Montag, Dezember 14, 2009

Room 1827 – Service Please


Überall auf der Welt leiden Hotelzimmer unter drei unheilbaren Krankheiten: Zwanzig-Watt-Birnen, ab Mitte April wird nicht mehr geheizt und die Kissen sind mit irgend etwas zwischen Holz und Rohgummi gefüllt.
Ephraim Kishon

Wenn ich nach einem langen Flug im Hotel ankomme, dann läuft das immer nach dem gleichen Muster ab. Nach Erhalt des Zimmerschlüssels reisse ich dem Pagen meinen Koffer aus den Händen und eile zum Fahrstuhl. Nicht, dass ich den Service des Angestellten nicht schätzen würde, aber bei einer Besatzung von 13 Personen dauert die Auslieferung seine Zeit. Zeit, die ich nach einem Flug nicht habe, die mir zu wertvoll ist.
Im Zimmer angekommen, wird der Koffer an seinen Platz gestellt, wobei dieser Platz je nach Destination nicht so einfach zu finden ist. Manchmal ist das Zimmer zu klein, manchmal zu verwinkelt und manchmal – wie hier in Shanghai – viel zu gross.

Ich hause hier in einer Turnhalle, die trotz guter Belüftung leicht nach Chemikalien riecht, gegen die in Europa in Fussgängerzonen Unterschriften gesammelt werden. Zehn Lichtschalter zähle ich, die an den Stehlampen nicht eingerechnet. Es braucht mehrere Versuche, bis es im Badezimmer hell wird, und ins Badezimmer muss ich jetzt dringend, denn die Fahrt vom Flughafen war lang und mühsam. Das Necessaire – oh Verzeihung, den Kulturbeutel –, stelle ich auf eine elegante Box, die mit Kosmetika bis oben gefüllt ist. Im Sitzen lasse ich meinem Urin freien Lauf und wie von Geisterhand gesteuert, entweicht meinem Arsch ein kleines Lüftchen, das Dank der guten Akustik der Keramikschale klingt, wie manch ein Nachwuchsstar bei den Singwettbewerben im Fernsehen. Ich muss mich dafür nicht schämen, denn im Hintergrund träumt Bill Crosby von weissen Weihnachten.

Jetzt bin ich angekommen.

Ich pflege keine übertriebene Ordnung, halte aber auch nichts von einem Chaos. Das frische Uniformhemd wird noch vor dem Entledigen der Uniform mit den Rangabzeichen versehen und sorgfältig im Schrank verstaut. Die zu kurze Uniformhose hänge ich genauso auf, wie die zu grosse Jacke mit dem rauhen Stoff.
Mit der schmutzigen Wäsche halte ich es weitaus unkomplizierter. Neben dem Koffer häufe ich bis zur Abreise einen Turm aus übel riechenden Socken, lampigen Unterhosen, verkleckerten Uniformhemden, zerknitterten Leibchen und verschwitzter Funktionswäsche an. Gerade letztere verbreiten nicht selten nach einigen Stunden einen scharfen Geruch im Zimmer, dem keine Klimaanlage gewachsen ist. Damit es nicht soweit kommt, wickle ich eben diese Teile in solche aus Baumwolle ein. Das führt zu einem unstabilen Wäscheturm, was mir aber wiederum egal ist.

Nach einer Nacht in einem Bett, in dem vor mir schon Tausende geschlafen haben, verlasse ich mein Lager für einige Augenblicke und hänge das Schild «Service Please» an die Türfalle. Es ist die Stunde des Zimmermädchens.
Ich mag die Zimmermädchen, obwohl ich sie nie sehe. Ich mag die Zimmermädchen so sehr, dass ich in der Regel einen Geldschein unter dem Kissen verstecke. Das ist dann der Moment, wo ich mir sehr weltmännisch vorkomme.

Aus Respekt vor der Raumpflegerin räume ich den Schreibtisch frei, verstaue den Abfall im dafür vorgesehenen Behälter und lege die feuchten Badetücher auf den Boden im Badezimmer. Mein Koffer ist zu, nur den ekligen Turm aus Schmutzwäsche lasse ich dort, wo er die ganze Nacht vor sich hingemottet hat.

Drei Stunden und vier Kaffee später halte ich die Magnetkarte ans Schloss und stelle mit Freude fest, dass mein Zimmer in der Zwischenzeit generalüberholt wurde. Gestärkte Tücher hängen im Bad und das Bett sieht aus, als ob es jemand mit dem Bügeleisen traktiert hätte. Trotzdem stört mich etwas beim Rundumblick – richtig, der Schmutzwäscheturm ist weg! Man hat mir meine Wäsche geklaut!

Tatsächlich, der Platz neben dem Koffer ist leer, der Koffer selber auch. Auf dem Stuhl finde ich nichts und unter dem Bett auch nicht. Im Bad hängen frische Lumpen und auf der Chaiselongue wartet nur ein einsames Kissen darauf, zerknüllt zu werden. Beim Gang zur Tür nimmt meine Nase eine Spur auf. Es riecht – es riecht aus der Garderobe. Neben dem frischen Hemd und der brandneuen Uniform liegt ein Stapel Wäsche, der dreinschaut wie aus der Fabrik. Meine Schmutzwäsche! Zwei paar Unterhosen mit Spuren von drei anstrengenden Tagen, Socken mit Airbus-Duftnoten und nicht zu vergessen das Sporthemd, das vom gestrigen Spurt auf dem Laufband noch feucht ist und dementsprechend riecht. Sie hat tatsächlich alles fein säuberlich gefaltet und gestapelt.

Ich habe dem Zimmermädchen diesmal wohl zu viel zugesteckt.

Kommentare:

  1. Ich versuche mir vorzustellen, wie sich das wohl anhört, wenn ein Furz dem Singsang eines Superstar-Probanden gleicht. Sitze ich auf dem Topf, kriege ich diese Stimmlagen jedenfalls nicht hin. Oder die Keramikschüsseln in China haben wirklich eine klangvollere Akustik als hier bei uns ;o)

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  2. ... es liegt schon auch ein bisschen am Künstler :-)

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  3. Ist irgendwie seltsam, aber die Badetücher in jenem Hotel, in dem ich diesen Monat hause riechen wenn sie neu sind nach Alkohol... Die wurden sicher nicht mit Perwoll gewaschen.

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  4. Sehr interessanter und amüsanter Artikel, wie so oft!

    Wenngleich ich wesentlich weniger reisen muss, wenn ich im Hotel bin, stecke ich die Schmutzwäsche in den Koffer ... ob dieser dann irgendwann anfängt zu müffeln?

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