsgang einzulegen und Wartenden aufzuladen. Auch ich hüte mich, die paar Meter unter die Füsse zu nehmen und zum Bus zu laufen. Hier am Ausreisepunkt wimmelt es von Revolverhelden und wer weiss, wie schnell der Finger am Abzug ist, wenn ein Copilot ein solch grobfahrlässiges Vergehen begeht.
Endlich kommt der Bus und bringt uns vor unser Flugzeug. An der Treppe steht eine Hilfskraft, die peinlich genau unsere Ausweise kontrolliert. Der Ausweis, der vor Minutenfrist nicht reichte ein Gebäude zu verlassen, wird jetzt benötigt, um ein 180 Millionen teures Fluggerät zu besteigen. Ich liebe die Logik der Sicherheitsfanatiker! Mit der Tasche in der einen und der Quittung für die 55 Tonnen Kerosen in der anderen Hand, erklimme ich die Stufen zum Glück. Oben wartet - wer hätte es auch anders erwartet - wieder eine Dame, die meine Identität prüfen will. Ich lasse die Prozedur murrend über mich ergehen und falle müde und abgekämpft in meinen Sitz im Cockpit.
Den Computer befreie ich mit dem Spezialschlüssel aus seiner Sicherheitsbox, das richtige Passwort zaubere ich auf die Tastatur, die Hochsicherheitstüre wird mit einem Knopfdruck aktiviert und die Starterlaubnis per Funk eingeholt. Jetzt endlich beginnt das Abenteuer «Flug» erst richtig.
Schon nach wenigen Flugminuten werden uns zwei Formulare der indischen Behörden unter die Nase gehalten. Alles wollen sie wissen: Uhren, Computer, Telefone, Schmuck, Währungen, Passnummer, Ausstellungsort, Gültigkeit, Ausstellungsdatum, Geburtsort, und, und, und…. müssen auf den Papieren vermerkt und mit Unterschrift die Korrektheit der Daten bestätigt werden.
Unzählige Kontrollen, Stempel und Durchleuchtungen folgen, bis wir müde aber glücklich in Delhi vor dem Hoteltresen stehen. Ein letztes Visum des Sicherheitsbeamten findet seinen Weg auf das Formular und der Zimmerschlüssel wird uns ausgehändigt. Nach einem langen Flug und durchleuchtet wie ein Patient auf der Intensivstation, falle ich kaputt ins flauschige Bett. In 24 Stunden geht das Theater wieder von vorne los!